Alexandra Kollontai

Serie: Köpfe der ArbeiterInnenbewegung

Die Geschichte der russischen Revolution und ihre unrühmliche Deformation zur Diktatur in der Sowjetunion sind bekannt; weniger bekannt sind die Personen, die diese Tendenz schon früh erkannten und dagegen auftraten. Alexandra Kollontai, Feministin und Leitfigur der “Arbeiteropposition”, war eine jener KritikerInnen, die allerdings später selbst ihren Frieden mit dem Stalinismus machte.

Kollontai wurde 1872 im, vom Zaren regierten, Russland geboren. Ihre politische Laufbahn begann 1894 als Mitglied des Politischen Roten Kreuzes in St. Petersburg. Tätigkeitsbereich dieser Organisation war die Unterstützung politischer Gefangener. 1896 war sie an der Organisation des TextilarbeiterInnenstreiks in St. Petersburg beteiligt, bevor sie zwei Jahre später zu Studienzwecken nach Zürich ging. 1899, nach ihrer Rückkehr nach Russland, trat Kol-lontai in die verbotene “Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei” (RSDAP) ein.

Obwohl sie 1903 bei der Spaltung der russischen Sozialdemokratie in Bolschewiki und Menschewiki keine der beiden Fraktionen unterstützt hatte, trat sie im darauffolgenden Jahr aus Gründen politischer Übereinstimmung den Bolschewiki bei, wo sie sich zu Beginn zusammen mit Trotzki für eine Einheit der Partei einzusetzen versuchte. Nach Meinungsverschiedenheiten verließ sie 1906 die bolschewistische Fraktion und widmete sich in den folgenden Jahren vorwiegend dem Aufbau einer kommunistischen Frauenbewegung, die sich gegen die Ausbeutung der Frau in Betrieb und Familie, sowie oft auch gegen den Chauvinismus der eigenen Partei, positionierte. 1908 verließ Kollontai nach einer dreimonatigen Gefängnisstrafe Russland erneut und verbrachte die Zeit bis 1917 in England, Dänemark und Deutschland, wo sie für die SPD tätig war. In den Jahren vor 1914 versuchte sie in Deutschland und Österreich, gegen den sich abzeichnenden Krieg zu mobilisieren und wurde dafür nach dessen Ausbruch in Haft genommen.

Nach ihrer Haftentlassung nahm Alexandra Kollontai in Skandinavien Kontakt zu Lenin auf und verfasste Polemiken gegen den Krieg. Auch ihr Buch “Wer braucht den Krieg?”, das sich direkt an die Soldaten an den Fronten des Ersten Weltkrieges richtete, wurde in dieser Zeit verfasst.

Im Februar 1917 kehrte sie zurück nach Russland, um gegen die Zusammenarbeit mit der bürgerlichen Übergangsregierung und gegen die Fraktion von Kamenev und Stalin aufzutreten. Kollontai wurde zum Mitglied des Exekutivkomitees des Petro-grader Sowjets ernannt, wo sie zusammen mit Lenin tätig war. In den Monaten bis zum Ausbruch der Oktoberrevolution arbeitete sie an einer engeren Zusammenarbeit zwischen den Gewerkschaften, der Partei und unabhängigen Frauenorgani-sationen und war maßgeblich an der Durchführung des Petrograder Streiks, der die Februarrevolution einleitete, beteiligt.

Im Oktober 1917 war Kollontai an der Entscheidung zum bewaffneten Aufstand mit beteiligt. Nach dem Sieg der sozialistischen Revolution wurde sie zur Sozialbeauftragen der Sowjetunion gewählt und leitete Delegationen im Ausland, die für die Anerkennung der neuen Sowjetregierung werben sollten. Sie trat nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages zur Beendigung des ersten Weltkriegs (zwischen Deutschland und Russland) von Brest-Litovsk von ihren Funktionen zurück, um die Einheit der Regierung durch ihre Opposition zur Unterzeichnung des Vertrages nicht zu behindern.

Die “Arbeiteropposition”

Nach langer Krankheit wurde Kollontai im Dezember 1920 zum Mitglied des Exekutivkomitees gewählt und trat dort der “Ar-beiteropposition” bei, einer Tendenz in der bolschewistischen Partei, die die drohende Bürokratisierung die später den Verfall der Revolution verantwortete, erkannt hatte und bekämpfte.

Die “Arbeiteropposition” fand breiten Zuspruch in der Gewerkschaft der Metallarbeiter und war auch in der ukrainischen Kommunistischen Partei eine dominierende Kraft. Als eine der wenigen oppositionellen Kräfte übte die “Arbeiteropposition” auch Kritik an der Rolle Lenins und Trotzkis (der ab 1923 selbst in Opposition ging), die als Urheber von Beschlüssen wie der “Neuen Ökonomischen Politik”, NEP, oder auch des Parteienverbotes, letztendlich der Deformation zur Bürokratie den Weg ebneten.

Ungeachtet der Tatsache, dass durch die verheerende Versorgungssituation nach dem Bürgerkrieg die Einführung marktwirtschaftlicher Elemente durch die NEP notwendig war um eine Hungerkatastrophe zu verhindern, schufen eben diese Massnahmen die Grundlage für die BürokratInnen um Stalin, deren Klassenbasis das damit gestärkte Kleinbürgertum war. Kollontai und viele andere Mitglieder der Tendenz setzten ihre Oppositionsarbeit auch nach dem Verbot der Fraktionen innerhalb der Partei einige Zeit fort.

Nachdem die Niederlage der fortschrittlichen Elemente in der bolschewistischen Partei in den frühen 20er Jahren besiegelt war, gelang es Alexandra Kollontai, sich mit der neuen Führung zu arrangieren. In der Zeit von 1922 bis 1945 war sie Botschafterin und mit diversen Aufgaben im Ausland betraut und überlebte als eine der wenigen durch ihre aktive Teilnahme an der antitrotzkistischen Propaganda die “Moskauer Schauprozesse”, bei denen zehntausende ehemalige MitstreiterInnen Trotzkis und anderer Oppositioneller unter fadenscheinigen Vorwänden ermordet oder in Arbeitslager gebracht wurden.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs übernahm Kollontai 1946 den Posten der Sprecherin des sowjetischen Aussenmini-steriums, bevor sie 1952 in Moskau starb.