Ein Text von Lutte Ouvrière
Schulungstexte und Materialien Nr. 12
22 Seiten A4, 2 €
April 2008
Bestellungen an: bestellungen@sozialismus.net
Vorbemerkung der RSO
Der vorliegende Text stammt von der französischen, aus trotzkistischer Tradition kommenden Organisation Lutte Ouvrière (LO), deren BetriebsaktivistInnen in der Streikbewegung bei Peugeot Aulnay eine wesentliche Rolle gespielt haben. Auch wenn LO und RSO nicht in allen politischen Fragen übereinstimmen, so sind wir dennoch überzeugt, dass der Text über den Kampf, der im Frühjahr 2007 bei Peugeot stattgefunden hat, auch für die deutschsprachige Linke von großem Interesse ist. Grund genug, ihn in unserer Reihe "Schulungstexte und Materialien" der Öffentlichkeit vorzustellen. Die (nicht frauengerechte) Schreibweise in der von GenossInnen der LO durchgeführten Übersetzung haben wir unverändert gelassen.
Einleitung von Lutte Ouvrière
Diese Broschüre hat zum Ziel, den Streik zu erzählen, der im Peugeot-Citroen-Werk (PSA-Konzern) von Aulnay (in der Nähe von Paris) vom 28. Februar bis zum 10. April 2007 stattgefunden hat. Am Ende dieses Streiks sind die grundlegenden Forderungen der Arbeitenden nicht erfüllt worden - die Lohnerhöhung von 300 Euro, die Pensionierung aller Arbeitenden mit 55 Jahren und die Festeinstellung der Leiharbeiter. Die Drohung, den Streik auszudehnen, genügte nicht, die Familie Peugeot und ihre Diener zum Nachgeben zu zwingen.
Aber deswegen war dieser Streik noch lange kein Misserfolg: Ganz im Gegenteil, er bedeutet einen wichtigen moralischen Sieg, nicht nur für die Streikenden, die sechs Wochen durchgehalten haben, sondern vor allem, weit darüber hinaus, für alle Arbeiter, die keine Lust haben vor der Ausbeutung zu resignieren.
Seit zwanzig Jahren ist dies der erste Streik, der in einem großen Autounternehmen über die Frage der Gehälter ausbricht. Zwar hat es in den letzten Jahren mehrere Kämpfe auf einem eher defensiven Gebiet gegeben, gegen Entlassungsvorhaben oder gegen Angriffe der Unternehmer oder der Regierung. Aber diesmal ging der Angriff von den Arbeitern aus. Und das geschah in einer Periode, in der viele Arbeiter sich niedergeschlagen und durch die Arbeitslosigkeit und den Mangel an Perspektiven entmutigt fühlen; und in einem Unternehmen, das seit langem für seine Atmosphäre der Angst und seine Einschüchterungsmethoden berühmt ist.
Ja, der PSA-Streik, auch wenn er nicht gewonnen hat und obwohl er nur eine begrenzte Zahl von Arbeitern mobilisieren konnte, hat einen Symbolwert. Er hat dazu beigetragen, die wesentliche Forderung nach Lohnerhöhungen bekannt zu machen, und sie in weiten Kreisen zu verbreiten. Er hat, wir hoffen es, den Weg für die Zukunft vorgezeichnet, oder er ist, wie ein Streikender von Citroen gesagt hat, "ein Baum, der viele Früchte hervorbringen wird."
Mai 2007
Vorwort zur deutschen Fassung
Der Citroen-Streik hatte keine historische Wichtigkeit. Aber in Frankreich war es das erste Mal seit zwanzig Jahren, dass ein Streik in einem großen Automontagewerk nicht auf einem Abwehrgebiet ausbrach, sondern aufgrund einer Lohnfrage. Außerdem war es das erste Mal seit zwanzig Jahren, dass ein Streik von den Arbeitern selbst (durch ein Streikkomitee) geleitet wurde und nicht von den Gewerkschaftsfunktionären. Deshalb haben wir gedacht, es könnte für ausländische Genossen interessant sein, diese Broschüre zu übersetzen.
In der Gegend um Paris gibt es heute drei große Automobilmontagewerke: Citroen-Aulnay, Renault-Flins und Peugeot-Poissy. Unter ihnen ist Citroen seit langem ein sehr repressives Unternehmen. Zum Beispiel gehörte im Jahre 1968 das Citroen-Werk von Rennes (in der Bretagne), mit zu dieser Zeit ungefähr 12.000 Beschäftigten, zu den seltenen Großunternehmen, in denen überhaupt nicht gestreikt wurde. Und wenn das Pariser Werk, das während des Streiks von 1968 besetzt wurde, am Anfang der 70er Jahren von Paris nach Aulnay verlagert wurde, so nutzte man diese Gelegenheit um viele kämpferische Arbeiter zu feuern. Die Betriebsleitung setzte zahlreiche Spitzel ein und organisierte einen Schlägertrupp (Wächter, Chefs und Kader der Hausgewerkschaft) um die Gewerkschaftsaktivisten (besonders diejenigen der CGT) anzugreifen, wenn sie zum Beispiel versuchten, ein Flugblatt zu verteilen. Die Betriebsratswahlen wurden natürlich gefälscht. Man muss hinzufügen, dass die Kommunistische Partei (KPF) eine Verantwortung für diese Situation hatte. Aulnay liegt nämlich im Herz des "roten Gürtels" von Paris, mitten im Departement Seine-Saint-Denis, das noch heute von der KP regiert wird. Aber die KPF wollte nie ihre Tausende Aktivisten (in der Gemeinde selbst, in den benachbarten Betrieben) sowie die Bevölkerung mobilisieren, um den Aktivisten von Citroen zu helfen. Was Lutte Ouvrière (LO) betrifft, so wurden unsere eigenen Genossen in dieser Periode entlassen.
Nach der Wahl von Mitterrand zum Staatspräsidenten 1981 hofften zahlreiche Citroen-Arbeiter, dass die linke Regierung etwas für sie machen würde. Vergeblich. Der Zorn brach aus und zwei Streiks betrafen 1982 und 1984 Löhne sowie Arbeiterrechte. Diese Ausstände haben die Verächtlichkeit der Geschäftsleitung eine Zeit lang verschwinden lassen. Aber nach und nach konnte sie das verlorene Terrain zurückerobern. Dennoch konnte die CGT überleben ohne wieder in den Untergrund gehen zu müssen. Und LO konnte erneut bei Citroen Fuß fassen. So war die Lage der Arbeiteraktivisten in den Jahren vor dem Streik des Frühlings 2007.
Dezember 2007
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