Schlankheitswahn

Ein krankhafter Trend

Eine Frau, die aus Schlankheitsgründen eine Diät macht, ist durchaus nichts Ungewöhnliches in unserer Gesellschaft. Im Gegenteil, das vorgegebene Idealbild des extrem schlanken weiblichen Körpers verlangt sogar danach. Also wird meist nichts Beunruhigendes dahinter gesehen, auch dann nicht, wenn diese Frau gar nicht übergewichtig ist, oft sogar dann nicht, wenn sie, medizinisch gesehen, eigentlich Untergewicht hat. Daß hinter dem “harmlosen” Fasten jedoch eine ernstzunehmende Krankheit wie Magersucht oder Bulimie steckt, ist nur allzu oft der Fall.

Ca. 200.000 ÖsterreicherInnen sind von diesen Eßstörungen betroffen: Krankheiten, die überwiegend in den Industrieländern auftreten, und deren Häufigkeit in den letzten drei Jahrzehnten dramatisch gestiegen ist. (Ungefähr genauso viele Leute leiden in Österreich an Alkoholsucht.) Der Anteil der erkrankten Männer ist verschwindend gering, nur rund 5% der an einer Eßstörung leidenden Menschen sind männlich, die restlichen 95% sind Frauen, die besonders stark im Alter zwischen 12 und 25 Jahren betroffen sind. 3% aller 15-25jährigen ÖsterreicherInnen zeigen ein extrem gestörtes Eßverhalten.

Ein vermehrtes Risiko besteht für Personen, von denen erwartet wird, daß sie besonders schlank sind, z.B. Fotomodelle, SchauspielerInnen und (Ballett-)tänzerIn-nen. Verglichen mit den USA ist die Verbreitung in Europa nicht ganz so stark, doch die Entwicklung läuft auf den amerikanischen Zustand hinaus. In den USA erkrankt jährlich über eine Million Frauen an Anorexie (Magersucht) oder Bulimie. Bis zu 10% aller Frauen haben Eßstö-rungen, die Spitzenwerte diverser Untersuchungen ergeben, daß an Amerikas Universitäten von zehn Studentinnen zwei an Anorexie und sechs an Bulimie leiden. Nur zwei sind gesund. Hungern ist also für junge Frauen der Mittelschicht völlig normal. Die Folgen können tödlich sein. Denn freiwilliges Hungern hat für den Körper die gleichen Folgen wie unfreiwilliges.

Durch die Mangelernährung können verschiedene Symptome auftreten: Der permanente Hungerzustand löst Osteoporose (Verminderung der Knochensubstanz) aus, sowie Schäden an inneren Organen und dem Hirn.

Außerdem können niedriger Blutdruck, Unterzucker sowie ständiges Kältegefühl und flaumartige Behaarung auf Gesicht und Rücken (Lanugo) auftreten. Die Menstruation wird unregelmäßig oder bleibt, bedingt durch Hormonstörungen, ganz aus. Besonders in der Pubertät, der Zeit, in der sich der Körper in einer sehr wichtigsten Aufbauphase befindet, ist die auftretende Wachstumshemmung ein schwerwiegendes Gesundheitsproblem, und kann, dauert die Krankheit längere Zeit, vom Körper nicht mehr aufgeholt werden. Der Mangel an Vitaminen und Spurenelementen führt sowohl zu trockener Haut als auch zu brüchigen Nägeln und Haarausfall.

Sehr stark in Mitleidenschaft gezogen wird auch der Darm; dieses Organ stellt sich schnell darauf ein, nicht mehr zu arbeiten und wird rasch träge. Das führt häufig dazu, daß es bei wieder normalem Essverhalten zu schweren Verdauungsstörungen kommt. In extremen Fällen kann der Darm sogar verkleben und sich somit verschließen; dadurch sind unter anderem schwere Vergiftungen möglich. Bei regelmäßigem Erbrechen und/oder der Einnahme von Abführmitteln, besteht Lebensgefahr: Wenn der Körper ungemein viel Kalium verliert, kommt es zu Herzrhythmusstörungen.

Der Schlankheitswahn ist ein Phänomen, das nur die Länder der modernen, westlich-zivilisierten Welt zu befallen scheint. So galt noch Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts im westlichen Kulturkreis ein natürlicher voller Frauenkörper als Inbegriff von Schönheit, Weiblichkeit und Fruchtbarkeit.

Zahlreiche Kunstwerke zeigen Frauen mit üppigen Rundungen, die Mode betonte die Erotik runder Formen. Und noch heute gilt ein wohlgenährter Körper als Ausdruck von Reichtum und Wohlergehen; so ist in verschiedenen Kulturen ein runder Bauch etwas sehr Begehrtes, denn er ist Ausdruck eines gesellschaftlich hohen Standes. Es ist ein uraltes Gesetz: wer der Gemeinschaft wichtig ist, bekommt zuerst zu essen, bekommt das beste Stück Fleisch. Das gemeinsame Mahl ist Ausdruck von Ebenbürtigkeit, ist Ausdruck gegenseitigen Respekts. Nicht umsonst heißt das Wort “Kompagnon”, das seine Wurzeln im Lateinischen hat, übersetzt soviel wie “Die, die das Brot miteinander brechen”. Doch eben diese Ebenbürtigkeit bleibt vielen Frauen verwehrt.

Schon als Kinder lernen die meisten Frauen, mit weniger Essen auszukommen als ihre männlichen Mitmenschen. In armen Ländern erkranken wesentlich mehr Frauen an den Folgen von Mangelernährung und sterben wesentlich häufiger an Unterernährung als Männer. Ein UN-Bericht besagt, daß 66% aller asiatischen, 50% allerafrikanischen und an die 17% aller lateinamerikanischen Frauen an Krankheiten leiden, die auf Nahrungsmangel zurückzuführen sind. Im Kontext mit der Tatsache, daß ein männliches Kind oft als Segen, ein weibliches jedoch als Unglück und “weniger wert“ gesehen wird, sind diese Zahlen durchaus logisch.

Frauen lernen also von klein auf, sich beim Essen zu beherrschen, Hunger zu unterdrücken. Denn auch in den reichen Industriestaaten, in der Mittel- und Oberschicht, wo Nahrungsbeschaffung keine Frage des Geldes ist, sind Frauen es gewohnt, zurückzustecken. Wie oft ißt eine Mutter, die gerade für die ganze Familie gekocht hat, als Letzte und dann nur mehr die Reste? Auch die Zeit, die aufgewendet wird, um weibliche Babies zu füttern, ist im Schnitt um 50% geringer als bei männlichen Babies.

Politisches Mittel

Daß Eßstörungen bei Frauen sich auf Industriestaaten konzentrieren, daß die Zahl der Erkrankten rapide ansteigt und daß ihr Gewicht kontinuierlich fällt (heute ist eine Anorektikerin im Durchschnitt noch dünner als vor 20 Jahren), ist kein Zufall. Es ist im Gegenteil ein politisches Mittel zur Unterdrückung der Frau, auch wenn das erst auf den zweiten Blick deutlich wird.

Nachdem sich die Frauen um 1920 das Wahlrecht erfolgreich erkämpft hatten, und langsam aber sicher ein neues weibliches Selbstbewußtsein heranwuchs, wurde just zu diesem Zeitpunkt das Dünn-sein zum Gegenstand gesellschaftlichen Denkens. Mit dem Beginn der zweiten Welle der Frauenbefreiungsbewegung in den 60er Jahren wurde das Selbstbewußtsein der Frauen wieder gefördert, weitere gesetzliche Gleichstellungen erreicht, und Frauen begannen nun, massiv in männliche Herrschaftsbereiche einzudringen. Das männlich geführte System war jetzt zum ersten mal ernstlich bedroht und fürchtete einen Machtverlust. So mußten Mittel ergriffen werden, um diese Bedrohung auszuschalten, wirksam, aber nicht offensichtlich. Mit dem Herabsetzen des Idealgewichts um fünf bis zehn Kilo unter den Durchschnittswert wurde erreicht, Frauen denken zu lassen, sie wären zu dick und hätten versagt.

Obendrein etablierte sich ein vorzüglich florierender Industriezweig, der den Markt mit Schlankheitsprodukten überschwemmte. Das weibliche Potential, das in der Generation nach der Frauenbefreiung so stark war wie nie zuvor, kam nicht zum Zug. Naomi Wolf schreibt dazu in ihrem Buch “Der Mythos Schönheit”: “Und schließlich werden alle jungen Frauen vom Schönheitsmythos entmutigt, sich mit heutigen Feministinnen zu identifizieren – aus dem einfachen Grund, weil diese Frauen älter sind. Männern wird es erlaubt, Traditionen über Generationen weiterzugeben – Frauen haben nur die Mode. Unter diesen Umständen ist die Verbindung zwischen den Generationen bei Frauen gebrochen, denn das, was vor ihrer Zeit liegt, sieht eine junge Frau heute weder als Geschichte noch als Erbe an, sondern nur als peinlich aus der Mode geraten.”

Der Schlankheitswahn breitete sich, ausgehend von den USA, schnell wie eine Seuche aus. Und so fiel das Gewicht von Schönheitsköniginnen und Pin-up Girls rapide, Models wogen nun schon 23% unter dem Durchschnittsgewicht. Eine amerikanische Untersuchung, durchgeführt Mitte der achtziger Jahre an Frauen zwischen 18 und 35 Jahren, stellte fest, daß 75% sich zu dick fanden, obwohl nur 25% von ihnen medizinisch gesehen übergewichtig waren, sogar 45% der untergewichtigen Frauen wollten abnehmen. Wie erschreckend erfolgreich Frauen auf diese Weise der Fortschritt genommen wurde, zeigt ein anderer Teil dieser Studie; eine überwältigende Mehrheit der Befragten meinte, zehn bis fünfzehn Pfund abzunehmen sei ihnen wichtiger als ein befriedigendes Liebesleben oder beruflicher Erfolg.

Es ist also durchaus verständlich, wenn unsere Gesellschaft nichts gegen die verschieden Formen von Eßstörungen unternimmt und sie ihr im Gegenteil sogar äußerst nützlich sind. Denn sie ist von Männern dominiert, und wenn unzählige Mädchen und Frauen immer mehr an ihr Gewicht denken, wenn all ihre Gedanken ums Essen kreisen – dann bleibt in ihren Köpfen immer weniger Platz für feministische Ideen, dann ist da kein Wille zur Auflehnung gegen die männliche Unterdrückung.

Eßstörungen sind ein politischer Schaden, den diese soziale Ordnung Frauen zufügt, weil sie als der weniger wichtige Teil gesehen werden. Diese Gesellschaft sieht tatenlos zu und hat auch noch Nutzen daran, wenn unzählige Frauen und Mädchen an ihr zugrunde gehen. Doch wir dürfen diese Unterdrückung nicht hinnehmen, wir dürfen nicht das Bild von der “modernen Frau”, das uns durch Medien, Industrie und Gesellschaft vorgegeben wird, als richtig oder gut erachten. Denn es ist nur das, was wir glauben sollen, um lenk- und manipulierbar zu werden. Wir müssen gemeinsam kämpfen gegen diese Unterdrückung und für eine neue Gesellschaftsordnung. Denn nur in einer von Grund auf revolutionierten Gemeinschaft kann es eine absolute Gleichberechtigung von Männern und Frauen geben.



Zum Weiterlesen:

Puppen und Autos, Mädchen und Buben
Geschlechterrollen: angeboren oder anerzogen? (MR 26/04)

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Juni 2001, Morgenrot Nr. 13
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Wichtige Ratschläge für Betroffene

Erzähle jemandem, dem du vertraust davon, wie es dir geht - isoliere dich nicht. Führe ein Tagebuch über deine Eßgewohnheiten. Denn so wirst du dir leichter des Ausmaßes deiner Situation bewußt, außerdem können diese Aufzeichnungen bei einer möglichen Therapie hilfreich sein. Wenn du oft erbrichst oder Abführmittel schluckst, trinke genug Flüssigkeit und nimm kaliumreiche Nahrung zu dir, z.B. Bananen. Erkundige dich z.B. bei der unten angeführten Adresse über mögliche Hilfe!

Wichtig für FreundInnen/Verwandte:

Informiere dich über Eßstörungen! Führe keine Diskussion über Gewicht oder Essen mit dem/der Kranken. Eine Eßstörung ist eine Sucht, genauso wie Alkohol- oder andere Drogensüchte. Sie treten nicht aus Eigenverschulden auf und gehen auch nicht von selbst wieder weg! Sprich mit der Person über deine Sorgen, vermeide jedoch Schuldzuweisungen und Befehlsformen. Bleib geduldig, sei einfühlsam aber bestimmt.

Rate der Person, sich helfen zu lassen; Biete ihr Therapiemöglichkeiten und Kontaktadressen an (siehe auch unten). Allerdings ist eine Therapie sinnlos, fehlt die Eigenmotivation des/der Kranken. Wenn Gefahr besteht (z.B. Selbstmord), handle ruhig autoritär. Achte auch auf dich selbst, mach dich nicht für alles verantwortlich. Wenn du mit der Situation aber nicht mehr zurecht kommst: es gibt auch Selbsthilfegruppen für Angehörige.


Gratis-Hotline:
Information, anonyme und kostenlose Beratung für Mädchen mit Eßstörungen
0800/20 11 20