Als vor einem Jahr die .com-Blase platzte, beruhigten uns die Analysten: Dies sei eine vollkommen normale Marktbereinigung, die "new economy" selbst sei gesund. Mittlerweile wissen wir, dass es bloß die Kleinen waren, welche zuerst gefallen sind, jetzt wanken sogar die Riesen der Branche, und wir können uns sicher sein: im System ist der Wurm drinnen.
War die .com-, also die Internetbranche, mit ihren steigenden Kursen während der letzten Jahre das Liebkind aller WirtschaftsexpertInnen, ist sie mittlerweile zum Sorgenkind mutiert. Sowohl die Kurse der deutschen als auch der amerikanischen Technologiebörsen, NeMaX und NASDAQ, sind im beständigem Fall. Seit geraumer Zeit hören wir von sinkenden Beschäftigungszahlen und Gewinnwarnungen. Und nachdem die Krise zuerst die innovativen Kleinunternehmen, die so genannten Startups, dahinraffte, welche mit rasch zusammengeschnorrtem Risikokapital (venture capital) und teilweise unseriösen Geschäftsideen aufgebrochen waren, um den neuen Markt zu erobern, überschlagen sich die Medien in den letzten Monaten mit Berichten über die teilweise alteingesessenen, was in diesem Markt allerdings auch nur 10 Jahre sein können, Unternehmen welche jetzt aufgrund ihrer Milliardenschulden tausende MitarbeiterInnen entlassen müssen. Es scheint fast schon ein Wettbewerb zu sein, in welchem sich die Firmen bemühen, den Titel "größte Wirtschaftspleite" zu erringen.
Start frei
Den Anfang machte Global Crossing (30 Mrd. $ Bilanzsumme), welche sich fast unbemerkt Anfang des Jahres den Titel "größte Pleite der IT-Branche" holte. Der Bauchfleck des Unternehmens Elsa nahm sich da schon bescheidener aus, erregte allerdings in den deutschen Medien mehr aufsehen - allerdings liegt Aachen, wo sich das Elsa-Werk befindet, ja auch näher als die Bahamas, auf welchen der Firmensitz von Global Crossing gemeldet ist.
Im Gegensatz dazu hat der Konkurs der KPNQwest da schon europaweit für Aufsehen gesorgt, immerhin waren damit knapp 100 TeraBit Bandbreite in der akuten Gefahr, stillgelegt zu werden. Anscheinend hatte auch die KPNQwest sich übernommen, so wurde noch Anfang des Jahres das Netzwerk von Ebone aufgekauft, obwohl die eigenen Kapazitäten aufgrund der gerade erst verlegten Backbones (Hochleist-ungskabelverbindungen) vollkommen ausreichend waren. Doch wollte niemand all das schöne Glasfaser, welches quer durch Europa gelegt worden war, kaufen, und irgendwann ging den werten Eltern KNP und Qwest selbst das Geld aus, um die marode Tochter durchzufüttern, stattdessen kaufte die KPN lieber den BeNeLux-Teil des Netzes zu einem Spottpreis ein. Bilanz der ganzen Chose: über 2,2 Mrd. € Schulden.
...für die Pleitenwelle
Staunte so mancher noch über diese Pleite, kam es noch besser, Worldcom, in Europa durch UUnet bekannt, holte sich mit satten 40 Mrd. $ Schulden und einem Vermögenswert von 104 Mrd. € den Titel der größten US Pleite der Geschichte von Enron zurück. CEO Bernard Ebbers liefert uns ein Musterstück, wie mensch mit einer waghalsigen Expansionstechnik zwar allein in den USA 20 Mio. Privat-kundInnen gewinnen kann, und einen Mitbewerber nach dem anderen schluckt. Wenn es sich mal nicht ausgeht, kann immer noch ein wenig an den Bilanzen rumgefummelt werden.
Keine rosige Zukunft
Doch ein Ende des großen Sterbens ist noch nicht in Sicht. Die Deutsche Telekom hat sich zwar, nach taktischer Intervention von SPD-Schröder vor dem Wahlkampf, von ihrem Geschäftsführer Ron Sommer trennen müssen, ihre 60 Mrd. € Schulden wird Europas größtes Telekommunikationsunternehmen allerdings nicht so leicht los. Und so ist ihre Aktie, welche übrigens genauso wie die grandiose österreichische jet2web Aktie als "Volksaktie" vermarktet wurde, weiter am Fallen, ein willkommenes Fressen für den CSU-Politiker Stoiber, der sich allerdings hüten wird, zuzugeben, dass er es war, der die Münchner Kirch Media jahrelang durchgefüttert hat - deren Insolvenz konnte Stoiber dennoch nicht verhindern.
Die Ursachen
Wie konnte es zu diesen mehr oder minder spektakulären Pleiten auf einem Markt, dem angeblich die Zukunft gehören soll, kommen? Warum hat keine der Beratungsfirmen Alarm geschlagen, warum vergaben die Banken immer neue Kredite an Firmen, welche bei einer näheren Betrachtung knapp vor dem Ende waren?
Einer der Gründe liegt wohl in der Gier, entgegen aller Bedenken sich möglichst schnell möglichst viel vom Kuchen sichern zu wollen. So lassen sich z.B. auch die mit 100 Mrd. eklatant hohen Lizenzgebühren für das neue Handy-Übertragungssystem UMTS erklären: Dabei sein um jeden Preis, so wurde eingekauft und ausgebaut, wo es nur ging, Kunden requiriert und Netze ausgebaut ohne auch nur einen Gedanken an die Wirtschaftlichkeit zu verschwenden. Der Zusammenschluss von Hewlett Packard und Compaq ist ein Beispiel, wo gedacht würde man könne mittels Pest die Cholera heilen, Resultat: Die neue HP ist zwar die weltweit zweitgrößte Computerfirma, dafür müssen allerdings 15.000 MitarbeiterInnen gehen, und trotzdem gibt es ein Minus von 2 Mrd. $ im letztem Jahr. Ob und wann die Synergieeffekte greifen, ist noch immer offen - momentan sieht es eher nach doppelter Arbeit aus, da zwei Produktlinien gewartet werden müssen.
Enron
Doch das Paradebeispiel schlechthin stellt Enron dar, welche zwar nicht direkt in der Telekommunikationsbranche beheimatet war, sondern auf den liberalisierten US-Märkten mit Strom handelte, ihr Beispiel ist allerdings symptomatisch für die anderen Pleiten: Ende 2001 ging sie, nachdem massive Bilanzfälschungen ans Licht kamen, mit einem Umsatz von 100 Mrd. $ und über 20 Mrd. $ Schulden in den Konkurs. Dem war eine äußerst aggressive Expansionspolitik vorausgegangen, Konkurrenten wurden aufgekauft, Märkte besetzt.
Enron wollte die erste und schnellste bei der Erschließung sein. Bezahlt wurde auf Pump, und die Banken waren willig, immer neues Geld zu geben. Geld war anscheinend wirklich mehr als genug da, und so genehmigte sich der Chefmanager (CEO) Kenneth Lay für das Jahr 2000 einen Bonus von 140 Mio. $. Alles wäre bestens gewesen, hätte dieses Geld auch real existiert, und wären Enrons Bilanzen nicht gefälscht gewesen. Es verwundert wenig, dass diese "kreative Buchführung" solange unentdeckt bleiben konnte, schließlich kassierten Enrons Finanzprüfer auch als deren Unternehmensberatung ab. Die Angestellten sind da wahrscheinlich nicht so kulant, immerhin haben sie ihre Pension, welche zum Großteil in Enron Aktien angelegt war, verloren. Nicht zuletzt haben teilweise Zigtausend Menschen, vor allem in Kalifornien, mit regelmäßigen Stromausfällen zu kämpfen, nachdem die Stromversorgung an private Firmen wie Enron vergeben wurde.
Doch gerade angesichts der Diskussionen in Österreich (Stichwort Stadtwerke) sollte es zu Denken geben, dass die B-wohnerInnen von Los Angeles, welches als eine der letzten Städte noch eine kommunale Stromversorgung pflegt, nicht nur keine Blackouts zu befürchten haben, sondern auch billiger versorgt werden als KundInnen privater Stromanbieter.
Ernüchterung
Doch neben diesem Größenwahn und blindem Vertrauen in den Markt spielte die lasche Gesetzgebung der USA eine Rolle. Jetzt nimmt die amerikanische Börsenaufsicht SEC die Zügel fester in die Hand, allerdings nicht ohne mit den neuen Bestimmungen europäischen Firmen dezent das Agieren am US-Markt zu erschweren. Warum erst jetzt härter durchgegriffen wird, lässt sich vermuten. Bekannt wurde, dass z.B. 188 Mitglieder des Repräsentantenhauses und 71 Senatoren Zuwendungen von Enron, beispielsweise als Wahlspenden, erhielten.
Nicht zuletzt dürfte die Wirtschaft selbst ein Interesse am Aufrechterhalten des Hypes besitzen, so macht in deutschen Gewerkschaftskreisen schon länger das Gerücht die Runde, dass der angebliche Beschäftigtenmangel in der ITK-Industrie nur eine Lüge sei, um ArbeitnehmerInnen unter Druck zu setzen, und billige Arbeitskräfte aus dem Trikont (der sogenannten "3.Welt") anzuwerben, was uns den amüsant-bedenklichen "Kinder statt Inder" Slogan des CDU-Politiker Rüttgers einbrachte.
Nicht zuletzt angesichts des sich verengenden Arbeitsmarkts in diesem Sektor hört sich diese These relativ plausibel an. Doch langsam scheint sich überall herumzusprechen, das die ITK-Branche keine Goldgrube, sondern eine normale Wirtschaftssparte ist, und da gehören Pleiten und Entlassungen nun mal dazu. Die viel spannendere Frage ist im Moment, ob die USA nun wieder in die Rezession, welche Anfang der 90er geherrscht hatte, zurückfallen wird, und welche Volkswirtschaften sie damit mitzieht.
Zum Glück erkennen viele Angestellte die Zeichen der Zeit und pochen zunehmend auf fixe Stellen und geregelte Einkünfte, anstatt der Anstellung mittels Werkvertrag und Boni in Form von Aktienoptionen. Doch allzu leicht ist dies nicht, denn in den fetten Jahren erschien es den meisten überflüssig, sich gewerkschaftlich zu organisieren und politische Strukturen aufzubauen.