Angesichts des 40-Jahr-Jubiläums des französischen Mai 1968 konnte man/frau sich in den letzten Monaten der Erinnerungsliteratur zwischen Nostalgie und Zynismus kaum erwehren. Aber auch in der Linken wird der Mai 1968 meist als studentische Revolte dargestellt. Wir veröffentlichen hier eine andere Sichtweise, die eines Genossen der französischen revolutionären Organisation Lutte Ouvrière, der uns im Juli in Wien besucht hat.

Der vorliegende Text ist die Niederschrift eines Referates, das der Genosse im Mai bei einer Veranstaltung in einem proletarischen Vorort von Paris gehalten und das er für uns ins Deutsche übersetzt hat (die Einfügungen in eckigen Klammern stammen von der RSO, ansonsten haben wir nur einige sprachliche Korrekturen vorgenommen).

Bei ihrer Einschätzung des Mai 1968 hat Lutte Ouvrière vor allem die Entwicklung der Streikwelle in den französischen Betrieben im Mai und Juni 1968 im Auge. Es wird unter anderem herausgearbeitet, welche Bedeutung die Verankerung von revolutionären Gruppen in einigen Betrieben für den Beginn der Streikwelle hatte.


Frankreich Mai 1968: Geschichte und Lehren einer sozialen Explosion

Der „Mai 68“ in Frankreich wird oft als ein studentischer Aufstand präsentiert, der eine echte Befreiung der Sitten zur Folge gehabt hätte. Es ist tatsächlich richtig, dass das damalige Frankreich, das von seinen alten staubigen und konservativen Politikern beherrscht worden war, von einer entschlossenen und phantasiereichen Jugend durchgeschüttelt wurde.

Aber nicht nur das war der „Mai 68“. Wenn das nur ein Aufstand der Student/inn/en und der Gymnasiast/inn/en gewesen wäre, hätte man/frau ihn auch schon seit einer Weile vergessen. Wer spricht noch zum Beispiel über die riesige Student/inn/enbewegung von 1986 gegen das Projekt des Ministers Devaquet? Die Polizei war auch damals sehr brutal gewesen, es gab zahlreiche Opfer, darunter einen Toten, den Studenten Malik Oussékine.

Nein, der „Mai 68“ war auch die größte Welle von Arbeiter/innen/streiks, die Frankreich seit 1936 gesehen hat. Es gab bis zu 13 Millionen Streikende in dieser Welle, die sich bis Ende Juni ausdehnte. Und genau das hat die Kraft dieser Bewegung verursacht. Diese Streikwelle schreckte nicht nur die Regierung, sondern auch die französische Bourgeoisie. Und die Erinnerung an diese Streiks erschreckt die Rechte im Wahrheit bis heute, jene Rechte, die immer noch auf den Mai 68 ausspuckt, oder Sarkozy, der sich kürzlich wünschte, „dem Geist vom Mai 68 ein Ende zu machen“.

Die politische Lage kurz vor dem Mai 1968

Wie war die politische Situation kurz vor Mai 1968? Seit einigen Jahren hatte sich ein breiter Teil der studentischen Jugend politisiert. Das hatte mit der Opposition zum Algerienkrieg angefangen. Aber man muss sagen, dass sich die Jugend nicht an den Parteien der traditionellen Linke ausgerichtet hatte.

Sie hatte sich nicht an der Sozialistischen Partei orientiert, weil diese sich in der Repression in Algerien tief kompromittiert hatte. Aber sie hatte sich auch nicht an der Kommunistischen Partei (PCF) orientiert. Tatsächlich hatte die PCF während des Krieges eine zweideutige Haltung eingenommen: Sie formulierte den Wunsch nach Frieden in Algerien, verweigerte aber der Jugend, die sich gegen die Ausdehnung des Militärdienstes auf 24 Monate stellte, die aktive Unterstützung.

Im Wesentlichen hatten die UNEF, die studentische Gewerkschaft, und die PSU, eine zeitweise links von der Sozialdemokratie bestehende kleine Partei, den Protest organisiert. Das galt besonders für die Demonstration für das Recht auf die Unabhängigkeit des algerischen Volks im Oktober 1960.

Kurz vor 1968 mobilisierte ein anderer Krieg, derjenige, den der amerikanische Imperialismus in Vietnam führte, einen Teil der akademischen Jugend. Und in diesem Zusammenhang verstärkten sich die revolutionären Gruppen, diejenigen, die die PCF-Tageszeitung L'Humanité mit Missachtung die "Linksradikalen" nannte.
Im Frühling 1968 war die Jugend auch durch studentische Probleme sehr bewegt. Aber ein Teil dieser Jugend fühlte sich von breiteren politischen Fragen betroffen. Das galt besonders für die Verweigerung des Krieges gegen die armen Länder.

Es gab Veranstaltungen, Versammlungen. Das Fieber stieg in den Universitäten. Student/inn/en, unter ihnen Cohn-Bendit, wurden aus der Universität Nanterre ausgeschlossen. Das steigerte die Empörung, die Aufregung festigte sich.

Nach der vorläufigen Schließung der Universität von Nanterre am 3. Mai wurde ein Protestmeeting in der Sorbonne organisiert. Die Polizei griff ein und nahm die im Hof für dieses Meeting versammelten Student/inn/en fest. Protestveranstaltungen gegen diese Verhaftungen und Schlägereien entwickelten sich dann in Quartier Latin. Die Konfrontationen zwischen Studierenden und Polizeikräfte sind sehr gewaltsam gewesen. Die Sorbonne wurde ebenfalls geschlossen. Infolge dessen und als Antwort auf die Verurteilung von Studenten rief die UNEF zum allgemeinen und unbeschränkten Student/inn/enstreik ab 6. Mai und zur Kundgebung vor der Sorbonne auf.

Eine Woche lang, vom 6. Mai bis zum 10. Mai, fanden in Paris sowie in Provinzstädten wie Toulouse, Caen oder Straßburg Großkundgebungen statt. Die Student/inn/en demonstrierten nicht mehr nur für ihre ursprünglichen Forderungen, sondern nun auch gegen die Polizeibrutalitäten und für die Befreiung ihrer eingesperrten Kolleg/inn/en.

Auf die Forderungen der akademischen Jugend antwortete die Staatsmacht mit dem Einsatz von Spezialeinheiten der Polizei, mit Knüppeln und Tränengasgranaten. Aber die Student/inn/en ließen sich das nicht gefallen. Jeder neue Einschüchterungsversuch brachte neue Kundgebungen.

Tag für Tag und Demo nach Demo zeigte sich die Bevölkerung mit den Student/inn/en, und bald mit den Gymnasiast/inn/en, immer mehr solidarisch. Die Gewalt der Repression schockierte. Die Entschlossenheit der jungen Demonstrant/inn/en, erzeugte Bewunderung, besonders bei den jungen Arbeiter/inne/n. Tatsächlich war es seit langem das erste Mal in Paris, dass Demonstrant/inn/en der Polizei widerstanden - Polizisten, von denen viele während des Algerienkrieges „ausgebildet“ worden waren.

Die traditionelle Linke [PCF und Sozialdemokratie] unterstützte die Student/inn/endemos nicht, ganz im Gegenteil. Sie hörte nicht auf, sie herabzusetzen und sie klagte sie an, von "Beruf Söhne" zu sein. Sie sprach davon, dass es bei den Kundgebungen Gewalttätigkeiten von „Provokateuren“ gäbe, aber niemals von der Gewalt der Polizei oder der Spezialeinsatztruppen, die von der Pompidou Regierung gesandt wurden.
Damals erreichte die PCF 22 % der Stimmen in den Wahlen, die Sozialisten knapp 5 %. Die Jugend stellte sie immer mehr in Frage und wurde ungeduldig. Für die Jugendlichen, für die Arbeiter, war das der große Moment: die Zeit war reif.

Jedoch zeigte die traditionelle Linke für die entschlossenen Kundgebungen der Jugend keine Begeisterung. [Der PCF-Führer] Georges Marchais schrieb in L'Humanité vom 3. Mai: „Diese falschen Revolutionäre müssen energisch demaskiert werden, weil sie objektiv die Interessen der gaullistischen Macht und der großen kapitalistischen Monopole bedienen“.

Dann setzten die Student/inn/en ihre Bewegung, ohne die Linke, dass heißt ohne die PS, die ohnehin ziemlich schwach war, und auch ohne die PCF fort. In der Nacht vom Freitag, dem 10. Mai, versammelten sich die Pariser Student/inn/en erneut im Universitätsviertel „Quartier Latin“. Die Barrikaden der Gay-Lussac-Straße wurden das Symbol des Widerstandes. Als die Polizist/inn/en angriffen, machten sie es mit einer besonderen Rohheit: sie knüppelten die Sanitäter/innen nieder, sie rissen Verletzen von den Tragbahren. Es gab hunderte Verletzte.
Die Gewalt der Repression, die direkt von den Radioreportern beschrieben wurde, führte im ganzen Land zu einer großen Empörung. Dieses Mal riefen die Arbeiter/innen/organisationen, zusammen mit der UNEF, in Solidarität mit den Student/inn/en, für den 13. Mai zu Kundgebungen und zum Generalstreik auf.

Das war ein spektakulärer Umschwung: Die Gewerkschaften riefen immerhin auf, mit denjenigen zu demonstrieren, die sie am Vorabend noch behandelten als „Unverantwortliche, die das Spiel der Regierung spielen“.

Der 13. Mai

Der Streik am 13. Mai brachte das Land zu Erliegen. Während des ganzen Tages gingen überall in Frankreich hunderttausende Student/inn/en und Arbeiter/innen auf die Straße. Es waren nach Presseangaben in der Hauptstadt eine Million. Die Internationale wurde gesungen, die roten Fahnen flatterten im Wind. Die Arbeiter/innen und die Student/inn/en waren trotz der Zurückhaltung der [PCF-nahen Gewerkschaft] CGT gemeinsam auf der Straße. Sie riefen in Bezug auf Präsident Charles de Gaulle mit: „Zehn Jahre ist genug!“ Der Enthusiasmus war riesig, die Demonstrant/inn/en wurden sich ihrer Kraft und ihrer Zahl bewusst. Man hatte seit Juni 1936 keine solche Mobilisierung mehr gesehen.

Es handelte sich nicht um Kundgebungen und einen Streik, die auf spezifische Forderungen konzentriert waren. Die Wut war ganz einfach gerade dabei zu explodieren. Tatsächlich handelte es sich um einen politischen Streik. In der Solidarität mit der studentischen Bewegung war die tiefe Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der gaullistischen Macht hinzuzukommen, die seit zehn Jahren alles monopolisierte.

Unbeabsichtigt diente der 13. Mai als Zünder des Generalstreiks. Am nächsten Tag in den Betrieben gab es überall „Elektrizität in der Luft“. Die Gewerkschaftsorganisationen hatten den 13. Mai als einzelnen Protesttag veranstaltet – ohne weitere Perspektive. Sie hatten an diesem Tag keinerlei weitere Proteste an angekündigt oder vorhergesehen.

Aber die Arbeiter/innen wollten es einfach nicht so. Erste Streiks entstanden in der Provinz ab dem 14. Mai. Ihre unaufhaltsame Ausdehnung gab den Ereignissen vom Mai 1968 eine ganz neue Dimension.
Am 14. Mai wurde in Bouguenais, in der Nähe von Nantes, der Streik in der Sud-Aviation-Fabrik fortgesetzt. Dort hatten schon seit drei Wochen Kurzstreiks über Lohnforderungen und Arbeitszeitverkürzung stattgefunden. Die Arbeiter/innen, die von einer Gruppe von Aktivisten der radikalen Linke [ein Mitglied der PCI (Strömung aus trotzkistischer Tradition um Pierre Lambert) und ein Mitglied der Union Communiste / Lutte Ouvrière; Anm. RSO] innerhalb des Betriebs ermutigt waren, beschlossen dort, die Fabrik zu besetzen und den Direktor und einige leitende Angestellte einzusperren.

In einigen Tagen hat sich der Streik schnell auf das ganze Land ausgebreitet. Ab 15. Mai wurde die Renault-Fabrik in Cléon auf Initiative junger Arbeiter der radikalen Linken [einige Aktivisten der Union Communiste / Lutte Ouvrière] besetzt. Und dann hat sich eines aus dem anderen entwickelt. Seit dem 16. Mai dehnte sich der unbeschränkte Streik mit Fabrikbesetzung auf Renault-Flins, Renault-Le Mans und dann Renault-Billancourt bei Paris aus.

Diese ersten Streiks wurden mit örtlichen Aktivist/inn/en der CGT oder der [an der Sozialdemokratie oientierten Gewerkschaft] CFDT begonnen, ohne dass die Gewerkschaftsbünde die kleinste Anweisung gegeben hatten. Diese Arbeitsniederlegungen wurden mit Aufmerksamkeit von allen denjenigen verfolgt, die noch an der Arbeit waren. In den Werkstätten und in den Kantinen blieben die Radios an und die Informationen wurden mit Aufmerksamkeit aufgenommen. Die Diskussionen über die Situation waren permanent, alle warteten auf etwas.

In dieser gespannten Atmosphäre beschlossen schließlich die Gewerkschaftsorganisationen bzw die dominierende CGT einen Schritt weiter zu gehen. Sie blieben dennoch sehr zurückhaltend und sagten nichts über Ziele einer Gesamtbewegung. Sie riefen nie alle Arbeiter/innen zum Generalstreik auf, aber sie ergriffen die Initiative, Fabrik nach Fabrik zum Streik aufzurufen. Sie riefen meistens auch zur Besetzung auf, aber das waren ohnehin bereits bestehende Tatsachen.

Man war nur eine Generation von der großen Streikswelle vom Juni 1936 entfernt und viele Arbeiter/innen hatten noch Erinnerungen an die Heidenangst der Unternehmer/innen vor den Fabrikbesetzungen, von denen sie befürchtet hatten, wie in Russland 1917 alles zu verlieren,.

Die CGT wendet sich dem Streik zu

Die CGT und dahinter die andere Gewerkschaften gaben ihren Aktivist/inn/en also grünes Licht, um in den Streik einzutreten. Viele waren schon bereit! Die Streikwelle nahm dann schnell größeres Ausmaß an. Die Anzahl von den Streikenden, die von den Medien angegeben wurde, nahm von Tag zu Tag, sogar von Stunde zu Stunde, zu: Am Morgen von Freitag, dem 17. Mai kündigte das Radio 100.000 Streikende an, nachmittags sprach das Radio von 200.000 Streikenden und in der Nacht von 300.000. Nach Sud-Aviation und Renault, Hispano, Rateau, Babcock, Berliet, Rhône-Poulenc, Air France, der Bahn, der Pariser Metro und den Werften von Saint-Nazaire hielten fast alle die Arbeit an.

Als De Gaulle am Morgen des 18. Mai von seiner Reise nach Rumänien zurückkehrte, waren die Streikenden mehr als eine Million. Am Abend kündigte die Presse zwei Millionen Streikende an. In den folgenden Tagen waren es drei Millionen. Am 20. Mai verbreiterte sich der Streik weiter – bis hin zu den Tankwarten, Taxifahrern, Kellner/innen und zu einer Vielfalt von kleinen Unternehmen. Alles stand still.

Selbstverständlich riefen die Gewerkschaftsvorstände zum Streik und zur Besetzung der Fabriken und der Büros auf. Aber tatsächlich bemühten sie sich, sich die Situation unter ihrer ausschließlichen Kontrolle zu behalten. In der Mehrheit der Unternehmen wurden Besetzungen eher durch die Gewerkschafter/innen ausgeführt als durch die Arbeiter/innen. Oft wurde den Arbeiter/inne/n einfach gesagt, nach Hause zu gehen und sich täglich nach dem weiteren Verlauf zu erkundigen.

Die Gewerkschaftsvorstände erklärten den Arbeitern, dass die Besetzungen die Funktion hätten „die Maschinen zu schützen“ (gemeint war: gegen vermeintliche Angriffe von Linksradikalen oder Faschisten, die von der PCF oft in einen Topf geworfen wurden) und nicht, wie im Juni 1936, das heilige Recht des Eigentums der Kapitalist/inn/en anzugreifen. Einige Arbeiter/innen fragten sich dann, warum die CGT selbst das Eigentum des Unternehmers schützte – in einem Augenblick, als einige von  ihnen, wie Dassault zum Beispiel, ihre Familien bereits in die Schweiz schickten!

Es war freilich tatsächlich so, dass die Gewerkschaftsbünde eine abkühlende Politik betreiben konnten, ohne auf allzuviel Probleme zu treffen. Der Streik war selbstverständlich kraftvoll. Aber es gab keine Organisation mit genug Einfluss in der Arbeiter/innen/klasse, um diese Politik der Gewerkschaften in Frage zu stellen. Die riesengroße Mehrheit den Streikenden vertraute den Gewerkschaften. Die Streikenden waren sich der Rolle nicht bewusst, die diese Bürokratien spielten. Sie sahen nicht, dass es den Gewerkschaftsvorständen grundsätzlich vor allem darum ging, die Bourgeoisie nicht in Schwierigkeiten zu bringen.

In vielen Städten blieben die Streikenden zu Hause und begnügten sich damit, regelmäßig im Betrieb vorbeizuschauen. Dann gingen sie wieder heim und überließen den Gewerkschaftsleiter/innen die Besetzung der Fabrik und die Initiative. Letztere machten alles, was sie konnten, um eine Barriere zwischen den Student/inn/en und den Arbeiter/inne/n aufzubauen. Sie trennten die Arbeiter/innen von der rebellischen Jugend der Universitäten und der Gymnasien, dank derer der Schwung für Freiheit, Diskussion und Demokratie begonnen hatte. Die Gewerkschaftsvorstände machten alles, um zu verhindern, dass die revolutionären Ideen, die im Mai 1968 schnell wieder blühten und alle Diskussionen in Brand setzten, in die Arbeiter/innen/klasse eindrangen.
So haben sich die Gewerkschaftsvorstände fast überall an der Spitze der Streiks gesetzt, manchmal durch „gewerkschaftsübergreifende Streikkomitees“. Aber sie ließen die Bewegung einfach auslaufen.

Die Reaktion der Regierung

Die Situation hatte sich trotz alledem sehr verändert: Es waren nicht mehr nur die Student/inn/en allein auf den Straßen. Dieser Streik, der sich so schnell verbreitet hatte, beschäftigte ernstlich die Regierung und die Unternehmer/innen. Es sollte jetzt ein Mittel gefunden werden, um diese Welle zurückgehen zu lassen, die alle Unternehmen des Landes überflutet hatte.

Seit Samstag, dem 25. Mai fingen im Arbeitsministerium in der Rue de Grenelle eilige Verhandlungen an. Beteiligt waren Vertreter der Gewerkschaftsbünde, der der Unternehmer/innen und der Regierung. Ihr gemeinsames Ziel bestand darin, ein Mittel zu finden, um die Arbeiter/innen/klasse an die Arbeit zurück zu bringen.

Man fragt sich immer noch, ob am Ende dieser Versammlung von den verschiedenen Verhandlern eine „Vereinbarung“ unterschrieben worden ist. Der CGT-Generalsekretär Georges Séguy leugnete es, nachdem der Inhalt des „Protokolls von Grenelle“ von den Arbeitern von Renault Boulogne-Billancourt, vor denen er ihn vorstellen wollte, ausgepfiffen worden war.

Man muss sagen, dass das, worüber sich George Séguy freute, tatsächlich sehr fragwürdig war. Was er als einen „historischen Erfolg“ präsentierte, waren bloß 7-10 % Lohnerhöhung in einer Zeit, wo die Inflation bei 5-6 % pro Jahr lag. Für die Streikenden war dieses Verhandlungsergebnis weit daneben.

Außerdem kündigte Séguy an, dass die Unternehmer akzeptiert hatten, 50 % der Streiktage zu bezahlen, aber unter der Bedingung, dass die Arbeitenden diese Tagen späten einarbeiten würden! Da wurde Séguy von den Arbeitern von Renault richtig ausgepfiffen.

Und es gab nichts über die Pensionen, nichts über die Arbeitsdauer und nichts über die mobile Lohnskala, das heißt über die automatische Lohnerhöhung nach einer Preiserhöhung.

Grenelle war zurückgelassener Brösel auf dem Tisch der Arbeiter/innen. Dagegen erhielten die Gewerkschaften Fortschritte für sie selbst, in der Anerkennung der „Firmengewerkschaftssektionen“, mit Delegationenzeit und mit Gerichtsschutz.

Die Wahlen und die Niederlage der Linken

Aber vor allem wurde Grenelle ein wahrer Stoss in den Rücken der Arbeiter/innen. Die Gewerkschaftsvorstände spalteten ab diesem Moment die Bewegung: Sie behaupteten plötzlich, dass „nach Branche oder Betrieb verhandeln werden muss“.

Im gleichen Moment übernahm De Gaulle wieder die Initiative. Am 30. Mai kündigte er die Auflösung der nationalen Versammlung und die Abhaltung einer Neuwahl des Parlamentes an, die für den 23. und 30. Juni geplant wurde. Unauffällig wurde die Armee allmählich in Alarmbereitschaft versetzt.

Anstatt alles zu machen, um den Streik zu unterstützen, stürzten sich die linken Parteien in die Sackgasse der Wahl. Die offizielle Linke dachte, dass nach 10 Jahren De Gaulle, die Zeit des Wechsels gekommen war. Und getreu ihrer Linie kündigte die CGT auch an, „dass sie keineswegs die Wahlen stören wird“.
Im Klartext bedeutete das, die Streikenden zu verlassen als sie noch imstande waren, ihren Willen durchzusetzen. Aber mit ihrer Weigerung, den Streik weiter zu unterstützen, schlugen die linken Parteien auch keinen guten Weg ein, um die Wahlen zu gewinnen.

Beispiel Mitterrand: Er hatte sich für den Fall neuer Präsidentenwahlen bereits als Kandidat erklärt und sich auch sofort von den streikenden Student/inn/en sorgfältig distanziert und sie sogar „Trotteln“ bezeichnet. Die anderen sozialistischen Führer/innen behaupteten, dass man vor den „falschen Revolutionären“ gewarnt sein müsse. Sie betrachteten ganz einfach die Bewegung der Student/inn/en mit Missachtung.

Was es die PCF betrifft, hatte sie nicht aufgehört, die streikenden Student/inn/en zu verleumden. Und sie rief die Arbeiter/innen zur Rückkehr an die Arbeit auf. Wie konnte sie dann das Vertrauen der Volksschichten mit dieser Politik anziehen, während 13 Millionen Arbeiter/innen im Streik waren?

Die Wahlen waren schließlich ein Misserfolg für die Linke. Die PCF verlor 600000 Stimmen, die Sozialdemokrat/inn/en fast ebenso soviel. Ihre Zahl von Abgeordneten war halbiert: Die PCF fiel von 72 auf 34 Abgeordnete, die Sozialdemokratie von 116 auf 57 Abgeordnete.

CGT und PCF rechtfertigten sich dann: sie sagten, dass die zehn Millionen Streikenden die Macht nicht forderten. Das war richtig, aber war das ein Grund, um sie wieder an die Arbeit zu zwingen?
Was hätten Organisationen, die den Einfluss der CGT oder der PCF in der Arbeiter/innen/klasse hatten und die wirklich die Interessen der Arbeiter/innen verteidigen wollen, gemacht? Sie hätten sich bemüht, ehrgeizigere Ziele vorzuschlagen, die der Realität des Zeitpunktes entsprachen. Und vor allem hätten sie dieses Kräfteverhältnis ausgenützt, um die zukünftigen Kämpfe vorzubereiten.

Echte Organisationen der Arbeiter/innen/klasse hätten stärkere Lohnerhöhungen, eine richtige Verkürzung der Arbeitswoche, aber auch eine mobile Lohnskala gefordert. Das ist die einzige Weise, die Unternehmer/innen zu hindern, durch die Inflation das zurückzunehmen, was sie durch den Streik abgeben haben. Sie hätten eine richtige Preiskontrolle durch die Bevölkerung vorgeschlagen. Aber sie hätten auch eine Arbeiter/innen/kontrolle der Betriebsführung populär gemacht, um die genaue finanzielle Situation der Unternehmen klar zu machen.

Die Zukunft sollte nämlich vorbereitet werden. Es gab in Frankreich eine Generation von Jugendlichen, die von den Streiks begeistert war und die die Kraft dieser 10 Millionen Streikenden gefühlt hatten. Diese Jugend hatte die Vorsicht, sogar die Furcht, der Bourgeoisie gespürt. Und diese Jugend setzte lange fort, ihre Kampfbereitschaft in den Jahren nach 1968 zu zeigen. Aber die PCF und die CGT wollten vor allem den Generalstreik vom Mai 68 nicht ausnützen, um die Jugend richtig politisch auszubilden.

Seit 1973/1974, mit dem Vorwand einer Erhöhung des Preises von Erdöl (der sogenannte Ölschock) stoppte die Bourgeoisie jegliche Zugeständnis abrupt. Die Kündigungspläne, die Firmenschließungen fingen an. Diese Angriffe haben eine Periode von immer größeren Schwierigkeiten für die Arbeiter/innen eröffnet. Wir sind noch immer in dieser Zeit von Angriffen. Sie verschlechtert sich sogar.

Ein neuer Mai 68 ist notwendig!

Man sagt, dass ein neuer Mai 68 notwendig ist. Wir sind einverstanden! Es ist wahr, die gegenwärtige Periode ist dieser Epoche ein wenig ähnlich. Wir ertragen auch die Preiserhöhung, die Arroganz der Rechten, die niedrigen Löhne, die Perspektivlosigkeit der Jugend.

Wir müssen uns also mit der Geschichte des Mai 68 beschäftigen, um die Lehren daraus zu ziehen. Wir müssen die Forderungen auf der Tagesordnung setzen, die man im Mai 68 hätte vorschlagen müssen:
Jetzt gehen die Preise hoch: Dann braucht man nicht nur eine allgemeine und ordentliche Erhöhung aller Löhne, aller Pensionen, sondern es ist auch notwendig, die Löhne an die Preiserhöhung zu binden. Die mobile Lohnskala und Pensionsskala ist notwendig.

Die Entlassungen oder die Arbeitslosigkeit gehen in den Statistiken der Regierung ein. Die großen Unternehmen setzen fort, Fabriken zu schließen und die Arbeitenden zu entlassen. Man muss die Massenentlassungen verbieten und die Verteilung alle Arbeitsstellungen unter allen erzwingen und zwar ohne Lohnverlust.
Man muss vor allem die großen Konzerne verpflichten, ihre Buchführung, ihre Einkommen und die Besitztümer der großen Eigentümer zu veröffentlichen. Man wird sehen, dass es ohne weiteres möglich ist, die wesentlichen Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen: das heißt, die Stellen aufrechtzuerhalten, die Gehälter zu erhöhen, allen eine richtige Wohnung zu sichern.

Der erste Schritt in dieser Richtung heißt, alle Gesetze, die das Handelsgeheimnis, das Bankgeheimnis, das Industriellengeheimnis schützen, aufzuheben. Diese Gesetze erlauben den Unternehmern, üble Schläge gegen die Arbeiter/innen und die Gesellschaft im Geheimen der Aufsichtsräte vorzubereiten. Die Arbeiter/innen haben das Recht, die „Geheimnisse“ der Unternehmen, der Industrie- und Finanzgruppen und der ganzen Wirtschaft zu kennen: weil eben unser Leben davon abhängt. Man muss das Bank- und Geschäftsgeheimnis abschaffen.

Viele sagen, das sei utopisch. Eine Mobilisierung aller Arbeitenden, um diese Forderungen durchzusetzen, ist das eine Utopie? Nein. Der Glaube dagegen, dass wir unser Los und dasjenige unserer Kinder ohne eine breite Kampfbewegung verbessern können, das ist wirklich utopisch.

Und vor allem gibt es wirklich eine Tatsache, die der Mai 68 auch gezeigt hat: Jederzeit, sogar nach Jahren einer machtvollen Rechten, sogar in einer schweren Periode für die Arbeiter/innen, sogar als überall Resignation herrschte, kann die Wut explodieren!

 

 

Wer ist die RSO?
 
Die RSO (Revolutionär Sozialistische Organisation) arbeitet am Aufbau einer Organisation, die in Kämpfen eine Perspektive über den Kapitalismus hinaus aufzeigen kann. Wir nehmen an Demonstrationen und Aktionen teil, diskutieren solidarisch über unser Verständnis von Politik und welche Strategien wir brauchen und tauschen uns mit anderen AktivistInnen aus. Wir sind in Wien aktiv, haben aber Kontakt zu Gruppen und AktivistInnen in anderen österreichischen Städten und anderen Ländern.
 
Für Revolution und Sozialismus einzutreten, bedeutet über den engen Kreis der Linken hinauszuwirken und unsere Ideen in der ArbeiterInnenklasse zu verbreiten. Wir geben deswegen seit mehreren Jahren das Betriebsflugblatt Klartext in Wiener Krankenhäusern heraus, mit dem wir Missstände anprangern, KollegInnen ein Sprachrohr bieten und versuchen, Basisaktivitäten zu vernetzen. Mit anderen AktivistInnen gemeinsam haben wir die Initiative Care Revolution aufgebaut und diverse Demonstrationen und Protestaktionen organisiert
 
Für uns ist der Kampf gegen konkrete Ausbeutung am Arbeitsplatz, Unterdrückung durch Sexismus und Rassismus und die katastrophale Umweltzerstörung immer Verbunden mit einem Kampf gegen den Kapitalismus, der eine solidarisches Zusammenleben verhindert.