Vor sechzig Jahren fand der ungarische Volksaufstand statt. Bürgerliche und StalinistInnen sind sich darin einig, dass es sich dabei um eine antikommunistische Revolte handelte, in der die Restauration des Kapitalismus erkämpft werden sollte. Das Gegenteil ist der Fall: Im Oktober 1956 wollten die arbeitenden Menschen in Ungarn die ewige Behauptung des stalinistischen Regimes von der Herrschaft des Proletariats endlich in die Tat umsetzen. Sie bildeten ArbeiterInnenräte und Revolutionskomitees und forderten ArbeiterInnenselbstverwaltung in den Betrieben, das Ende der sowjetischen Besatzung, die Abschaffung der politischen Polizei, unabhängige Gewerkschaften, Freiheit für politische Parteien und eine Erhöhung der Löhne und Pensionen. Anfang November wurde der Aufstand durch eine Invasion russischer Truppen blutig niedergeschlagen.

Die ungarische Revolution von 1956 zeigte mit aller Klarheit die Grenzen einer Massenerhebung gegen den Stalinismus, die Grenzen einer Erhebung ohne eine umsichtige und zum Äußersten entschlossene revolutionäre Führung. Denn eine solche hatte der ungarischen Revolution 1956 gefehlt. Die Räte waren nicht in der Lage, die Macht im Staat völlig in ihre Hand zu bekommen. Sie waren dazu verurteilt (bzw. beschränkten ihre Funktion selbst in dieser Richtung), auf die ungarische Regierung Druck auszuüben, was aber an deren insgesamt schwankendem Charakter nichts änderte. Zu groß waren auch die Illusionen in einen ehrlichen, in einen reformierten Stalinismus. Weiters fehlten konsequente Versuche, die nationale Isolierung Ungarns zu durchbrechen und das Proletariat der kapitalistischen Länder, aber auch der anderen degenerierten ArbeiterInnenstaaten zur aktiven Solidarität zu bewegen.

Die Tragik der ungarischen Revolution liegt darin, dass die kämpfenden Massen zwar imstande waren, von sich aus den Stalinismus zu stürzen, nicht aber dazu, bewusst die Macht in ihre eigenen Hände zu nehmen – der Zustand der Doppelherrschaft (hier die ArbeiterInnenklasse, dort die Sowjetbürokratie mit der Roten Armee) konnte nicht überwunden werden. Obwohl auch rechte Strömungen und restaurative Tendenzen in den entscheidenden Tagen an die Oberfläche gespült wurden – eine durchaus nicht ungewöhnliche Sache in revolutionären Prozessen –, war der Aufstand von 1956 doch eine in der Grundtendenz von der ArbeiterInnenklasse und ihren Organisationsformen geprägte politische Revolution gegen die herrschende Bürokratie. Alle Verleumdungen, die von stalinistischer Seite über die ungarischen RevolutionärInnen ausgegossen wurden, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier das Proletariat seine Kraft gezeigt hatte.

(Abgebildet ist die 15-jährige Lehrlingsköchin Erika Szeles, die der Revolution als Kämpferin und Pflegerin diente. Sie fiel am 8. November durch Schüsse der Roten Armee.)