Zur Vorgeschichte: mit 17.6.2002 ist die Libro/Amadeus-Kette in Konkurs gegangen. Über die Vorgeschichte und die aktuelle Stimmung in der Belegschaft haben wir eine Amadeus-Angestellte befragt.
Wie ist derzeit die Stimmung unter den KollegInnen?
Vorherrschend ist die Erleichterung, dass nun endlich Klarheit herrscht. Man konnte vorher sogar hören: "Hoffentlich ist es bald vorbei und wir gehen endlich in Konkurs". Gleichzeitig haben die KollegInnen das Gefühl, dass die Sache gelaufen ist, dass nichts mehr zu machen ist. Ein großes Problem war die ständige Unsicherheit. Lange Zeit war nicht klar, was mit den Gehältern passiert. Niemand wusste, wie es weitergeht.
Wie sieht die finanzielle Situation der Beschäftigten aus?
Das halbe Juni-Gehalt und die Urlaubsgelder werden voraussichtlich erst in ca. einem Jahr ausbezahlt. Mir tut es sehr weh, ich muss nun beispielsweise überlegen, ob ich mir einen Urlaub leisten kann. Für andere KollegInnen, vor allem für einige Alleinerzieherinnen, die fix mit dem Urlaubsgeld gerechnet haben, um ihr überzogenes Konto wieder auszugleichen, ist es eine Katastrophe.
Wer ist Deiner Meinung nach verantwortlich für die momentane Lage?
Für mich zeigt sich, wie es expansiven Unternehmen in einer wirtschaftlichen Krise ergeht. Umgebracht hat uns Lion.cc und die Expansion nach Deutschland. Gleichzeitig der Kampf gegen die Buchpreisbindung und gegen die Öffnungszeitenregelung. Es wurde ein Kampf an allen Fronten geführt, die Banken haben die ganze Zeit kooperiert, obwohl ihre Aufgabe die Kontrolle gewesen wäre. Rettberg [Anm.: ehemals leitender Manager] ließ sich überall als Held feiern, während alles den Bach runter ging. Die Zeche zahlen die KollegInnen. Über 2.400 Arbeitsplätze sind gefährdet, die in der Folge Arbeitslosen aus den Zulieferbetrieben nicht mitgerechnet.
Du meinst, dass "die Sache gelaufen" ist. Wäre ein Arbeitskampf möglich gewesen?
Jetzt glaube ich, dass nichts mehr möglich ist. Es kann Situationen geben, wo es möglich ist, in einem Konkurs oder Ausgleich zu kämpfen, aber bei Libro/Amadeus ist derzeit die Stimmung nicht danach. Ein Streik verlangt bei schlechter wirtschaftlicher Lage ein sehr hohes Bewusstsein, da die UnternehmerInnen plausibel erklären können, dass der Streik den Betrieb völlig umbringt. Dieses Bewusstsein, hier trotzdem einen Arbeitskampf zu wagen, ist momentan nicht vorhanden. Beim Ausgleich vor einem Jahr war es noch anders, da waren die KollegInnen zumindest noch sehr sauer.
Wie hast Du die Gewerkschaft und den Betriebsrat erlebt?
Wenn der Betriebsrat vor einem Jahr gesagt hätte: "Leute wir können so und so kämpfen, dann kann das und das passieren, es gibt diese Chancen und diese Probleme" hätte das möglicherweise etwas bewirken können. Es gab natürlich für den Betriebsrat auch objektive Probleme. Durch die schnelle Expansion hatte der Betriebsrat mehrere hundert MitarbeiterInnen zu betreuen, vorher waren es nur rund 100, die in Oberösterreich konzentriert waren. Doch gab es auch viele Versäumnisse. So gab es während des Ausgleichs nie eine Betriebsversammlung in der Arbeitszeit, was besonders in Wien durch die langen Öffnungszeiten katastrophal ist, einige KollegInnen können und wollten um diese Zeit nicht teilnehmen.
Die Gewerkschaft ist jetzt sehr gut im "abwickeln". Sie sind sehr hilfreich dabei, KollegInnen dabei zu helfen, ihren Überziehungsrahmen bei der Bank zu erhöhen, sie helfen rechtlich bei verschiedenen Fragen, sie haben - wie schon beim Ausgleich - eine eigene Homepage für die MitarbeiterInnen eingerichtet.
Doch von Kampfbereitschaft keine Spur. Die Gewerkschaft war sehr sozialpartnerschaftlich und hat sich vor allem als Vermittlerin zwischen Arbeitenden und Geschäftsleitung verstanden. Betriebsrat und Gewerkschaft waren schon vorher sehr gut dabei, Sozialleistungen zu beschaffen, aber sie haben kein Bewusstsein geschaffen. Jetzt machen sie schöne Powerpoint-Präsentationen zum Thema Konkurs. Auch bei der Betriebsversammlung zum Ausgleich hatten viele KollegInnen das Gefühl, dass der ÖGB-Vertreter über sie drüber gefahren ist, viele von ihnen waren bei der zweiten Betriebsversammlung dann auch nicht mehr anwesend - weil gekündigt, gegangen oder keine Lust.
Auch der Betriebsrat hat meiner Meinung nach nicht mit offenen Karten gespielt. Der Informationsfluss hat nicht funktioniert, wir haben viele Informationen aus der Presse entnommen und selbst danach keine über die Presseberichte hinausgehenden Informationen bekommen. Ich glaube auch, dass vom Betriebsrat Dinge bewusst zurückgehalten wurden. Um die Frage, welche Standorte geschlossen werden, gab es eine ziemliche Geheimniskrämerei. Jetzt, wo klar ist, dass nichts mehr getan werden kann, greift der Betriebsrat einen Vorstand an, den es nicht mehr gibt. Er ist jetzt verbalradikal, hat auch selbst ein links-zivilgesellschaftliches Selbstverständnis, auf mich wirkt er wie ein überforderter Standesvertreter, der auch innerhalb der Belegschaft stark zwischen den "echten BuchhändlerInnen" und den "StudentInnen" unterscheidet, obwohl viele von den Teilzeitangestellten, die oft StudentInnen sind, auch seit Jahren im Betrieb sind.
Möchtest Du abschließend noch etwas feststellen?
Wenn es vor einem Jahr sehr schnell gegangen wäre, wäre möglicherweise mehr drin gewesen, vor allem, wenn es eine starke Gewerkschaft und einen starken Betriebsrat gegeben hätte, der den Leuten Sicherheit gegeben hätte. Daraus sollten andere Betriebe lernen.