Die politische Ökonomie des Sozialismus

Zum theoretischen Standort von Marx und Engels in der Sozialismusdiskussion des 19. Jahrhunderts und zur Entwicklung der Marxschen Methode

Schulungstexte und Materialien Nr. 11
Januar 2008
66 Seiten A4, 4 € (plus Porto)
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Inhalt

Vorwort (Manfred Scharinger)

Zur Entwicklung der Marxschen Methode (Fritz Haller) Das philosophische Erbe Marxens Zirkel von der Philosophie weg und zu ihr zurück

Die politische Ökonomie des Sozialismus. Zum theoretischen Standort von Marx und Engels in der Sozialismusdiskussion des 19. Jahrhunderts (Fritz Haller)

1. Die Entstehung des Proletariats und des Frühsozialismus
2. Das theoretische Erbe von Marx und Engels
3. Die Sozialismus-Diskussion bis zur russischen Revolution


Vorwort

von Manfred Scharinger

Die folgenden beiden Texte beschäftigen sich mit dem theoretischen Erbe von Karl Marx und Friedrich Engels, wobei durchaus unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden. In der ersten – kürzeren – Arbeit Zur Entwicklung der Marxschen Methode wird versucht, die Frage zu klären, ob der Marxismus als Wissenschaft, die von Marx und Engels vertretene Methode als wissenschaftlicher Sozialismus betrachtet werden können. Der Autor stellt Marx und Engels in die Entwicklung der Philosophiegeschichte und zeigt sowohl ihre Wurzeln in als auch ihre Brüche mit der deutschen Philosophie des frühen 19. Jahrhunderts auf.

Der Ausgangspunkt des zweiten Textes, Die politische Ökonomie des Sozialismus. Zum theoretischen Standort von Marx und Engels in der Sozialismusdiskussion des 19. Jahrhunderts, ist die Frage nach den Sozialismusvorstellungen von Marx und Engels. In drei ausführlichen Kapiteln werden die Ansätze der Vorläufer des wissenschaftlichen Sozialismus, die Positionen von Marx und Engels und schließlich die von deren Nachfolger/inne/n vorgestellt und detailliert bewertet. Im Zentrum steht die These, dass erst Marx und Engels mit der Analyse des Kapitalismus die Basis geschaffen haben für eine fundierte Herausarbeitung der Grundzüge einer neuen Gesellschaft, die sich nicht in den gesellschaftlichen Utopien der frühen Sozialist/inn/en erschöpfte. Jetzt erst wurde klar, dass der Sozialismus seine Basis nicht allein in Wünschen und utopischen Phantasien haben konnte, sondern sich die Möglichkeit einer klassenlosen Gesellschaft aus den Widersprüchen der kapitalistischen Entwicklung selbst ergebe. Die entscheidenden Voraussetzungen für eine Sozialisierung der Produktion als Grundlage einer neuen Gesellschaft würden sich also bereits im Kapitalismus vorbereiten. Es wird auch klar nachgewiesen, dass alle Versuche, Marktwirtschaft und Sozialismus miteinander zu vereinen, in den Positionen von Marx und Engels keine Grundlage haben, ebenso wenig wie alle Versuche, den Sozialismus in einem Lande aufzubauen. In einem dritten Kapitel wird der weiteren Entwicklung des Sozialismusbildes in der II. Internationale nachgespürt und gezeigt, dass bereits bei Karl Kautsky andere Vorstellungen vom Weg zum Sozialismus und der politischen und ökonomischen Fundierung der klassenlosen Gesellschaft angelegt sind als bei Marx oder Engels.

In diesem Zusammenhang ist ein Wort zum Autor der beiden Texte und zu deren Entstehungsgeschichte angebracht. Denn die beiden Arbeiten sind nicht erst in jüngster Zeit entstanden, sondern haben bereits eine längere Geschichte hinter sich. Die Texte wurden Ende der 1990er Jahre geschrieben, der Autor ist Fritz Haller. Haller war bis zur zweiten Hälfte der 1990er Jahre führendes Mitglied der österreichischen Gruppe ArbeiterInnenstandpunkt (ASt), aus der sich auch die Arbeitsgruppe Marxismus, eine der beiden Vorläuferinnen der Revolutionär Sozialistischen Organisation (RSO) herausentwickelt hatte. Fritz Haller, mit dem einige von uns eine bereits in den Anfang der 1980er Jahre zurückreichende politische Freundschaft verband, ging nicht mit uns den Schritt zur Gründung der AGM, aber nachdem er wenige Jahre später individuell seinen Austritt aus dem ASt erklärte, konnten wir unsere Verbindungen wieder auffrischen. In diese Phase fällt auch die Entstehungsgeschichte der beiden Texte, die zwar etwa ein Jahrzehnt nach dem Scheitern des real existierenden Sozialismus stalinistischer Prägung geschrieben wurden, aber noch ganz unter dem Eindruck der Ereignisse von 1989/1990 stehen. Sie widerspiegeln das Bemühen, die tiefe Diskreditierung des Sozialismus politisch zu verarbeiten und hier in einem entscheidenden Punkt gegenzusteuern: Haller argumentiert klar gegen alle Phrasen, eine klassenlose Gesellschaft mit den regulierenden Mechanismen des Marktes und der „freien" Konkurrenz zu vereinen. Das ist auch die große Stärke des zweiten Textes, hier eine auf Marx und Engels zurückgehende Fundierung zu bieten, die ein vertieftes Sozialismusverständnis mit einer Fülle von Belegen bietet.

Die Texte von Fritz Haller waren ursprünglich in ein wesentlich umfangreicheres Buchprojekt eingebettet. Der hier vorliegende zweite Text Die politische Ökonomie des Sozialismus stellt im Wesentlichen nichts anderes dar als die ersten drei Kapitel eines auf 16 Abschnitte angelegten Mammutwerkes. Leider war Fritz Haller nicht mehr willens, diese Arbeit fertig zu stellen – schon in den hier dokumentierten Texten ist feststellbar, dass die Ausführungen, die sich auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts beziehen, weniger ausführlich ausgearbeitet sind. Statt an der Fertigstellung zu arbeiten, wurde der damaligen Arbeitsgruppe Marxismus das Manuskript, das verschiedene Stadien der Ausarbeitung umfasste, hinterlassen. Das ist auch letztlich der Grund, weshalb wir erst jetzt einen Teil dieses Textes hier publizieren: Die Pläne, das Buchprojekt ohne die Mitarbeit Hallers zu vollenden, hatten sich als illusorisch herausgestellt.

Nachdem das Manuskript einige Zeit in der Schublade verschwunden war, haben wir uns nun entschlossen, zumindest die ersten Teile, die sich mit dem Sozialismus-Bild des 19. Jahrhunderts befassen, herauszugeben. Von uns wurden die Texte gründlich durchgesehen, die Rechtschreibung vereinheitlicht, die Literaturangaben überprüft und, wo immer möglich und sinnvoll, korrigiert bzw. ergänzt. Schließlich wurde ein Personenverzeichnis eingefügt. Mit anderen Worten: Wir verstehen unsere Aufgabe in der Herausgabe und Dokumentation einer wichtigen Arbeit, in der wir aber natürlich nicht jedes Wort und jede Formulierung zu verantworten haben.

So werden wahrscheinlich nicht immer ausreichend verschiedene Texte von Marx mit unterschiedlichen konzeptionellen Hintergründen auseinander gehalten. und es fällt auf – um nur noch ein Beispiel zu nennen –, dass sich die Entfremdungskonzepte in den beiden Texten nicht völlig entsprechen, wobei für uns die Sicht des ersten Textes zu präferieren wäre. Jedes Entfremdungskonzept impliziert die Frage: Entfremdung wovon? Dabei ist ohne eine anthropologische Komponente nicht auszukommen. Natürlich spricht das nicht gegen eine Thematisierung des Umstands, dass im Sozialismus die kapitalistische Spezialisierung bis auf einen gewissen Punkt rückgängig gemacht und insbesondere die Trennung von Kopf- und Handarbeit überwunden werden wird. Nur sollte auch dies nicht im Licht eines sich vollbringenden Gattungswesens dargelegt werden.

Als Abschluss sei eine persönliche Anmerkung gestattet: Natürlich atmet jeder Text auch die konkreten persönlichen und allgemeinen Entstehungsbedingungen. Und als wir jetzt die Texte wieder durcharbeiteten, konnten wir eine zwar nur graduelle, aber doch nicht unwesentliche Veränderung im allgemeinen Bewusstsein registrieren. In den Texten wird für die damalige Periode völlig zu Recht der tiefe Einfluss der Implosion des Stalinismus konstatiert. Durch die Erfahrung der Ereignisse von 1989/1990 wurde, wie Haller argumentiert, das Bewusstsein der Möglichkeit eines auf Gemeineigentum und Planung beruhenden Gesellschaftssystems zerstört, sofern überhaupt jemals eine diesbezügliche Hoffnung bestanden hatte. Neue Generationen, weniger belastet von den Erfahrungen des Niedergangs des Stalinismus, sind aber seither auf den Plan getreten. Neue Hoffnungen in einen Sozialismus des 21. Jahrhunderts, wie sie etwa dem Chávismus zugeschrieben werden, oder in Boliviens Evo Moralez haben sich entwickelt. Auch wenn der Regierung Chávez oftmals eine Politik unterlegt wird, die so weder ihr Projekt der Klassenzusammenarbeit widerspiegelt noch die begrenzten Möglichkeiten eines sozialistischen Projekts in einem Land der Peripherie reflektiert, sind doch die mit ihr verbundenen Hoffnungen ein Symptom für eine sich langsam wieder wandelnde Einstellung zu gesellschaftlichen Utopien und zu einer sozialistischen Perspektive überhaupt.

Für eine solche Perspektive wird es aber notwendig sein, sich eine wissenschaftliche Methodik und ein politisch und ökonomisch fundiertes Sozialismusbild wieder anzueignen. Genau dazu soll die vorliegende Broschüre einen kleinen Beitrag leisten.


Wien, am 12.1.2008




Redaktion www.sozialismus.net

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