Immer, wenn wir glauben, mehr wäre wirklich nicht mehr drinnen, schaffen manche KapitalistInnen es, uns mit einer neuen Unverfrorenheit zu überraschen. Den Vogel hat diesmal die Firma Seyss abgeschossen, die sich die katastrophale Jugendarbeitslosigkeit in Wien zunutze macht.
Doch der Reihe nach. In Österreich sind derzeit rund 40.000 Menschen zwischen 15 und 25 arbeitslos, davon über 9000 in Wien. Derzeit gibt es in Wien 2259 arbeitssuchende Jugendliche, diesen stehen 127 offene Stellen gegenüber (Stand Ende März 2001), das Verhältnis ist also ca. 18:1. Diese Zahlen sind naturgemäß mit Vorsicht zu genießen, da einerseits nicht alle offenen Stellen dem AMS gemeldet werden, vor allem aber, da ein großer Teil der Jugendlichen, die noch nie ein Beschäftigungsverhältnis hatten oder aus einem anderen Grund keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben, sich nicht als arbeitssuchend meldet. Hinzukommt, dass in Wien hunderte Jugendliche in kurz- oder langfristigen Kursen untergebracht werden und nicht in der Statistik verzeichnet sind. Die offizielle Zahl von rund 18 arbeitslosen Jugendlichen auf eine offene Stelle ist also zweifellos untertrieben. Um eine Lehrstelle zu finden, müssen Jugendliche nach vorsichtigen Schätzungen derzeit im Schnitt 70 Bewerbungen schreiben, andere sprechen von über 100.
Dieser Umstand hat die Firma Seyss GMBH, Pre-Press & Medien-Services, auf eine lustige Idee gebracht. Als Antwort auf eine Lehrstellenbewerbung schreibt der/die Personalverantwortliche: "Sehr geehrter Herr (...), zur Vorbereitung der engeren Wahl aller Bewerbungen ersuchen wir Sie, sich (...) dem Techniktest zu unterziehen (...) Wir weisen darauf hin, dass Sie die Kosten von Euro 40,- übernehmen müssen." So reagieren manche Firmen also auf die steigende Jugendarbeitslosigkeit damit, dass sie die Kosten für die Arbeitsplatzsuche auf die BewerberInnen abwälzen. Immerhin Euro 40,- (öS 550,40) soll der zukünftige Lehrling bezahlen. Aber immerhin: "Sollten wir Sie letztlich als Lehrling aufnehmen, werden wir Ihnen diesen Betrag refundieren".
Wir fragen uns nur, was sich LehrherrInnen künftig noch ausdenken werden. Arbeit gegen Kost und Logis? Bezahlung für das Privileg, in einer Firma arbeiten zu dürfen? Prügelstrafe?
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