"Haben Sie zwei Minuten Zeit für den Umweltschutz?". Wer von uns kennt sie nicht, die lästigen SpendenkeilerInnen von Greenpeace und Co? Doch Greenpeace ist mehr. Greenpeace Österreich wurde im Jahr 2000 von ca. 170.000 Menschen unterstützt, in Deutschland würden 2/3 der Bevölkerung erwägen, Greenpeace zu wählen, wenn die Organisation eine Partei wäre. Gute Gründe, hinter die Kulissen der Umweltschutzorganisation zu blicken.
In Umfragen haben Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie Greenpeace und amnesty international vor allem unter Jugendlichen regelmäßig Sympathiewerte, die diejenigen von Politik und UnternehmerInnen um das mehrfache schlagen. Greenpeace behauptet sich in einem Vakuum, das die etablierte Politik hinterlassen hat, als ehrliche und unbestechliche Alternative. Die Anliegen, die von den NGOs vertreten werden, sind zudem sehr sympathisch. Umweltschutz, Menschenrechte, Tierschutz, wer würde da nicht zustimmen? Als Bonus liefert Greenpeace (GP) den vorgeblichen Beweis, immer und überall konsequent gegen die Mächtigen, die Bosse und die Konzerne vorzugehen.
Mit waghalsigen Manövern und bewussten Rechtsübertretungen führen sie einen auf mediale Vermittelbarkeit ausgerichteten Schaukampf gegen die UmweltsünderInnen in den Chefetagen und politischen Entscheidungszentralen. Wenn GP-AktivistInnen wieder einmal eine mutige Aktion gegen UmweltsünderInnen starten, sind die Sympathien großer Teile der Bevölkerung (zurecht) auf ihrer Seite. Diese Unterstützung drückt sich auch im Spendenaufkommen aus: die Einnahmen von Greenpeace Österreich lagen im Jahr 2000 bei über 5 Millionen Euro (für 2001 liegt noch kein Bericht vor).
Hier kommen wir auch schon zum ersten Problem. GP erzielt einen Gutteil seiner Einnahmen durch Spenden. Doch die StrassenkeilerInnen sind nicht etwa AktivistInnen von GP, wie sie bei Anwerbegesprächen oft erzählen, sondern MitarbeiterInnen diverser Firmen, die sich auf das Geschäft mit den Spenden spezialisiert haben. Oft kommt es vor, das gleiche Gesicht mal im Einsatz für Tier-, dann für Menschenrechte oder für Umweltschutz zu sehen. Die NGOs sehen allerdings nur einen (vor allem im ersten Jahr) sehr kleinen Teil des Geldes. Laut einem Interview in der "Presse" sollen es mehr als 2/3 sein, die die Spendenagenturen im ersten Jahr behalten.
Werden die SpendenjägerInnen ein wenig ausführlicher über Programm und Struktur von GP gefragt, kommt meist gähnende Leere. Dies ist kein Zufall. GP ist eine klassische Ein-Punkt-Bewegung, die vor allem über ihre mediale Vermittlung sehr erfolgreich ist. Doch Schlauchbootfahren und Anketten ist auf Dauer nicht abendfüllend. Und so rutschte GP vor einigen Jahren in eine Krise.
Aus den eigenen Reihen der Organisation gab es die Kritik, dass Greenpeace nur medienwirksame Aktionen mache und nicht wirklich vor Ort arbeite. Die Aktionsformen von Greenpeace hätten sich abgenutzt: Ein britischer Sprecher von Greenpeace musste in einem Interview einräumen, daß wirkliche Erfolge die Ausnahme sind. Auch aus der Organisation gibt es immer wieder Kritik, einer der Gründer, Paul Watson erklärte, der ehemalige GP Geschäftsführer Bode wolle nur "im nächsten Jahr mehr Geld einnehmen als in diesem Jahr. Da wird nur noch überlegt, was bringt am meisten Profil und Profit." Watson warf die Frage auf, wo überhaupt der Unterschied liege zwischen dem Ölkonzern Exxon und Greenpeace: "Die verkaufen den Menschen Öl, um Geld zu machen. Greenpeace verkauft ihnen ein gutes Gewissen gegen Spendenbescheinigung. Das ist reiner Ablasshandel."
Erst die Kampagne gegen die Versenkung der Ölplattform Brent Spar im Jahr 1995 half GP wieder auf die Beine und brachte sie in aller Munde. Doch bei genauerer Betrachtung der Aktivitäten rund um Brent Spar wird klar, dass GP nur deshalb einen Erfolg verbuchen konnte, weil sich eine regelrechte Massenbewegung in Form eines Massenboykotts gegen Shell-Tankstellen aufbaute. Doch genau das sprengte eigentlich das übliche Konzept der symbolischen Widerstandshandlung von Greenpeace und ist daher auch nicht mehr ihr Verdienst, auch wenn sie dazu beigetragen hat. Es war diese Massenbewegung, die die ManagerInnen von Shell veranlaßte, einen Rückzug zu machen.
GP ist sehr gut dabei, Bewusstsein für Probleme zu schaffen. Sie haben eine wichtige Rolle, nämlich diejenige, Bewußtsein dafür zu entwickeln, dass es möglich ist, gegen die Herrschenden aktiv zu werden. Doch die Politik der symbolischen Aktion und des StellvertreterInnentums trägt auch dazu bei, Selbstaktivitäten von unten zu bremsen: Mit ihren Spendenkampagnen verstärkt sie ganz bewusst die Haltung, Greenpeace könnte stellvertretend für alle die Umwelt retten, wenn nur genug an die Organisation gespendet würde. Es gibt keine Aufrufe von Greenpeace zu Demonstrationen, sie versuchen auch nicht, mit anderen fortschrittlichen Kräften oder Organisationen Bündnisse zu schließen.
Wichtige Veränderungen in der Umweltpolitik sind aber nicht durch einen Robin Hood erreicht worden, der stellvertretend für uns den Kampf gegen die Profitinteressen von Konzernen aufnimmt, sondern durch Bewegungen von unten, durch Massendemonstrationen, Streiks usw. Gute Beispiele für solche Massenaktionen sind die Verhinderung der Inbetriebnahme des AKW Zwentendorf 1978, die Besetzung der Hainburger Au 1984 und die aktuellen Anti-Atomtransport-Kampagnen ("Anti-Castor") in Deutschland.
Passend zu diesem StellvertreterInnenkonzept ist die mangelnde interne Demokratie bei GP. Selbstverständlich ist es nicht sinnvoll, wenn eine Organisation, die international kampagnenfähig sein muss, jede einzelne Entscheidung basisdemokratisch entscheidet. Doch nichts spräche dagegen, die EntscheidungsträgerInnen zu wählen und damit rechenschaftspflichtig zu machen.
Das passiert aber nicht. GP lehnt demokratische Organisationskonzepte ab. Der Jahresbericht von GP Ö ist in der Frage von Strukturen völlig unklar, es gibt zwar ein Strukturmodell, doch wie demokratische Entscheidungsmechanismen funktionieren, ist nicht nachvollziehbar. Auf Nachfragen per Mail kommt keine Antwort. Daher werden wir auf eine Information aus Deutschland zurückgreifen. GP Kassel stellt auf ihrer Homepage über die Struktur von GP Deutschland stolz fest: "Die Bedeutung der deutschen Greenpeace-Gruppen spiegelt sich auch formell (...) wider: Mitarbeiter aus Greenpeace-Gruppen stellen ein Viertel der etwa 40 aktiven, stimmberechtigten Mitglieder des Greenpeace e.V." Real bedeutet das, dass die GruppenaktivistInnen gerade 25 Prozent der Stimmberechtigten im höchsten Gremium haben. Wie die Anderen bestimmt werden, ist undurchsichtig.
GP und die Medien
Die meisten NGOs können aufgrund eines Politikansatzes, der sehr stark auf der "professionellen" Arbeit weniger AktivistInnen beruht, selbst kaum etwas erreichen und sind in ihren Aktionen sehr stark medienabhängig. Daher sind sie darauf angewiesen, die kapitalistischen Medien nicht völlig zu verschrecken, was wiederum der Entwicklung weitergehender Inhalte und Aktionsformen einige Hindernisse entgegensetzt. GP macht dabei vor, wie es geht. Als 1998 die deutsche Kampagne gegen Atomtransporte einen neuen Höhepunkt erreichte, verbot GP seinen AktivistInnen das Tragen von GP-Symbolen während der Aktionen als GP-feindlich, denn die Gefahr, im Kampfgetümmel von den Fernsehzuschauern als Greenpeace-AktivistIn identifiziert zu werden, bedeute eine substantielle Gefahr für die Spendenkasse.
GP Deutschland versuchte sich eine Zeitlang sogar als Produzentin einer Fernsehsendung. Auch hier galt die Devise: ja nicht an den Medien anstreifen. Als die Sendung startete, wurde Norbert Schnorbach, damals Leiter der GP-Öffentlichkeitsarbeit, gefragt: "Ist ein Vorspann denkbar: Das nun folgende Umweltmagazin wird präsentiert von Siemens, Opel oder Shell?" Er antwortete nicht etwa mit einer Konzernkritik, sondern erklärte: "Werbeunterbrechungen wird es in dieser Sendung auch geben. (...) Es ist definitiv ausgemacht, dass wir uns nicht in die Auswahl von Werbekunden einmischen, auch werden wir keinen Werbekunden dorthin treiben."
Würden die Medien GP boykottieren und sich statt dessen anderen Umwelt-NGOs zuwenden, weil GP zu radikale Inhalte vertreten würde, wäre das GP-Konzept zum Scheitern verurteilt. Die Schere im Kopf ist vorprogrammiert. Kritik an einzelnen "UmweltsünderInnen" und eine sanfte Konzernkritik ist noch drinnen, eine Kritik des Systems, das dahintersteht, schon nicht mehr. Und so sieht GP seine Politik eigentlich auch eher als Verbesserung des Systems denn als Politik einer realen Systemalternative.
Vor dem österreichischen Gen-Technik-Volksbegehren stellte der Meinungsforscher Karmasin im "Falter" fest, dass den Gentechnik-GegnerInnen in Form von Global 2000 und Greenpeace die Utopien fehlen und sie "als kongeniale Partner der Industrie systemstabilisierend geworden sind". GP-Campaigner Matthias Schickhofer antwortete lapidar, dass in einem Land mit einer solchen Medienlandschaft für Utopien kein Platz wäre.
Keine Alternativen
Die Politik von GP beschränkt sich auf das Herumdoktern an einem unheilbar kranken System. Nun ist es zweifellos wichtig, die Punkte zu befolgen, die GP Ö auf ihrer Homepage unter dem Titel "30 Dinge, die jede(r) Einzelne für die Umwelt tun kann" präsentiert. Wer wäre dagegen, umweltfreundlich zu renovieren, Pflanzen sorgfältig auszuwählen oder umweltfreundlich zu reinigen? Doch bei den "politischeren" Punkten zeigen sich die Schwächen sehr gut.
Das Problem der Umweltverschmutzung wird sehr stark personalisiert, kein Wort der Kritik an den Unternehmen, die für die dahinterliegenden Strukturen verantwortlich sind. Nun wird zwar durchaus zur Selbstorganisation aufgerufen ("Treten Sie einer Umweltgruppe bei"), doch die Anregungen beschränken sich auf: "Schaffen Sie eine radfreundliche Gemeinde, organisieren Sie Säuberungsaktionen oder sammeln Sie Spenden für Umweltorganisationen." Die abschließende Erklärung ist so schwammig wie der Rest: "Aber es gibt Lösungen. Denken Sie positiv - und machen Sie einen Unterschied."
Doch so schwammig eigentlich nicht, es ist nur notwendig, genauer hinzuhören. So erklärt GP Ö: "Die Industrienationen - die USA, die EU, Japan - haben gegenüber den sogenannten Entwicklungsländern die Verantwortung, Wege aufzuzeigen, nachhaltige und umweltverträgliche Wege." (Hotspots der Umweltzerstörung). Wer so etwas schreibt, hat wenig von den Mechanismen globaler Umweltzerstörung verstanden und an dem ist vorbeigegangen, in welchen Ländern die tatsächlich Verantwortlichen für die weltweiten Dreckschleudern ihren Sitz haben.
Unter dem Titel "Die Ziele von Greenpeace" fasst Thilo Bode, bis Dezember 2000 Geschäftsführer von Greenpeace International, die Ideen von GP zusammen. Und da heisst es: "Oder indem sie erkennen, dass braves Müllsortieren dem Umstellen der Liegestühle auf dem Deck der ,Titanic' gleicht; daß viel eher die Fernreise in die Karibik darüber entscheidet, welche Zukunft ihre Enkelkinder noch erwarten dürfen." Der Artikel endet zwar mit: "Wir müssen ein Gegengewicht bilden zu der internationalen Wirtschaftsideologie" und vermittelt damit noch ein wenig Systemkritik, doch die Botschaft ist klar: Über die "Zukunft unserer Enkelkinder" entscheidet nicht etwa der Kampf gegen den Kapitalismus, die Fernreise in die Karibik ist der Punkt. Und dieser Schlussfolgerung können wir nicht zustimmen.