Was ist eigentlich Anarchismus? Anarchismus, Anarchie und anarchistische Bewegungen sind häufig Synonyme für politische Gewalt und politischen Terror. Die Geschichte des Anarchismus ist einerseits mit Gewalt, andererseits jedoch auch mit der Hoffnung auf die Abschaffung aller bestehenden Gewaltverhältnisse und mit dem Ziel verbunden, jede Form von Herrschaft aufzuheben. Es gab/ gibt aber auch anarchistische Bewegungen, die Gewalt ablehnen.
Das Wort an sich kommt aus dem griechischem und bedeutet Herrschaftslosigkeit. Der Begriff wurde erstmals im 19. Jahrhundert durch dem französischen Revolutionär Proudhon (1809 – 1865) genutzt. Proudhon gilt als ein Vertreter des sozialen Anarchismus. Zuvor haben einige sogenannte FrühanarchistInnen schon ihre Ideen niedergeschrieben, doch nicht als Anarchismus deklariert.
FrühanarchistInnen
Zwei der bekanntesten sind William Godwin (1756 – 1836) und Max Stirner (1806 – 1856). William Godwin lebte im 18. Jahrhundert in England, wo er die Auswirkungen der industriellen Entwicklung hautnah zu spüren bekam. Er schrieb 1793 ein umfangreiches Buch mit dem harmlos klingenden Titel “Untersuchung über politische Gerechtigkeit und ihren Einfluß auf die Moral und das Glück”. Er sagt darin, daß eines der wesentlichen Hindernisse auf dem Weg in “jene glückliche Zeit”, die bei der Industrialisierung sich ausbreitende Ansammlung von Eigentum ist.
Max Stirner verfaßte 1843 das Buch “Der Einzige und sein Eigentum”. Dieses Buch wurde kurz nach seinem Erscheinen beschlagnahmt, aber wenig später mit der Begründung, es wäre zu absurd und darum ungefährlich, wieder freigegeben. Seine Philosophie nahm das vorweg, was Proudhon, Bakunin oder Kropotkin später als Föderalismus verstehen.
Proudhon war der erste, der die “Tendenz der Freiheit” und den Sozialsmus zu verbinden versuchte. Er gilt als der Begründer des “libertären” Sozialismus. Er kritisiert die marxistische Staatstheorie und ist dagegen, bei Wahlen zu kandidieren, aber in den meisten anderen Bereichen geht er mit MarxistInnen konform.
Kollektivistischer Anarchismus
Ein Bewunderer von Proudhon war Michael Bakunin (1814 – 1876). Die Strömung des Kollektivistischen Anarchismus wurde sehr stark von ihm geprägt. Seine Hauptforderungen waren die soziale Revolution, die Zerstörung des alten Staatsapparates und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Diese Strömung ist auch sehr vom Marxismus geprägt. Bakunin setzte aber, im Gegensatz zu Marx und Engels, auf die Spontanität der Massen. Die Anhänger Bakunins sind der Ansicht, daß eine Übergangsgesellschaft nicht notwendig wäre, weil sofort nach der Abschaffung des Kapitalismus die neue “freie Gesellschaft” entstehen würde.
Kommunistischer Anarchismus
Der kommunistische Anarchismus entwickelte sich seit 1880 zur Hauptbewegung des Anarchismus. Einer der wichtigsten Vertreter dieser Strömung des Anarchismus war Peter Alexandrowitsch Kropotkin (1842 – 1921). Viele AnarchistInnen näherten sich dem Kommunismus an. Sie forderten die Aufhebung des Lohnsystems und die Verteilung der vorhandenen Gütern nach den Bedürfnissen.
Auch die Russische Revolution brachte viele anarchistisch gesinnte in die Kommunistische Internationale. Doch durch die ausbleibende internationale Revolution und vor allem auch durch die gescheiterte deutsche Novemberrevolution kam es zur Isolierung der Russischen Revolution und dadurch zur Entartung der ArbeiterInnen-demokratie in Russland. Viele Anarchist-Innen kritisierten nun nicht den Stalinismus, der sich in Russland etabliert hatte, sondern den Marxismus im Allgemeinem. Sie sahen ihn als die Ursache für die Entartung und entfernten sich wieder vom Kommunismus.
Die bis heute wichtigste Strömung des Anarchismus ist der Anarchistische Syndikalismus.
Anarcho - Syndikalismus
Der Anarcho Sydikalismus ist eine anarchistische Gewerkschaftsbewegung, die unabhängige Gewerkschaften aufbauen will. Außerdem tritt er für die Übernahme der Produktionsmittel durch die Gewerkschaften ein. In Spanien hatte der Anarcho Syndikalismus eine bedeutende Rolle vor und während des Spanischen Bürgerkriegs (1936 – 1939).
Aus traditionell antiparlamentaristischer Einstellung propagierte die C.N.T. (Conferderacion Nacional del Trabajo) bei den Wahlen 1933 die Wahlenthaltung, mit dem Ergebnis, daß die Parteien der Rechten siegten. Die neue Regierung hob soziale Reformgesetzen wieder auf und machte sogar die halbherzigen Versuche einer Landreform wieder rückgängig. Es kam daraufhin zu Aufständen, die blutig niedergeschlagen wurden. 1936 kam es zu Neuwahlen bei denen die Volksfront einem Sieg davon trug. Die Volksfront war ein Zusammenschluß aus bürgerlichen, pro – kapitalistischen Parteien und ArbeiterInnen-parteien. Diese Regierung propagierte zwar den antifaschistischen Kampf, war aber nicht bereit, den Kapitalismus abzuschaf-fen. Als dann der Militärputsch unter Führung des faschistischen Generals Franco losbrach, wurden ArbeiterInnemilizen gebildet und in Teilen Spaniens wurde das Land kollektiviert.
Da Rußland der einzige Waffenblieferant war, gewannen die stalinistischen Kräfte in Spanien immer mehr Einfluß. Doch Ziel der StalinistInnen war nicht der Sieg, der anarchistischen und marxistischen Arbeit-erInnengruppen und die Abschaffung des Kapitalismus in Spanien, sondern sie arrangierten sich mit den faschistischen Truppen Francos. So gelang es dem Faschismus zu siegen.
Der Traum von einer freien Gesellschaft hatte kurze Zeit die Möglichkeit wahr zu werden, doch durch den Fehler der AnarchistInnen 1936, wo sie zur Wahlenthaltung aufgerufen haben, und dem Verrat der StalinistInnen, wurde diese Möglichkeit vertan.
Gemeinsamkeiten
Die Vorstellung einer klassenlosen Gesellschaft ohne Unterdrückung, ohne Geld, ohne bürgerliche Normen,..., verstehen MarxistInnen als Kommunismus und die AnarchistInnen als Anarchie. Anarchie bedeutet für die AnarchistInnen eben nicht Chaos und Gewalt. Im Ziel sind sich MarxistInnen und AnarchistInnen einig, denn sie wollen beide eine freie, friedliche Welt. Doch in der Frage, wie mensch dorthin gelangt, werden die Unterschiede klar ersichtlich.
Der Staat und seine Aufhebung
Die AnarchistInnen wollen den Staat vernichten und somit die Menschen befreien. Doch die Regierung und der Staat spiegeln nur die wirtschaftlichen Besitzverhältnisse wider. Die Überführung der Banken und Konzerne in gesellschaftliches Eigentum unter ArbeiterInnenkontrolle und auch Verwaltung und die Organisierung einer demokratischen Planwirtschaft ist nötig, um die Ausgangsbasis für die materielle Freiheit der Menschen herbeizuführen. (s. Kasten)
Friedrich Engels beschrieb den Staat folgendermaßen: “Da der Staat entstanden ist aus dem Bedürfnis, Klassengegensätze im Zaum zu halten, da er aber gleichzeitig mitten im Konflikt dieser Klassen entstanden ist, so ist er in der Regel Staat der mächtigsten, ökonomisch herrschenden Klasse, die vermittels seiner auch politisch herrschende Klasse wird und so neue Mittel erwirbt zur Niederhaltung und Ausbeutung der unterdrückten Klasse.”
Mit der Machtergreifung der Arbeiter-Innenklasse besitzt das Proletariat die “Staatsgewalt” und wandelt als ersten Schritt die Produktionsmittel in Staatseigentum um. In weiterer Folge hebt sich das Proletariat selbst auf und damit alle Klassenunterschiede. Mit der Aufhebung, der Klassenunterschiede wurde somit auch der Staat als Unterdrückungsinstrument aufgehoben.
Idealismus
Die Bedingung für die Erreichung der Freiheit ist für die AnarchistInnen ein besseres Leben. Gelernt werden soll und kann es in sogenannten “freien Kommunen”. Sie vergessen dabei aber die materiellen Hindernisses, die es für ArbeiterInnen nun einmal gibt. Nicht jeder Mensch hat die Möglichkeit in eine Selbstversorgerkommune auf dem Land zu ziehen.
Es ist nicht möglich, daß sich noch im Kapitalismus, ein echter “sozialistischer Mensch” entwickelt, denn der Marxismus ist der Ansicht, daß das Sein daß Bewußtsein bestimmt. Die Menschen leben in einer kapitalistischen Konkurrenzgesell-schaft und erst wenn diese zerstört ist, können die Menschen anfangen, nicht mehr in diesem Konkurrenzdenken zu leben. Es muß also zuerst die materielle Ausgangsbasis geschaffen werden, bevor das Umdenken einsetzen kann und jeder nach den eigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten leben, lieben und arbeiten kann. Dann wird sich auch ein anderes Bewußtsein entwickeln, aber nicht umgekehrt.
Unterschiede zwischen MarxistInnen und AnarchistInnen
# Das die MarxistInnen, die sich die völlige Aufhebung des Staates zum Ziel setzen, dieses Ziel erst nach der Aufhebung der Klassen durch die sozialistische Revolution für erreichbar halten. Als Resultat erwarten sie die Errichtung des Sozialismus, der zum Absterben des Staates führt; die AnarchistInnen wollen die völlige Aufhebung des Staates von heute auf morgen, ohne die Bedingungen für die Durchführbarkeit einer solchen Aufhebung zu begreifen.
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