Seit Monaten brodelt es unter Österreichs LehrerInnen. Ein Großteil der LehrerInnen verlangt schon lange einen Streik gegen die Kürzungspolitik der Regierung. In Vorarlberg etwa stimmten mehr als 90% der KollegInnen für einen Streik. Doch mit allerlei Abstimmungstricks schaffte es die GÖD (Gewerkschaft Öffentlicher Dienst) bisher, einen Arbeitskampf zu verhindern. Wir wollten wissen, was die Einsparungen real bedeuten, wie die Stimmung unter den LehrerInnen ist und was die KollegInnen von der Gewerkschaft halten. Aus diesem Grund haben wir ein Interview mit Erna Weghofer*, Lehrerin an einer Wiener Sonderschule, geführt.
Erna, Du bist Lehrerin in einer Wiener Sonderschule. Im Bildungsbereich gibt es seit einiger Zeit recht drastische Einsparungen. Kannst Du erzählen, um was für Einsparungen es sich handelt und wie sich diese Einsparungen auf Eure Arbeit auswirken?
Es gibt eine ganze Reihe von Einsparungen, die teilweise die pädagogischen Möglichkeiten stark einschränken. So gibt es etwa in Hauptschulen eine Klassenschüler-Innenhöchstzahl von 30 Schüler-Innen, die bis jetzt aber nicht immer ausgeschöpft wurde. Jetzt werden die Klassen vollgestopft. Das Gleiche gilt für Integrationsklassen, etwa mit teilleistungsschwachen Kindern. Hinzu kommt, daß weniger Geld für sogenannte Begleit-lehrerInnen zur Verfügung gestellt wird.
Sogenannte MDL, also Mehrdienst-leistungen, werden nicht mehr bezahlt. Das führt an unsere Schule dazu, daß die Deutsch-Kurse stark eingeschränkt werden. Das ist ein Riesenproblem, in meiner Klasse sind von 20 SchülerInnen 19 mit nicht-deutscher Muttersprache, davon einige mit Teilleistungsschwächen.
Sozialabbau
Bei uns wird es auch 3 Freigegenstände weniger geben. Wir mußten etwa EDV und Volleyball einstellen. Zweiteres ist besonders hart, weil es der einzige Sport ist, der von den Mädchen angenommen wurde.
Auch die finanzielle Ausstattung der Schule wird immer schlechter. Durch die Schulautonomie bekommt die Schule zwar etwas mehr Geld, muß aber deutlich mehr selbst ankaufen. Ausgefüllt soll das Budget durch private Sponsoren werden, doch wer investiert in eine Schule in einem Arbeiter-Innenbezirk mit hohem Mig-rantInnenanteil? In der Praxis führt das dazu, daß wir LehrerInnen selbst Bastel-sachen oder auch Tafelstifte kaufen, sogar das Kopierpapier wird von den LehrerIn-nen bezahlt. Im Gegenzug werden ab Herbst einige KollegInnen große Gehaltseinbußen haben, da es keine Überstunden mehr gibt. Auch pädagogisch hat das problematische Folgen, es wird dann Klassen geben, wo ein Gegenstand abwechselnd von zwei LehrerInnen unterrichtet wird. Alle diese Einsparungen gehen auf Kosten der Schwächsten. Lernschwache Kinder und Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache werden durch diese Politik noch mehr an den Rand gedrängt.
Es wird auch Personaleinsparungen geben. Derzeit ist von 380 Kündigungen die Rede. Doch in Wirklichkeit sind es mehr, weil viele LehrerInnen nur Ein-Jahres-Kettenverträge haben, die dann einfach nicht mehr verlängert werden. Ob Verträge verlängert werden, und in welcher Schule sie unterrichten, ob in einer Volksschule, einer Hauptschule oder einem Polytechnikum, erfahren die KollegInnen meist erst im August.
"KollegInnen wollen Kampfmaßnahmen"
Nun gibt es ja unter den LehrerInnen recht großen Unmut über diese Politik. Kannst Du uns etwas über die Stimmung unter den KollegInnen erzählen?
Ein Großteil der KollegInnen wollen Kampfmaßnahmen, auch wenn viele mittlerweile durch die Politik der GÖD, der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst, zynisch und auch ein wenig resigniert sind. Beispielsweise gibt es kaum Informationen, immer heißt es von seiten von GÖD und Regierung, daß es noch eine Sitzung gibt.
Aber viele KollegInnen sind auch sehr zornig. Bei einer Dienststellenversammlung von rund 400 Sonder-schullehrerInnen, auf der ich anwesend war, ist der FP-Stadtschulratsvize Rudolph ausgebuht worden, bei ihm ist die Stimmung eskaliert. Aber schon vorher, bei den Reden von ÖVP- und SPÖ-Gewerk-schafterInnen gab es Zwischenrufe und Unmut. Viele fühlen sich von FCG (Anm.: Fraktion christlicher Gewerkschafter, ÖVP) und FSG (Fraktion sozialdemokratischer GewerkschafterInnen) verraten.
Die Gewerkschaft hat vor kurzem eine Urabstimmung über einen Vorschlag der Regierung zur LehrerInnenarbeitszeit durchgeführt. Wie hast Du diese Abstimmung erlebt?
Wir hatten die Wahl zwischen einem Regierungsvorschlag und einem GÖD-Vorschlag. Im Regierungsmodell waren 60 unbezahlte Supplierstunden vorgesehen. Insgesamt hatten beide Vorschläge die gleiche Summe zum Ziel, die Einsparungen wurden nur anders aufgeteilt. Es gab zwar auch die Möglichkeit, zusätzlich für Kampfmaßnahmen zu stimmen, doch war das keine gleichberechtigte Möglichkeit. Es wurde uns dann gesagt, daß wir mit den Vorarlberger Stimmzetteln stimmen können, wo alle drei Möglichkeiten gleichberechtigt waren. Das habe ich auch getan, doch diese Stimmzettel wurden dann als ungültig erklärt. In Vorarlberg haben über 90% der KollegInnen mit diesen Stimmzetteln für Kampfmaßnahmen gestimmt.
Viele KollegInnen sagen, daß die Aufgabe der GÖD gewesen wäre, ein Modell zu erarbeiteten, über das die Regierung nicht einmal diskutieren will, statt dessen hat sie eines gemacht, bei dem die Regierung applaudierte.
Oft wird in der Öffentlichkeit das Argument gebracht, daß Kampfmaßnahmen der LehrerInnen auf dem Rücken der Schü-lerInnen ausgetragen werden. Was sagst Du dazu?
Diese Diskussion führen wir auch oft selbst, und das Problem ist uns bewußt. Ich denke aber, daß es für die SchülerInnen besser ist, wenn mal eine Projektwoche ausfällt, als wenn sie 9 Pflichtschuljahre unter pädagogisch unzumutbaren Bedingungen in die Schule gehen müssen.
Was denkst Du, sollte die Gewerkschaft machen?
Die GÖD darf nicht kompromißbereit sein. Derzeit trickst sie herum und meint, daß in der Praxis die Einsparungen nicht so heiß gegessen wie gekocht werden. Aber das Potential für einen Streik ist da. Die Gewerkschaft darf Einsparungen auf keinen Fall zustimmen und nicht nachgeben. Es muss Demonstrationen, Informationsveranstaltungen und Streiks geben. Es ist natürlich ein Problem, daß viele LehrerInnen (vor allem in den Bundesländern) oft recht konservativ sind und nicht über den Tellerrand der eigenen Interessen hinausblicken. Aber jetzt ist auch unbedingt nicht nur die Vernetzung mit anderen Bildungssektoren (etwa den Unis) nötig, sondern eine Zusammenarbeit mit allen, die von Einsparungen betroffen sind.
Vielen Dank für das Gespräch.
* Name von der Redaktion geändert