In Indien verelenden im Zuge der Liberalisierung des Welthandels immer größere Teile der bäuerlichen Bevölkerung. Millionen von indischen Bäuerinnen und Bauern protestieren gegen die multinationalen Konzerne, die diese Entwicklung verursachen.
Eine der weltweit bedeutendsten Erscheinungen im Rahmen der internationalen Bewegung gegen die kapitalistische Globalisie-rung ist die politische Organisierung der indischen Bäuerinnen und Bauern. Durch den späten Eintritt Indiens in die Welthandelsorganisation (WTO) vollzog sich die Entwicklung dort noch schneller und aggressiver als in anderen Ländern.
Die KleinbäuerInnen können nicht gegen Agrarmultis und Importe aus den USA und Europa konkurrieren - doch Subventionen für die Landwirtschaft gibt es nur im Norden. Gleichzeitig steigen die Lebenshaltungskosten drastisch. So stieg infolge der Liberalisierung der Zwiebelpreis innerhalb von Wochen sogar auf das Achtfache. Damit wurde die Versorgungslage – insbesondere der untersten Schichten, zu deren Grundnahrungsmitteln die Zwiebel gehört – prekär.
Die WTO und multinationale (Chemie-)Konzerne wie Bayer, Monsanto oder Hoechst zwingen den Bauern/Bäuerinnen die globalisierten Handelsbe-dingungen auf, was dazu führt, dass bäuerliche Existenzgrundlagen zerstört werden. Als Folge davon haben auf dem Land in den vergangenen Jahren zahlreiche Bauern und Bäuerinnen Selbstmord verübt.
Monsanto pflanzt die Bauern
Monsanto ist einer der wichtigsten verantwortlichen Konzerne. Er testet und verkauft Saatgut an die indischen Bauern/Bäuerinnen. Das genetisch veränderte Saatgut ist resistent gegen Ungeziefer, aber auch steril, das heißt, es kann sich nicht vermehren. So können die Bauern/Bäuerinnen nicht einen Teil der Ernte für die Wiederaussaat zurückbehalten. Stattdessen müssen sie neues Saatgut von Monsanto kaufen und verschulden sich damit weiter. Gegen diese Gefahr, die Abhängigkeit und die Umgehung jahrhundertealter Traditionen wehren sich die Bauernbewegun-gen. Gleichzeitig bilden ihre Proteste den Auftakt zu einer Kampagne der direkten Aktion gegen Konzerne, die in die Biotechnologie investieren. Das Ziel besteht darin, die Multis zum Verlassen des Landes zu zwingen und gleichzeitig zu internationalem Widerstand aufzurufen.
Hunderttausende von Bauern/Bäuerinnen in ganz Indien protestieren gegen Monsanto. Am 28.11.1998 setzten sie als Zeichen zum Aufstand das erste Feld in Brand, auf dem Monsanto Feldversuche mit genetisch manipuliertem Saatgut durchführte. Die Feldversuche liefen seit drei Monaten, die Öffentlichkeit hatte aber erst kürzlich davon erfahren. AktivistInnen der Bauernbewegung stürmten am 1. Dezember das Bürogebäude von Monsanto in Hyderabad, woraufhin die Regierung des Bundesstaats Andhra Paresh Monsanto aufforderte, die Feldversuche in diesem Staat abzubrechen.
Bauern/Bäuerinnen in Bewegung
Die indischen Bauernbewegungen sind sehr stark, die (international) bekannteste Organisaton ist die Karnataka State Farmers’ Association (KRRS). In Karnataka, dessen Landbevölkerung 50 Millionen Menschen umfasst, haben sich rund zehn Millionen Bauern und Bäuerinnen der KRRS angeschlossen. Diese ist damit die stärkste Bauern/Bäuerin-nenbewegung Indiens. Ihre Arbeit bezieht sowohl landwirtschaftliche und globale politische als auch gesellschaftliche und kulturelle Themen ein. Die Bewegung beschränkt sich nicht auf Protest, sondern fördert Alternativen und strebt gesamtgesellschaftliche Veränderungen an. Sie kämpft für das Recht der Menschen, ihre Zukunft selbst zu bestimmen.
Die KRRS organisierte Demonstrationen gegen das GATT (General Agreement of Trade and Tarifs, Vorläuferorga-nisation der WTO), an denen rund eine halbe Million Leute teilnahmen. Im landwirtschaftlichen Bereich wendet sich die Bauernbewegung insbesondere gegen die Biotechnologie, die Anwendung von Chemie oder gegen den Erzabbau. Der Einbezug ökologischer Gesichtspunkte ist für die Bauernbewegung selbstverständlich. Gleichzeitig strebt KRRS kulturelle Veränderungen an. Insbesondere stellt die Aufhebung des Kastensystems eine Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit dar. Zudem richtet sich die Bauernbewegung gegen die patriarchalen Strukturen der indischen Gesellschaft.
Innerhalb der Bewegung organisieren sich die Frauen selbst, sie haben ein eigenes Programm und mobilisieren für ihre Forderungen. Die KRRS sieht sich selbst als eine ghandische Bewegung, ihr Ziel ist die Umsetzung der Dorfrepublik, die auf Basisdemokratie, wirtschaftlicher und politischer Selbstbestimmung gründet (eine ausführliche Kritik an Ghandi findet sich in Morgenrot 15). Im Gegensatz zu Ghandi bleibt die KRRS aber mit ihrer Politik real nicht in der Logik des indischen Kapitalismus stehen, sondern mobilisiert für Ziele, die letztlich den Rahmen des Kapitalismus sprengen würden würden sie umgesetzt.
So versucht sie sich auch international zu organisieren und ist Mitglied der “La Via Campesina”, einem weltweiten linken Netzwerk von Bauern/Bäuerinnenbewegungen. Im Rahmen dieser internationalen Zusammenarbeit versucht die indische Bauern/Bäuerin-nenbewegung auch, Kontakte nach Europa zu knüpfen. 1999 nahmen ihre VertreterInnen an der Großdemonstration gegen den G8 Gipfel in Köln teil und organisierten eine Karawane durch mehrere europäische Staaten.
Nanjunda Swamy als einer dieser Vertreter sieht den Norden und Süden als siamesische Zwillinge, eng mit einander verknüpft und aufeinander angewiesen: „Doch die Bevölkerung von Europa befindet sich noch im Tiefschlaf. Wir werden sie aufwecken”. Und weiter :“Wir arbeiten ganz einfach am langfristigen Projekt des Aufbaus einer Welt, in der die Menschen die Kontrolle über ihre lokale Ökonomie haben und die zentralisierte politische und ökonomische Macht verschwindet.”
Keine Petitionen
Als ein Sprecher des Nah-rungsmittelmultis Cargill Bauern/Bäuerinnen, die sich im Rahmen der Karawane vor seinem europäischen Hauptquartier in Amsterdam versammelten, nach einer Petition fragte, lautete die Antwort: „Wir haben keine Petition. Wir glauben nicht an Petitionen. Wir glauben an direkte Aktion.”
Doch der indische Staat schläft nicht. Am Beginn der Bewegung wurden im Bundesstaat Haryana allein im Oktober 1998 23 Bauern und Bäuerinnen durch die Polizei getötet, in Karnataka fünf in den ersten zwei Novemberwochen desselben Jahres.
Die Bauernbewegung, deren Basis ständig zunimmt, wird immer mehr unter Druck gesetzt, vor allem von der hindu-fundamentalistischen Regierungspartei BJP, die mit allen Mitteln versucht, die Bewegung zu schwächen. So hat BJP bereits einige KRRS-AktivistInnen mit Geld, der Aussicht auf Parlamentssitze und auf begehrte politische Positionen in die Partei gelockt. Gleichzeitig wurden gewaltsame Mittel angewandt: So hielten BJP-Mitglieder den Wagen eines prominenten KRRS-Aktivisten an und setzten ihn in Brand. In einigen Dörfern haben korrupte PolitikerInnen und StaatsbeamtInnen keinen Zugang mehr, wie auf Schildern am Dorfeingang steht.
Während Massenaktionen des zivilen Ungehorsams wurden bis zu 37.000 InderInnen an einem einzigen Tag verhaftet. Massenverhaftungen kommen insbesondere in Zeiten der intensiven Mobilisierung vor. Die Bauern und Bäuerinnen lassen sich nicht einschüchtern. Ihre Aktionen gehen weiter, schliesslich geht es für die Betroffenen um existentielle Fragen.
Die Metropole Bangalore beherbergt viele GlobalisierungsgewinnerInnen. Seit Jahren hat die Stadt den Ruf eines indischen Silicon Valley. Hier kreiert Indiens Intelligenz in einheimischen und multinationalen Firmen Computersoftware. Bangalore ist somit beides: Brennpunkt des Protestes und Markenzeichen für Indiens Globalisierungskurs.
Die Branche mit den hochqualifizierten, im Vergleich zu den Industriestaaten aber billig bezahlten Fachkräften boomt hier immer noch, andere Städte haben inzwischen nachgezogen. Indiens größte Softwarefirmen haben im Vergleich zum Vorjahr ihren Umsatz fast verdoppelt. Weltkonzerne wie die Deutsche Bank lassen hier Software auf ihre Bedürfnisse hin maßschneidern, kein Wunder, sind doch der Erlaß von Gewinnsteuern, zollfreier Import und Export und ein Angebot von „Softwareingenieuren im Überfluß“ gute Argumente.
Im postkolonialen Indien war die ungeklärte Landfrage zunächst Ursache von Bauernaufständen, die schnell in die Formierung zahlreicher Guerillagruppen mündeten. Bereits 1946 hatte es in Bengalen die Tebhaga-Bewegung gegeben, bei der die Landlosen zwei Drittel der Ernte forderten. Daran schloß sich der Bauernaufstand von Telengana im Norden des Bundesstaates An-dhra Pradesh an. Die Haltung der Communist Party of India (CPI), die während der Re-pressionsphase in den Fünfziger Jahren die Bewegung nicht radikalisieren und fortführen wollte, fanden viele zu unentschlossen.
Schließlich arrangierte sich die moskautreue CPI mit den Herrschenden aufgrund der als antiimperialistisch interpretierten Außenpolitik des damaligen Staatschefs Nehrus. Mit der folgenden Gründung der Communist Party of India/Marxist (CPI/M) im Jahre 1962 begann damals die permanente Spaltung kommunistischer Parteien in Indien.
Mit dem Aufstand in Nordbengalen, ausgehend vom Dorf Naxalbari im März 1967, entstand die sogenannte »Naxalitenbewegung«. Kurz zuvor war die CPI/M im Bundesstaat West-Bengalen an die Regierung gewählt worden. Ihre erste Handlung bestand in der Beteiligung an der Niederschlagung des Aufstands, worauf sich Gue-rillagruppen bildeten. Die Repression der Herrschenden war überaus stark, seit dieser Zeit sind sowohl Folter als auch Hinrichtungen - meist vertuscht als „auf der Flucht erschossen” - gängige Polizeimethoden gegen soziale Bewegungen in Indien.