Emma Goldmann zählte zu den bekanntesten Persönlichkeiten der anarchistischen Bewegung in den USA. Sie kämpfte gegen die Ausbeutung der ArbeiterInnen im Kapitalismus sowie für eine revolutionäre Umgestaltung des Gesellschaftssystems. Als feministische Anarchistin trat sie ihr Leben lang für die Unabhängigkeit und volle Gleichberechtigung der Frau ein.
Emma Goldmann wurde 1869 in Kowno als Tochter eines russisch-jüdischen Theaterdirektors geboren. 1882 zog sie mit ihren Eltern nach Petersburg, wo sie in den Kreisen von revolutionär gesinnten Intellektuellen verkehrte. 1886 folgte sie ihrer Schwester Helene in die USA, wo sie als Arbeiterin in der Textilindustrie die Lebensverhältnisse des amerikanischen Proletariats kennenlernte.
Zu einem entscheidenden Ereignis für ihr politisches Engagement kam es im Frühjahr 1886. In den USA hatte eine große Kampagne für den Achtstundentag eingesetzt, zu deren aktivsten Kräften die AnarchistInnen gehörten. Nach großen, aber unblutig verlaufenen Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen am 1.Mai ging die Polizei zwei Tage später gegen streikende Arbeiter-Innen vor. Während des sogenannten “Haymarket riot” in Chicago lieferten sich ArbeiterInnen und Polizei einen Kampf vor der McCormick Reaper Company. Diese stellte ArbeiterInnen ohne Gewerkschafts-mitgliedschaft ein, um einen Streik für den Acht-Stunden-Tag zu brechen. Dabei wurde eine Person getötet, die AnarchistInnen beschuldigten die Polizei der Brutalität und riefen zu einer Protestdemonstration am nächsten Tag auf.
Verhaftungen
Als die Polizei am 4.Mai die Demonstration aufzulösen versuchte, warf ein Unbekannter eine Bombe, die sieben Polizisten tötete. Daraufhin schoß die Polizei in die Menge. Eine allgemeine Hysterie unter der Bevölkerung war die Folge des Bombenanschlags. Zahlreiche bekannte Anarchist-Innen wurden verhaftet. Vier von ihnen wurden im November 1887 durch den Strang hingerichtet, obwohl ihnen das Gericht keinerlei direkte Verantwortung für das Attentat nachweisen konnte.
Wahrend des “Homestaed strike” (1892) half sie Alexander Berkmann, einen russischen Landsmann mit dem sie eine lebenslange Beziehung hatte, bei der Planung des Attentates auf den Stahlminenbesitzer Henry Clay Frick. Der Fabrikbesitzer Henry Clay Frick wollte Gehaltskürzungen vornehmen . Die Gewerkschaft akzeptierte die Bedingungen nicht. Als sie am 29.Juni den Streik ausriefen, organisierte Frick 300 Mitarbeiter von den “Pinkerton Detec-tives” (eine Agentur, die spionierte und Streiks brach) um sie anstelle der Streikenden arbeiten zu lassen.
Eingriff des Militärs
Am 6.Juli kam es zu einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen den Streikenden und den Aushilfskräften, in der einige verletzt und auch getötet wurden. Kurz darauf griff das Militär ein, unter dessen Schutz nicht gewerkschaftlich organisierte ArbeiterInnen vom 12. Juli bis zum Streikzusammenbruch am 20. November, arbeiteten. Dieser Erfolg Fricks traf die Gewerkschaften der Schwermetallindustrie schwer. Nach dem versuchten Attentat auf den Kapitalisten Frick mußten beide untertauchen. Im Oktober 1893 erhielt Emma wegen “Anstiftung zum Aufruhr” (sie ermutigte arbeitslose ArbeiterInnen Brot zu stehlen) eine Gefängnisstrafe von einem Jahr. Sie wurde erneut inhaftiert, als sie für Leon Czolgoncz eintrat, jenen aus Polen stammenden anarchistischen Einzelgänger, der 1901 den amerikanischen Präsidenten McKinley erschossen hatte.
Von 1906 bis 1917 gab Emma Goldmann die anarchistische Zeitschrift “Mother Earth” heraus. Sie kämpfte nicht nur für die revolutionäre Selbstbestimmung der Arbeiter-Innenschaft, nicht minder vehement trat sie in Reden, Vorträgen und Artikeln für die volle Gleichberechtigung der Frau, für eine freie Sexualmoral und die verpönte Geburtenkontrolle ein. Sie glaubte, daß Geburtenkontrolle das menschliche Elend lindern könnte, indem die Last der Großfamilien erleichtert und Frauen aller Klassen sexuelle Freiheit gewährt wird.
Selbstbestimmungsrecht
Sie bestand auf das Recht der Frau sich zu weigern, Kinder zu bekommen. Durch ihre Tätigkeit als Hebamme und Krankenschwester und der Teilnahme an einer Pariser Konferenz, wo Kondome und andere Verhütungsmittel diskutiert wurden, war sie mit Geburtenkontrollmethoden sehr vertraut. 1916 wurde sie wegen der Verletzung eines Gesetzes, das die Verbreitung von Informationen über Verhütungsmittel verbot, verhaftet.
Sie sprach sich auch gegen die Ehe aus, welche Frauen lebenslang zu Abhängigen und sexuellen Objekten macht. Viele Leute sahen in ihr die “Neue Frau” – unabhängig, unverheiratet und emanzipiert. Sie war gegen jegliche Einrichtung der Macht und Unterdrückung wie z.B. Privatbesitz, Sklaverei, Lohnausbeutung, Religion, Ehe, den Staat und das Militär.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs gründete sie mit Berkmann die “No Con-scription League”, die 1917 verboten wurde. Nach zweijähriger Haft mußte sie am 1.Dezember zusammen mit zahlreichen anderen aktiven AnarchistInnen russischer Herkunft die USA verlassen und nach Rußland zurückkehren.
Wie ihre GesinnungsgenossInnen kam auch Emma Goldmann voller Hoffnung in das nachrevolutionäre Rußland. Sie kritisierte die bolschewistische Staatstheorie und den sogenannten Kriegskommunis-mus. Ende 1921 verließ sie die Sowjetunion Später lebte sie in England und starb am 14. Mai 1940 in Kanada.