Drogen: Haft statt Therapie

Der Justizminister und ehemalige Haus- und Hofanwalt der FPÖ und Jörg Haiders, Dieter Böhmdorfer, kündigte bereits in einem Brief an den Gesundheitsstadtrat der Stadt Wien, Sepp Rieder, an, das Budget für das Modell „Therapie statt Strafe” zu kürzen. Das bedeutet, dass in Zukunft Suchtgiftkonsumenten statt einer Therapie vermehrt Freiheitsstrafen zu erwarten haben.

Jedes Jahr sterben in Österreich weit mehr als 100 Menschen direkt an den Folgen von Drogenmissbrauch – die Dunkelziffer jener Opfer, die an Folgeerkrankungen (z.B. Hepatitis, HIV), oder durch Unfälle unter Drogeneinfluss sterben, ist weit höher. Seit 1999 ist diese Zahl wieder im Steigen begriffen, für 2000 rechnen Fachleute mit bis zu 200 Toten. Doch auch die Zahl, der von der „Volksdroge“ Alkohol und von Medikamenten Abhängigen, geht in die Hunderttausenden. Wer nun glaubt, diese Entwicklung sei Anlass für den Gesetzgeber, Vorbeugungs- und Therapieprogramme auszubauen, liegt falsch.

Der Weg der Regierung ist Einsparen und „Haft statt Therapie“. Bekanntlich ändern Haftstrafen das Suchtverhalten der Abhängigen nicht zum Besseren. In Wien gibt es lediglich eine Justizanstalt, die auf die Aufnahme und Therapie von Drogenkranken spezialisiert ist. In den meisten anderen Gefängnissen gehören harte Drogen zum Alltag. Medizinische Mindeststandards, wie frische Spritzen, jedoch nicht. Selbst jene Süchtigen, die in der Haft den körperlichen Entzug schaffen, werden nach ihrer Entlassung nicht lange clean bleiben, denn die chronische psychiatrische Erkrankung, die der Drogensucht zugrunde liegt, wird durch einige Monate oder Jahre Gefängnis nicht beseitigt. Nach der Entlassung bricht über die Leute die Realität herein. Keine Arbeit, nur Freunde und Bekannte aus der Drogenszene, da ist der Griff zur Substanz nicht weit.

Auch das Gesundheitsressort setzt auf Sparen um jeden Preis: Einsparungen von 16 Prozent des ohnehin spärlichen Budgets für Betreuung und Behandlung von Abhängigen gelten bereits als fixiert. Die Mittel für die Suchtprävention in Wien wurden bereits völlig gestrichen.

Substitution

Die Zahl der opiatabhängigen Personen wird in Österreich auf bis zu 6500 geschätzt. Bundesweit befinden sich davon rund 3500 in Substitutionsbehandlung, 2600 davon in Wien. Zu 70 Prozent wird die Behandlung mit Methadon durchgeführt. Diese Droge verhindert die körperlichen Entzugserscheinungen, wirkt sich aber in vielen Fällen negativ auf die Psyche der Patient-Innen aus. Methadon macht schwerer körperlich abhängig als Heroin, der Entzug ist schmerzhafter und langwieriger, die Motivation für eine Entwöhnung daher geringer. Der Grund warum Methadon trotzdem bei Therapien verwendet wird, ist der, dass es zwar die körperlichen Abhängigkeit nicht vermindert, aber dafür die psychische.

In Österreich wurde 1980 mit der Substitution begonnen, zuerst in Wien und Innsbruck, seit 1986 sind die Programme gesetzlich verankert. Auf therapeutisch sinnvollere Programme, wie die kontrollierte Abgabe von Heroin unter ärztlicher Kontrolle, wie dies in der Schweiz bereits mit Erfolg betrieben wird, werden die Patient-Innen wohl noch länger warten müssen. Bei diesem Programm bekommen die PatientInnen genau dosierbares, nicht verunreinigtes Heroin, Die Gefahren und der Stress des illegalen Konsums werden dadurch ausgeschaltet.

Die Beschaffungskriminalität und die Verwahrlosung, beides direkte Folgen des illegalen Konsums, werden auf ein Mindest-maß reduziert. Ein weiterer Fortschritt bei der Entkriminalisierung der Suchtkranken wäre die Einrichtung von „Spritzerzimmern“ wie sie in der Schweiz schon erfolgreich umgesetzt wurden.

Der Ganslwirt: ein positives Beispiel in Wien

In der Anlaufstelle Nummer eins in Wien, dem Ganslwirt, der erst nach heftigen Diskussionen und Demonstrationen durchgesetzt wurde, finden Drogenabhängige wenigstens für wenige Stunden am Tag Ruhe vor dem Stress auf der Strasse, den das Leben als SuchtgiftkonsumentIn mit sich bringt.

Hier können Süchtige ihre gebrauchten Spritzen gegen frische, saubere eintauschen, und ihre alten Spritzen fachgerecht entsorgen lassen, destilliertes Wasser und Ascorbinsäure zum Aufkochen der Drogen kaufen. Doch die Schikanen der Exekutive häufen sich. Immer öfter werden KlientInnen nach dem Verlassen des Ganslwirtes perlustriert. Billige Erfolge für die Polizei, doch gehen diese natürlich auf Kosten der KlientInnen, bei denen das Misstrauen und damit auch die Hemmschwelle, das Betreuungsangebot anzunehmen, steigt.

Grenzmengen

Bisher war es so: Durch das Suchtmittelgesetz wurden Suchtkranke und professionelle Dealer streng auseinandergehalten. Justizminister und Sozialministerin dürfen per Verordnung festlegen, wie hoch die “Grenzmenge” für eine bestimmte Substanz ist. Wer bei einer polizeilichen Kontrolle mit weniger als einer “geringen Menge” einer verbotenen Substanz angetroffen wird, wird gar nicht mehr verfolgt. Wer weniger als die Grenzmenge bei sich trägt, kommt für das “Therapie statt Strafe”-Programm in Frage. Noch heuer wird die Grenz-menge für Heroin von derzeit 5 auf 3 Gramm gesenkt. Dadurch wird auch automatisch die “geringe Menge” reduziert: von 0,5 auf 0,3 Gramm. Mit dieser Menge kann praktisch jedeR SuchtkrankeR eingesperrt werden, oder zur Therapie verpflichtet. Doch dafür wird bald kein Geld mehr da sein.