Die zweite Staffel der Reality-Serie “Taxi-Orange” konnte am Erfolg der ersten Staffel anschließen. Doch das Phänomen des Reality-TV ist längst nichts neues mehr. Angefangen von der “Urshow” Big-Brother, über das Inselspiel "Expedition Robinson" und “familien-gerechten” Softpornos wie “House of Love” oder “Girlscamp” - das Fernsehen liefert seinem Publikum eine breite Palette an Auswahlmöglichkeiten.
Doch trotz des in den letzten Jahren explo-sionsartig gestiegenen Aufgebots blieb das Fernsehverhalten ungefähr gleich - rund zweieinhalb Stunden verbringt der/die ÖsterreicherIn im Durchschnitt täglich vor dem Fernsehgerät. Der Kampf um die Quoten treibt den Fernsehmarkt zu immer neuen Grenzüberschreitungen, immer mehr Anbieter kämpfen um das wertvolle Gut der Aufmerksamkeit der ZuschauerInnen, die immer schneller durch die Programme schalten.
Massenweise Merchandising
Wer kennt sie nicht: den Max, den Robert, die Magenta und den Watzinger, und seit neuestem auch den Didi, die Vicky und wie sie alle heißen mögen. Kreischende Mengen stehen regelmäßig Freitag Abend vor dem berüchtigten Kutscherhof und warten darauf, einen ihrer Lieblinge zu Gesicht zu bekommen – der ORF hat mit Taxi Orange ein perfektes Mittel gefunden, um sich attraktiver, für eine vor allem junge ZuseherInnenschaft zu machen.
Nachdem die Quoten vermehrt deutschen Privatsendern zuzufließen drohten, stiegen mit Taxi Orange nicht nur die Anzahl der ZuseherInnen, sondern auch die Einnahmen durch diverse Merchandisingpro-dukte: von der offiziellen TXO-Sonnenbrille, über das Shampoo zur Serie und orangen Haarspangen bis zu Magentas Cowboyhut mit TXO-Logo vorne drauf. Nicht zu verachten ist auch die Werbung direkt vor und im Haus: ständig sind die Zuseher-Innen konfrontiert mit (Marken) Namen von diversen SponsorInnen.
Konflikt inklusive
Der psychologische Effekt der Identifikation der ZuschauerInnen mit den KandidatInnen ist ein nicht unwesentlicher Faktor des Erfolgs, denn die “da drinnen” sind doch alles “ganz normale Leute”. Oder etwa nicht? Die KandidatInnen im Kutscherhof sind natürlich nicht aus Zufall ganz verschiedene Charaktere, sondern wurden gezielt vom Sender ausgewählt.
Wie schon bei Big Brother ist nun auch in der zweiten Staffel von Taxi Orange peinlich darauf geachtet worden, möglichst gegensätzliche Persönlichkeiten und Meinungen aufeinander treffen zu lassen - Konflikte und somit ZuseherInnen sind garantiert. Durch subjektive Zusammenschnitte der Tagesabläufe kann dem Publikum eine bestimmte Stimmung suggeriert oder die Aufmerksamkeit auf eine beliebige Person im Kutscherhof gelenkt werden. Je nach dem, welche Situationen den ZuschauerInnen gezeigt werden, wird er oder sie gepusht oder unsympathisch gemacht.
Neben dem großen Quoten- und Finanzerfolg schwappte mit dem Beginn der Serie jedoch auch eine Welle von Kritik über den staatlichen Rundfunk. Sowohl von kirchlicher, bürgerlicher als auch von linker und intellektueller Seite mangelt es nicht an Empörung über den TV-Voyeurismus, die Volksverdummung und die fehlende Schamgrenze.
Doch schon beim ersten Hinsehen entpuppt sich ein Großteil der Kritik als fast genauso seicht wie das Kritisierte; unzählige Leserbriefe und Kolumnen in diversen bürgerlichen Medien klagen über die verlorene Moral und die Kirche wettert über die verderblichen Auswüchse unserer modernen Welt. Doch solche “Auswüchse” wie Taxi Orange oder Big Brother sind nur Indikatoren, die uns vor Augen halten, wohin und wie weit es mit unserer Gesellschaft wirklich schon gekommen ist. Die Unterhaltungsindustrie geht ins Extreme – Vergnügungsparks á la Disneyland schießen wie Pilze aus dem Boden, ständig versprechen neue Extremsportarten den ultimativen Adrenalinkick, (einander) völlig unbekannte Menschen lassen sich für Monate miteinander in Container sperren – und Millionen sehen ihnen dabei zu.
Passivität ist Lenkbarkeit
Doch gerade dadurch wird die Bevölkerung passiv, konsumiert ungefiltert, was sie vorgesetzt bekommt. Dieses Konsumdenken ist besonders bei jüngeren Menschen stark ausgeprägt, nicht zuletzt gefördert durch Werbe- und Produktindustrie, die somit willige KäuferInnen findet. Doch nicht nur in Hinsicht auf das Kaufverhalten ist dieser Trend bedenklich. Ständiger unreflektierter Konsum von Informationen führt letztendlich auch zu Abstumpfung, zu Passivität und Nicht-Nachdenken. Eine passive, träge Bevölkerung ist leicht zu lenken und einfach zu manipulieren. Und genau das darf nicht passieren, denn nur durch ständige Aufmerksamkeit und Aktion können wir auf die politische Entwicklung Einfluß nehmen.