Mario Bango - Strafnachlass um zwei Jahre

Am 17. August erschien Mario Bango, ein 21jähriger Roma und Aktivist, vor dem Höchstgericht der Slowakei, um gegen seine Verurteilung wegen versuchten Mordes und sein Urteil von 12 Jahren Gefängnis Berufung einzulegen. Das Höchstgericht hielt die Verurteilung aufrecht, aber senkte das Strafausmaß um zwei Jahre auf zehn Jahre - die Mindeststrafe für ein solches Verbrechen. (Übernommen von Workers Power Global, Bratislava)

Mario betrat das Gericht mager und blass, aber mit kämpferischer Haltung. Er zeigte sein Notizbuch mit einem Bild von Che Guevara auf der Vorderseite. Internationale SolidaritätsaktivistInnen aus Großbritannien und Österreich waren da, um ihre Unterstützung zu einem schwierigen Zeigpunkt zu beweisen - das war das Höchstgericht und die letzte Möglichkeit, die Verurteilung durch ein untergeordnetes Gericht aufzuheben. Am 20. November 2003 hatte ihn das regionale Gericht des versuchten Mordes verurteilt und 12 Jahre Strafausmaß ausgesprochen.

Sein Verbrechen? Seine Verteidigung und die seines Zwillingsbruders Edo gegen einen rassisch motivierten Angriff in einem Bus in Petrazalka, einem Bezirk Bratislavas im März 2001. Wegen des Rassismus, dem Roma in der Slowakei ausgesetzt sind, werden sie oft Opfer physischer Attacken (Edo selbst war wenige Monate zuvor erst im Spital) und Mario trug zu seiner Selbstverteidigung ein Messer. Er verwendete es gegen den Angreifer Branislav Slamka. Slamka starb im Spital einige Wochen später an einer Gehirnblutung.

Slamka war für seine rassistischen Ansichten und faschistischen Neigungen bekannt, wenngleich es unklar ist, ob er einer faschistischen Organisation angehörte. Der Zeitpunkt des Angriffs lag nur vier Tage vor einer Neonazi-Feierlichkeit des ersten slowakischen Staats - einem faschistischen Staat. Mario reagierte in dieser Art und Weise, weil er wie auch sein Bruder bereits vorangegangenen Angriffen aus der Skinheadbewegung ausgesetzt waren und auch aufgrund des durch den Rassismus verursachten langanhaltenden Stress. Der Busfahrer bestätigt, dass er andere Skinheadangriffe in seinem Bus erlebt hat.

Der Fall wurde von Anfang an politisiert. Der Anklagevertreter Robert Fico ist der Führer der chauvinistischen "sozialdemokratischen" Oppositionspartei in der Slowakei. Das Parlament hielt eine Schweigeminute zu Ehren Slamkas ab - etwas, was nur in besonders außergewöhnlichen Situationen getan wird wie etwa beim NATO-Angriff auf Jugoslawien.

Während des Prozessverfahrens änderte das Büro der Staatsanwaltschaft, das den Fall von Anfang an innehatte, den vom Bezirksgericht gegen ihn gerichteten Vorwurf der "schweren Körperverletzung" auf versuchten Mord.

Seine Verteidigung

Marios Verteidigung beruhte darauf, dass er in Selbstverteidigung oder "notwendiger Verteidigung" gehandelt hatte. Anklagevertreter Fico selbst schrieb ein Buch, in dem er die Legalität solcher Verteidigung vertrat. In diesem Buch argumentiert er, "Der Angreifer ist jene Person, die den Kampf beginnt. Auch wenn der Verteidigende stärker ist oder eine Waffe gebraucht, kann er/sie nicht als Angreifer betrachtet werden." Und doch traf diese Verteidigung in den Gerichten auf taube Ohren.

Seine Berufung

Diese Fakten wurden ein zweites Mal dargelegt, diesmal dem Höchstgericht. Die Berufung basierte auf drei Punkten: 1) das Bezirksgericht bezog diese Fakten nicht mit ein, 2) die Entscheidung missachtet bestimmte Paragrafen des Strafgesetzes und 3) das Strafausmaß ist der Tat nicht angemessen.

Der Staatsanwalt unterstützte vor Gericht die obige Regelung, doch der Richter, ein Richter des Bezirksgerichts, argumentierte für eine Verringerung des Strafausmaßes auf die Mindeststrafe (10 Jahre).

Das Ergebnis des Prozesses zeigt, trotz der Minderung des Strafausmaßes um zwei Jahre, den institutionellen Staatsrassismus, den Roma erleben. Keiner der mildernden Umstände wurde in Betracht gezogen, die Verurteilung wegen versuchten Mordes wurde beibehalten.

Der Staatsrassismus, dem Roma in der Slowakei ausgesetzt sind, endet nicht beim Rechtssystem, sondern durchdringt jeden Aspekt des Lebens. Roma sind in der Slowakei eine Randgruppe. Sie werden im Bildungswesen, am Arbeitsplatz, im Wohnungswesen diskriminiert. In der Ostslowakei liegt die Arbeitslosigkeit in Romagebieten bei 94%. In Petrazalka, ein in der Zeit nach 1945 erbautes, dicht bewohntes Gebiet für 140.000 Menschen, leben Edo und seine Mutter in einem getrennten Wohnblock, separiert von den anderen Blocks neben einem Abfallgelände bei kleineren Fabriken. Dieses Gebäude wird zur Behausung von Romafamilien und anderen Unerwünschten wie Drogenabhängigen und Kleinkriminellen verwendet.

Die Kampagne "Free Mario Bango" organisierte eine Pressekonferenz auf den Stufen des Höchstgerichts direkt nach dessen Entscheidung. Marios Anwalt Stanislav Jakubcik wandte sich an etwa 20 JournalistInnen von Fernsehen und Radio über den Ausgang des Verfahrens und Möglichkeiten des weiteren Vorgehens. Michael Pröbsting aus Österreich sprach über die politische Natur des Falles und wies auf die abscheuliche Rolle von Fico und seiner rassistischen Partei hin. Zur selben Zeit hatte auch Fico eine Pressekonferenz im Hauptgebäude seiner Partei einberufen. Drei verschiedene Fernsehsender berichteten später über den Prozeß und die Pressekonferenz. Zwei waren wohlwollend und brachten einen besseren Bericht des Falles, während der dritte stark das Gerichtsurteil vollauf unterstütze.

Der Kampf um Marios Freilassung geht weiter.

Marios Anwalt Jakubcik will den Fall weiterhin gerichtlich verfolgen. Er möchte eine außergewöhnliche Maßnahme initiieren und die Staatsanwaltschaft davon überzeugen, dass das Urteil nicht gesetzmäßig ist. Er plant eine Argumentation, dass zu Verhandlungsbeginn die Anklage auf "schwere Körperverletzung" lautete, nicht auf versuchten Mord. Dieser Fall wurde von Beginn an von oben gesteuert, die Anklage wurde mitten im Prozess geändert. Wenn diese Strategie Erfolg hat, geht der Fall an ein anderes Höchstgericht.

Jakubcik wird auch noch einmal die mildernden Umstände in seine Argumentation einbeziehen. Paragraf 14 des Strafgesetzes ermöglicht die Verhängung einer geringeren als der Mindeststrafe, wenn es starke mildernde Umstände gibt. Es gibt auch die Möglichkeit einer Berufung am Verfassungsgerichtshof, aber es ist viel schwieriger, dort zu argumentieren und die meisten Sprüche sind negativ. Es würde maximal ein Jahr dauern, weil der Fall ein großer ist.

Zu guter Letzt steht der Weg zum Europäischen Gerichtshof offen. Aber das könnte Jahre dauern. Jetzt wird ihm seine Jugend gestohlen. In der Slowakei können Gefangene erst nach Verbüßung von zwei Dritteln der Haftstrafe um vorzeitige Entlassung ansuchen - aber alles hängt ab von der Beurteilung seines Verhaltens, d.h. dass er keine weiteren Strafen erhält und Besserung zeigt.

Es gibt Dinge, die wir außerhalb des Gerichts tun können. Wir müssen Solidarität für die sofortige Freilassung von Mario aufbauen. Wir müssen zu seiner Unterstützung Unterschriften sammeln und so eine internationale Kampagne führen und Druck auf die slowakische Regierung ausüben, so dass es für sie politisch untragbar wird, ihn im Gefängnis zu lassen. Freiheit für Mario Bango!


Schreibt an Mario Bango und zeigt so eure Unterstützung, damit er den Mut nicht verliert:

Mario Bango, nar. 8.6.1982
Ustav na vy´kon väzby
Priecinok 1077
Chorvatská 5
812 29 Bratislava
Slovensko/Slovakia



Mario ist auf unsere Solidarität angewiesen. Er braucht unsere Hilfe, seine Verteidigung ist teuer. Wir ersuchen euch um Spenden, um die Kosten für den Rechtsanwalt, Besuche etc. aufzubringen. Sendet Spenden an den Mario-Bango-Solidaritätsfonds.

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