Am 21. August 2000 jährt sich zum sechzigsten Mal der Todestag des russischen Revolutionärs Lev Davidowitsch Bronstein, besser bekannt als Trotzki. Seitdem ist das Wort „Trotzkist“ für seine Feinde zum Sinnbild für das Böse auf der Welt, für seine AnhängerInnen hingegen das Bekenntnis zu Revolution und Sozialismus geblieben
Trotzkis politische Karriere begann früh. Erst 19-jährig wurde Trotzki als Mitorganisator des südrussischen Arbeiterbundes zum ersten Mal nach Sibirien deportiert. Von dort geflüchtet, spielte Trotzki eine nicht unerhebliche Rolle in den Fraktionsauseinandersetzungen innerhalb der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAPR), wo sich Lenin und Julius Martow gegenüberstanden. Lenin argumentierte für eine streng zentralisierte Partei von BerufsrevolutionärInnen, Martow, der von Trotzki unterstützt wurde, bevorzugte eine breitere Parteiformation. Die Gruppe um Lenin, die die Mehrheit hielt, bildete die Fraktion der Bolschewiki (Mehrheitler) im Gegensatz zu Martows Menschewiki (Minderheitler). Trotzki unterstützte zuerst die Menschewiki, rückte aber bald von ihnen ab.
Die permanente Revolution
In der ersten russischen Revolution von 1905 wurde er 26-jährig bereits zum Vorsitzenden des ArbeiterInnenrates („Sowjet“) von Petersburg gewählt. Nach der Niederschlagung der Revolution und seiner erneuten Verhaftung entwickelte er die sogenannte "Theorie der permanenten Revolution". Diese Theorie stellte einen Bruch mit dem klassischen Marxismus dar. Sie besagt, daß rückständige Länder (wie Rußland) nicht automatisch das Stadium des Kapitalismus durchlaufen müssen, bevor der Sozialismus an die Macht kommen kann. Laut Trotzki kann in solchen Ländern das Proletariat die bürgerliche Revolution direkt in eine proletarische weiterentwickeln, sie also permanent machen. Die russische Revolution ist eine eindrucksvolle Bestätigung dieser Theorie
In den folgenden Jahren kritisierte Trotzki zwar weiterhin die mangelnde Demokratie des bolschewistischen Modells, erkannte aber, daß die Bolschewiki die ernsthafteren und konsequenteren RevolutionärIn-nen waren. Trotzdem versuchte er noch jahrelang, die Menschewiki und die Bolschewiki wieder zu vereinen. Erst im Juli 1917 schloß er sich mit seinen Meshrayonzy (Zwischengruppe), die damals rund 4.000 Mitglieder zählten, den Bolschewiki an und wurde sofort ins Zentralkomitee (ZK) gewählt. Der einzige, der mehr Stimmen als er erhielt, war Lenin.
Oktoberrevolution
Trotzki war als Vorsitzender des Militärischen Revolutionskomitees der bolschewistische Hauptverantwortliche für die erfolgreiche Oktoberrevolution. In den Jahren danach wurde Trotzki immer dort eingesetzt, wo das Schicksal der Sowjetunion auf der Schneide stand. Vor allem der Aufbau und die Leitung der Roten Armee, die schließlich in einem BürgerInnenkrieg die Konterrevolution besiegen konnte, wurde von Trotzki übernommen. Die unruhige Situation in Rußland brachte die Bolschewiki allerdings dazu, einige sehr problematische Beschlüsse umzusetzen. So wurden nicht nur alle anderen Parteien, sondern schlußendlich auf dem Parteitag von 1921 sogar Fraktionen innerhalb der Bolschewiki verboten.
Trotzki, der diese Maßnahmen unterstützte, schrieb später in der „Verratenen Revolution“ selbstkritisch: „Das Verbot der Oppositionsparteien zog das Verbot der Fraktionen nach sich, das Fraktionsverbot mündete in das Verbot, anders zu denken als der unfehlbare Führer“ und spricht sich 1938 auch klar für ein Mehrparteiensystem aus: „Die Arbeiter und Bauern werden durch ihre freie Stimmabgabe zeigen, welche Parteien sowjetisch sind“.
Heute ist klar, daß einige der bolschewistischen Maßnahmen die Machtergreifung der StalinistInnen durchaus erleichtert haben. Aber natürlich waren dafür eine ganze Reihe von Faktoren verantwortlich, die letztlich in die Herrschaft einer neuen Bürokratie mündeten. Den Kampf gegen diese Bürokratisierung führten Lenin und Trotzki ab ca. 1922, 1923 begaben sich Trotzki und 45 andere prominente Bolschewiki mit ihrer „Erklärung der 46“ offen in Opposition. Lenin konnte an diesem Kampf nicht mehr teilnehmen, da er bereits schwerkrank war (und 1924 starb), unterstützte Trotzki aber immer wieder schriftlich. In seinem Testament forderte er sogar die Absetzung Stalins. Doch der Kampf gegen die Bürokratie war bereits verloren. 1927 wurde Trotzki schließlich aus der Partei ausgeschlossen und verbannt.
In den nächsten Jahren setzte sich Trotzki stark mit dem herannahenden Faschismus, vor allem in Deutschland, auseinander. Er forderte eine Einheitsfront der Arbeiter-Innenorganisationen SPD und KPD und wurde dafür von den StalinistInnen absurderweise als Faschist gebrandmarkt. In seinem wahrscheinlich wichtigsten Werk, der „Verratenen Revolution“ analysierte Trotzki die Sowjetunion als bürokratischen ArbeiterInnenstaat und forderte eine neue Revolution. Spätestens die Niederlage in Deutschland, verbunden mit der weiteren Entwicklung in der Sowjetunion brachte ihn zum Schluß, daß der Aufbau einer neuen Partei und Internationale notwendig sei. So entstand aus der „Internationalen Linken Opposition“ (ILO) schließlich 1938 die IV. Internationale (bei deren Gründung übrigens auch Delegierte aus Österreich anwesend waren). 1940 schließlich schaffte sich Stalin seinen gefährlichsten marxistischen Kritiker endgültig vom Hals und ließ Trotzki von einem stalinistischen Agenten erschlagen.
Literatur:
Trotzki für Anfänger (vergriffen)
Ernest Mandel, Trotzki als Alternative
Ernest Mandel, Oktober 1917
Isaac Deutscher, Der bewaffnete Prophet, Der unbewaffnete Prophet und Der verstoßene Prophet
Trotzki, Die verratene Revolution
Trotzki, Geschichte der russischen Revolution in drei Bänden
Trotzki, Die permanente Revolution
Trotzki, Mein Leben
Die Stärke des Trotzkismus ist heute gleichzeitig seine Schwäche. Die konsequente politische Diskussion (in Zusammenspiel mit der gesellschaftlichen Marginalität) hat zu einer großen Zersplitterung der trotzkistischen Gruppen geführt. Und da fast alle Gruppen international organisiert sind (was im Sinne eines konsequenten Internationalismus grundsätzlich zu begrüßen ist), sind nationale Zusammenschlüsse nur schwer möglich, nicht zuletzt deshalb, weil viele Gruppen der Meinung sind, die „einzig echten TrotzkistInnen“ zu sein.
Die wichtigsten trotzkistischen Strömungen in Europa existieren heute in Frankreich, Großbritannien und Irland. In Frankreich stellen die Lutte Ouvrière und die Ligue Communiste Révolutionnaire, (die zum Vereinigten Sekretariat der Vierten Internationale - VS, der größten sich auf Trotzki berufenden Strömungen, gehört) zusammen sechs Abgeordnete im Europaparlament. In Irland und Schottland stellt das Komitee für eine ArbeiterInneninter-nationale (CWI) jeweils einen Abgeordneten im Parlament. In Großbritannien existiert daneben die Socialist Workers Party, die an die zehntausend Mitglieder hat. Außerhalb Europas besteht ein gewisser Einfluß in Bolivien, Pakistan oder Sri Lanka.
In einer Reihe von Ländern, so z.B. in Österreich, haben trotzkistische Kräfte zwar im Vergleich zu anderen Linken eine relativ wichtige Bedeutung, verfügen aber trotzdem kaum über Masseneinfluß. In Österreich sind Gruppen, die sich auf den Trotzkismus beziehen, vor allem im SchülerInnenbereich verankert, wo einige (darunter die AL) über einen gewissen Einfluß verfügen. Insgesamt gibt es in Österreich acht verschiedene Organisationen, die sich auf Trotzki berufen. T rotz der geringen Größe des Landes haben fast alle bedeutenden trotzkistischen Strömungen in Österreich Sektionen.
Dreiundvierzig Jahre lang bin ich ein bewußter Revolutionär geblieben, zweiundvierzig Jahre habe ich unter dem Banner des Marxismus gekämpft. Wenn ich von vorne beginnen könnte, würde ich natürlich versuchen, den einen oder anderen Fehler zu vermeiden, aber die große Linie niemals ändern. Ich werde als proletarischer Revolutionär, als Marxist, als dialektischer Materialist und folglich als unbeirrbarer Atheist sterben. Mein Glaube an eine kommunistische Zukunft ist heute noch stärker als in meiner Jugend. Natascha hat das Fenster zur Hofseite noch weiter geöffnet, damit die Luft besser in mein Zimmer strömen kann. Ich kann den glänzenden grünen Rasenstreifen unter der Mauer sehen, den klaren blauen Himmel und die Sonne überall. Das Leben ist schön. Die kommende Generation möge es reinigen von allen Bösen, von Unterdrückung und Gewalt und es voll genießen.
Leo Trotzki, 27. 2. 1940,
Coyoacan, Mexiko
1879 (7.11.) Trotzki wird als Leo Davidowitsch Bronstein geboren
1897 Mitorganisator des südrussischen Arbeiterbundes, Trotzki wird verhaftet und verurteilt.
1902 Trotzki flieht aus Sibirien, kommt nach London und arbeitet mit Lenin zusammen.
1903 Beim Kongreß der russischen Sozialdemokratie kommt es zur Spaltung. Trotzki unterstützt die Menschewiki.
1905 Die erste russische Revolution bricht aus. Trotzki wird Vorsitzender des Petersburger Sowjets.
1906 Trotzki formuliert die Theorie der permanenten Revolution
1915 Kongreß der internationalen sozialistischen Linken in Zimmerwald/Schweiz. Trotzki verfaßt das Manifest.
1917 (März) Revolution in Rußland bricht aus.
1917 (Juli) Trotzki schließt sich den Bolschewiki an.
1917 (Oktober) Oktoberrevolution unter Führung Lenins und Trotzkis.
1918 - 1921 Krieg der „Weißen“ gegen Sowjetrußland Trotzki organisiert die Rote Armee.
1919 Gründung der 3. Internationale, Trotzki entwirft das Gründungsmanifest.
1921 Trotzki ist verantwortlich für die Niederschlagung des Kronstädter Aufstandes.
1922 Stalin wird zum Generalsekretär der KP gewählt, Beginn von Trotzkis Abstieg.
1924 Lenin stirbt, sein Testament wird unterdrückt.
1927 Trotzki wird aus dem ZK ausgeschlossen.
1929 Trotzki wird deportiert.
1933 Hitler kommt an die Macht, KPD versagt.
1936 In seinem wichtigsten Werk „Die verratene Revolution“ analysiert Trotzki den Stalinismus und fordert eine neue Revolution
1936 Die großen Säuberungen („Moskauer Prozesse“) beginnen, drei Millionen fallen ihnen zum Opfer, darunter hunderttausende bolschewistische Kader und fast alle FührerInnen der Oktoberrevolution.
1938 Gründungskongreß der Vierten Internationale.
1940 Am 20. August fällt Trotzki dem Attentat eines stalinistischen Agenten zum Opfer, und stirbt am nächsten Tag.