Emanzipation und sexuelle Revolution

Oder: Probleme, die auch in der Linken bestehen

"Heute scheinen (wieder) die Frauen den Ton anzugeben, für die Sexualität gleich Heterosexualität ist, Heterosexualität gleich Koitus und Mann gleich Pornograph. Eine, die anders denkt und lebt, ist schlicht eine 'frustrierte Männerhasserin' - was im Patriarchat nicht als nüchterne Realitätsbeschreibung gilt, sondern als Verstoß gegen das 1.Gebot, das da lautet: Du sollst IHN lieben (und das unter allen Umständen und um jeden Preis.)" (Die Feministin Alice Schwarzer 1989 in der Emma)

Dieser Artikel soll Frauen nicht sagen, was falsch und was richtig ist, sondern soll vielmehr versuchen, Probleme und mögliche Reaktionen zu zeigen. Es soll keine Frau denken, dass dies der einzige Umgang mit diesen Problemen ist, oder dass sie diese Probleme auch haben muss. Auch stellt dieser Artikel nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, denn dafür würde nicht einmal ein ganzes Buch reichen. Dieser Artikel soll der Beginn einer Auseinandersetzung mit diesem Thema sein.

Eine linke Frau hat viele Voraussetzungen zu erfüllen. Voraussetzungen, die Männer als emanzipiert erachten und die deshalb von frau erfüllt werden müssen, um als linke Frau anerkannt zu werden. Eine emanzipierte Frau hat selbstbewusst zu sein, muss politisches Interesse am Weltgeschehen zeigen, darf sich in Beziehungen nicht passiv verhalten, sie muss einfach auch den Mund aufmachen können. Männerphantasien, die sie dann doch nicht umgesetzt sehen wollen?

Linke Männer

Der linke Mann. Ein wahrlich schwieriges Geschöpf. Eigentlich hat er der Frauenfrage offen gegenüberzustehen. Aber allein der Wunsch oder die Aussage, dass mann keine Frauen mehr unterdrücken wolle, reicht nicht aus. Denn die jahrelange Ideologie, die Mann und Frau eingetrichtert bekommen, geht nicht von alleine weg. Beziehungsschemata lassen sich nicht durch den Gedanken auslöschen, sondern nur durch aktive Arbeit daran. Frauenfeindliche Verhaltensweisen sind auch nicht immer so offensichtlich für Männer, als dass sie sich sagen könnten, dass sie das nicht mehr tun wollten.

Sexuelle Revolution

Freiheit wurde den Frauen schon oft versprochen, aber es ist eben nicht möglich über die Köpfe der Frauen hinweg die Frauenbefreiung voranzutreiben. Die sexuelle Revolution zum Beispiel gilt als Errungenschaft für Frauen. Frauen können jetzt ohne Konventionen mit Männern Sex haben, ohne dabei einen Gedanken an Gefühle zu verlieren. Sie sind sexuell frei, oder nicht?

Zweierbeziehung ist reaktionär, es gibt keinerlei Besitzansprüche, möglichst viele Partner, mit möglichst tollen Beziehungen. Frau kann es aber passieren, dass sie dabei mit ihren Gefühlen auf der Strecke bleibt. Denn mann redet von Freiheit und geht zur Nächsten, wenn Probleme in der Beziehung auftreten. Wie fortschrittlich! Freiheit statt aufeinander eingehen heißt die Losung. Und der Spruch: "Wer einmal mit der selben pennt, gehört schon zum Establishment!", sagt schon viel über die Schwerpunktsetzung, der so fortschrittlichen sexuellen Revolution aus. Denn nur durch das Sammeln von Männern erlangen Frauen nicht die Freiheit, sich aus den gesellschaftlichen Zwängen zu befreien. Genauso wenig wie die Männer dies mit dem Sammeln von Frauen können.

Frauen und Männer haben unterschiedliche Bedürfnisse und Verhaltensmuster in Beziehungen erlernt. Frauen wurde Jahrhunderte lang eingetrichtert, dass sie einen Mann "abbekommen" müssen, denn eine Frau alleine sei nichts wert. Bei Männern war und ist eine große Anzahl an Frauen ein Männlichkeitsbeweis. Bei Frauen wird es immer noch als unweibliches Verhalten gesehen. Auch durch die sexuelle Befreiung in den 60er Jahren hat sich daran nicht viel geändert. Noch immer wird ein Unterschied zwischen dem was ein Mann macht und dem was eine Frau macht, gemacht.

Doch Frauen müssen die Freiheit verlangen auch zu ihren Gefühlen stehen zu können und wenn eine Frau, auch wenn sie links ist, ihre Eifersucht über die sexuelle Revolution stellt, dann sollte das vollkommen in Ordnung sein. Eifersucht und Besitzansprüche sind zwar an sich nichts positives oder fortschrittliches, aber sie sind in unserer Gesellschaft erlernte Verhaltensmuster, die nur sehr schwer und langsam überwunden werden können.

Dies soll nicht so verstanden werden, dass nur die monogame Zweierbeziehung zwischen Menschen als positiv und wünschenswert betrachtet wird, sondern nur, dass es auch für linke Frauen möglich und akzeptiert sein muss, wenn sie diese Art der Beziehung vorziehen. Denn in einer befreiten Gesellschaft ohne Zwänge sollte jeder Mensch mit anderen Menschen in einer Beziehung leben können, die für alle Beteiligten in Ordnung ist.

Das Thema Verhütung ist ebenfalls eine heikle Angelegenheit zwischen Mann und Frau. Frauen sind durch die Erfindung der Pille zum ständig bereiten Sexualobjekt degradiert worden. Jede andere Form von Verhütungsmittel wird als störend empfunden. Die Verhütungsfrage bleibt meist an den Frauen hängen, dabei sollte frau jeden Mann aus dem Bett schmeißen, der nicht selbst danach fragt. Fortschrittliche Männer sollten das Thema von sich aus ansprechen und sich genauso verantwortlich dafür fühlen. Verhütung ist keine Frauensache, welche die Frau dann noch schnell geheim im Bad erledigt, damit die "schöne Stimmung" nicht gestört wird.

Durch die Einführung der Pille für die Frau, wurde es den Männern leicht gemacht, dieses Thema bei der Frau abzuladen. Sie soll sich mit Hormonen vollstopfen und er hat die unkomplizierte Freude am Sex ohne sich Gedanken über die Konsequenzen zu machen. Warum gibt es eigentlich bis heute die Pille für den Mann nicht? Und auch die Kondome wurden erst dann wirklich propagiert, als die Angst vor Aids und anderen Geschlechtskrankheiten die Menschen in Angst versetzte.

Emanzipation

Emanzipation darf zu keinem Wettbewerb unter Frauen werden. Auch wenn Männer oft meinen: "Schau, wie emanzipiert die ist, werd' auch so! Emanzipier dich doch!" Die angemessene Reaktion einer Frau sollte eigentlich sein, den Mann in den Wind zu schießen, aber die häufigste ist eine Minderung des Selbstbewusstseins und ein Schritt zurück bei der individuellen Emanzipation.

Emanzipation sollte eigentlich ein Prozess sein, in dem Frauen sich gegenseitig unterstützen und sich nicht als Konkurrentinnen sehen. Was Männer emanzipiert finden, ist nicht wichtig. Das können linke Frauen schon selbst bestimmen! Denn die Emanzipation der Frau ist nicht dazu da, dass Männer Frauen damit gut finden, sondern ganz alleine dafür, dass Frauen frei und selbstbestimmt leben können!

Männer finden häufig genau das emanzipiert, was ihnen nicht gefährlich werden und nicht ihr Selbstbewusstsein stören kann. Wenn Frauen reden können, sich bei großen Plena melden, auf Demos das Megaphon halten und sich mit Marxismus auskennen und nicht so oft mit diesen "Frauenthemen" anfangen, finden Männer das emanzipiert. Wenn aber Frauen die Beziehungsschemata in Frage stellen, ist das für Männer schon nicht mehr so erwünscht. Hier hört sich dann die Unterstützung auf.

"Besinnen wir uns wieder darauf, dass es Emanzipation heißt und nicht Emannzipation! Verweigern wir die Teilnahme an diesem Wettbewerb! Was können wir dabei denn schon gewinnen? ... Ein anerkennendes männliches Wort... oder vielleicht sogar einen Mann selber! ? Das sind doch alles nur Trostpreise. Was wir gewinnen wollen, gewinnen wir nicht in einem Wettbewerb, sondern nur in einem Gemeinschaftskampf: Freiheit statt Chauvinismus!" (aus: Der Tod des Märchenprinzen, von Svende Merian).