Roman hat nach drei Jahren seinen Job als diplomierter Krankenpfleger im Wilhelminenspital gekündigt und mit einem kritischen Abschiedsbrief, den er per Mail an KollegInnen, die Krankenhausdirektion und die Stadträtin geschickt hat, im KAV für Debatten gesorgt. Aktivist_innen von RSO und Der Funke, die im Wilhelminenspital ein gemeinsames Betriebsflugblatt herausgeben, haben ihn interviewt.

 

Es wurde angekündigt, dass die Pflege in Zukunft Aufgaben der TurnusärztInnen übernehmen soll, was momentan in den Krankenhäusern viel diskutiert wird. Was denkst du dazu?

Prinzipiell ist es so, dass die Idee hinter der Umstellung (neue Aufgabenverteilung zwischen Medizin und Pflege – siehe dazu den Artikel in der letzten Ausgabe, Anmerkung der Redaktion) schon OK ist. Das größte Problem bei der Umstellung ist, dass sie rein auf Kosten der Pflege geht. Es gibt zwar die Idee, eine Zwischenberufsgruppe zwischen Pflege und Pflegehilfe zu etablieren, aber dazu weder ein ausgearbeitetes Konzept noch die Perspektive, dass das in den nächsten Jahren umgesetzt wird.

Wie ist dein Eindruck von der aktuellen Personalsituation? Ist sie für die aktuellen Aufgaben ausreichend?

Da muss man zwischen Intensivbereich und Normalstationen unterscheiden. Auf der Intensiv ist das Personal zwar sehr eng berechnet, aber im Großen und Ganzen muss man sagen, dass es bei normalem Arbeitsablauf ausreichend ist. Trotzdem habe ich es geschafft, in drei Jahren keinen einzigen Monat verstreichen zu sehen, in dem keine Zusatzdienste notwendig waren.

Auf der Normalstation ist es immer abhängig davon, wie der Pflegebedarf ist. Ein schlechter Stand ist, wenn viele stark pflegebedürftige PatientInnen da sind. Im Endeffekt wäscht man im Akkord, gibt Essen im Akkord und orientiert sich in dem Fall an der eigenen Sicherheit. Der KAV ist hier recht ehrlich und sagt, dass wir nicht jedem eine optimale Pflege gewährleisten können, deshalb orientieren wir uns an sicherer Pflege. Wobei, meiner Meinung nach, ist es ein sehr schmaler Grad zu gefährlicher Pflege, wenn man im Nachtdienst zu zweit ist, während es viele pflegeintensive PatientInnen gibt. Auf den Normalstationen ist da schon sehr eng kalkuliert.

Wie könnte das deiner Meinung nach geändert werden?

Diese KAV-typischen kleinen Veränderungen sind nur mäßig erfolgreich. Mit einer medizinischen Metapher könnte man sagen, es ist Symptombehandlung. Aber diese löst die Ursache des Problems nicht, sondern nur den akut auftretenden Mangel. Es bräuchte Ursachenforschung darüber, wo es Verschwendung von Ressourcen und Ineffizienzen gibt, und es soll nicht einfach geschaut werden, wo am meisten eingespart werden kann.

Würde mehr Personal bestehende Probleme lösen?

Im Akutfall auf jeden Fall. Das Hauptproblem ist, dass zu viel Arbeit auf zu wenige Personen aufgeteilt ist. Zusätzlich kommt dann, wie in meinem Brief beschrieben, der Überbelag durch Gangbetten. Ich kenne Zeiten, wo auf Normalstationen 4-5 Gangbetten keine Seltenheit waren. Das ist für die PatientInnen furchtbar, weil die Intimsphäre nicht gewahrt werden kann.

Ich denke, es bräuchte Umstrukturierungen, durch die die diplomierte Pflege entlastet wird und andere Berufsgruppen die Aufgaben abnehmen. Das könnte auch finanziell entlasten, aber wahrscheinlich wird man um mehr Personal nicht herum kommen. Teilweise ist auch das Sozialversicherungssystem ein Problem, wobei ich da wenig Einblick habe. Die Krankenanstalten bekommen ein gewisses Budget pro Jahr, aber wenn sie dieses Budget nicht ausschöpfen, gibt es im nächsten Jahr weniger Geld. Deswegen wird dann teilweise noch kurzfristig Geld für irgendwelche unnötigen Sachen ausgegeben. Das heißt, die Krankenkassen müssen das Geld dann im nächsten Jahr eh wieder zur Verfügung stellen, weil die Krankenanstalten wissen, wie sie wirtschaften müssen. Das trägt auch nicht zu einem gesunden Finanzgebaren bei.

Du hast den Brief erwähnt, den du geschrieben hast. Dieser hat viele KollegInnen erreicht und weite Kreise gezogen. Warum hast ihn geschrieben?

Meine Motivation dahinter war nicht primär, dass die leitenden Positionen oder die Stadträtin zum Umdenken beginnen sollen. Ich habe mir da kein Sommermärchen erträumt, dass jetzt plötzlich der Generaldirektor erkennen würde, dass es da Probleme gibt. Vielmehr war die Motivation die, die Leute aus meiner Berufsgruppe zum Nachdenken zu bewegen. Was vielen anscheinend nicht bewusst ist, ist dass die Pflege als größte Berufsgruppe eine enorme Macht hat, wenn sie geschlossen voran geht. Wenn man nach Deutschland schaut, wo es PilotInnenstreiks gibt, kann man sehen: wenn die nicht fliegen, dann geht nichts mehr. Da können sich die Leitungen quer stellen, aber auch nichts dran ändern. So ist es auch bei der Pflege. Es ist vielleicht nicht gar so einfach, weil es die Versorgung betrifft. Aber man könnte sich helfen, indem man schaut, dass eine zentrale Instanz das Ganze organisiert und schauen, was streikähnliche Maßnahmen bewirken können und gleichzeitig eine Notversorgung gewährleisten. Die KollegInnen sollen sich nicht von Kleinigkeiten bzw. Zuckerln, die unnötig sind, kaufen oder beeinflussen lassen. Denn vehemente Veränderungen in eine negative Richtung finden trotzdem statt. Und nur, weil ich jetzt ein Mineralwasser oder Eis bekomme, oder irgendwelche Goodies, heißt das nicht, dass das ursächliche Problem damit ausgeräumt ist. Und die nächste fette Einbuße kommt bestimmt.

Was willst du den KollegInnen für einen Rat mitgeben, wie sie solche Einbußen verhindern könnten?

Es ist so, dass sie kritischer denken müssen. Ich denke, dass sie auf jeden Fall intuitiv wissen, wo das Problem ist. Ich habe auch anhand diverser Rückmeldungen von KollegInnen mitbekommen, dass der Grund den Leuten bewusst ist. Aber es ist so, dass sie sich über die Missstände nur untereinander aufregen. Die Leute haben Angst, dass sie den Job verlieren, den sie unbedingt brauchen, wenn sie sich gegen den KAV auflehnen und sich „regimekritisch“ äußern. Ich wünsche mir ein bisschen mehr Selbstvertrauen. Glauben wir an die eigene Macht, wenn wir uns zusammentun. Man braucht sich nur den Arabischen Frühling anschauen, wo sich die Bevölkerung zusammen getan hat und ein ganzes diktatorisches Regime gestürzt hat.

Du hast erwähnt, dass du Rückmeldungen auf deinen Brief bekommen hast. Wie waren die Meinungen dazu?

Das Feedback war durchwegs positiv. Es war mehr als ich erwartet hatte, aber zu wenig, um damit wirklich was ausrichten zu können. Es war ausreichend, um mich nicht zurück zu ziehen. Es ist auf jeden Fall so, dass ich weiterhin an der Sache dran bleiben möchte.

Was mich interessiert, ist, ob vonseiten der Generaldirektion oder der Gesundheitsstadträtin Statements kommen. Meinem Verständnis nach sind sie in der Pflicht, weil die Leute das doch sehr gut aufgefasst haben und sehr kritisch damit umgegangen sind. Ich glaube, der KAV täte sich nichts Gutes, wenn sie kein Statement ausgeben würden, weil ich glaube, dass sich viele Leute eines erwarten. Und da bin ich gespannt, was für Ausreden oder was auch sonst so möglich ist sich dann ergeben.

Ansonsten hoffe ich, dass das keine gedämpfte Welle war, die dann bald abebbt, sondern dass die Leute weiterhin kritisch denken und die Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachten und ja, dass sich gegebenenfalls Zusammenschlüsse größeren Ausmaßes bilden, die wirklich versuchen, in eine positive Richtung zu intervenieren.