Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sind zweifelsohne enorm wichtige Personen für die Geschichte Deutschlands und die Geschichte der revolutionären ArbeiterInnenbewegung. Doch woher entspringt diese Bedeutung?

Als eine herausragende Persönlichkeit der Geschichte wird man nicht geboren. Es ist auch nicht möglich, durch reinen Intellekt oder harte Arbeit zu einer solchen Person zu werden. Denn die Größe des Individuums erklärt sich maßgeblich aus den gesellschaftlichen Umständen, der gesellschaftlichen Zeit in der sich diese Person bewegt.

Die großen Persönlichkeiten der Geschichte – ob im Schlechten wie im Guten – sind die Antwort auf eine gesellschaftliche Frage. Zwar spielt dabei auch der individuelle Charakter eine Rolle und nur die Person, die sich dieser Frage freiwillig hingibt, kann diese Rolle auch ausfüllen. Und tatsächlich ist es möglich, dass eine einzelne Person in besonderen Zeiten außergewöhnlich großen Einfluss auf den Verlauf der gesellschaftlichen Ereignisse haben kann. Doch selbst dann bewegen sich die Individuen in Umständen außer ihrer Kontrolle. Es sind Umstände, auf die sie reagieren können – keine Umstände die sie frei gewählt haben.

Herausragende Individuen werden von der Gesellschaft herangezogen um deren Bedürfnissen Ausdruck zu verleihen. Und es sind die gesellschaftlichen Bewegungen und Anforderungen, die aus den Individuen überhaupt erst herausragende Persönlichkeiten machen. Es ist die Kraft der Eindrücke, der Erlebnisse, der Kämpfe, die aus dem Geist einer vielleicht sonst durchschnittlichen Person, eine außergewöhnliche Kraft formen können. Viel mehr noch, können die gesellschaftlichen Ereignisse auch anscheinend durchschnittliche Personen zu außergewöhnlicher Bedeutung verhelfen.

Für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht kann genau dies gesagt werden: Sie waren außergewöhnlich, weil diese Zeit außergewöhnliche Menschen verlangte. Sie wollten aber nicht außergewöhnlich sein, sie wollten eine Revolution machen. Doch genau das ermöglichte es ihnen, diese herausragenden Wesen zu sein, deren Feuer und Geist, das heißt Seele und Herz, das heißt Wille und Tat der Revolution des Proletariats1 uns noch heute inspirieren können.

Karl

Karl Liebknecht wird auf immer den radikalen Antimilitarismus der deutschen ArbeiterInnen zu dieser Zeit repräsentieren. Sein „Nein!“ zu den Kriegskrediten während des Ersten Weltkriegs hat ihn schlagartig zur Symbolfigur der Kriegsgegnerschaft gemacht. Weil er als einziger den Mut aufbrauchte, das zu sagen, was er fühlte und als richtig empfand: Ein Krieg für Profitinteressen und Kapital kann den ArbeiterInnen nicht nützen, kann nicht gutgeheißen werden. Im Gegenteil lässt der Kapitalismus die ArbeiterInnen für diese Interessen im Blut ertrinken. Kurze Zeit später ging er für die öffentliche Ablehnung des Krieges – inklusive des Aufrufs zum Regierungssturz – ins Gefängnis. Was er mitbrachte, das war Mut und Konsequenz. Liebknecht verbog sich und seine Ideen nicht, er stand für sie mit aller Kraft ein.

Er war zunächst, in dieser Stunde, der vereinzelte Revolutionär, im Meer des Kriegstaumels. Sicher gab es andere Kriegsgegner. Doch er war der Kriegsgegner. Er sprach damit vielen ArbeiterInnen, insbesondere den sozialistischen, aus der Seele. Wer weiß, ob er sich der Bedeutung seiner symbolischen Taten bewusst war. Entscheidend ist doch aber, dass er es im Gegensatz zu vielen anderen tatsächlich tat und somit eine ganz neue Rolle in der gesellschaftlichen Bewegung einnehmen konnte.

Die gesellschaftliche Situation, der brutale Krieg und die enormen Opfer ermöglichten Liebknecht Größe. Er zeigte sie. Doch er war gerade erst am Beginn einer wirklichen Entfaltung. Der brutale Mord an Liebknecht durch die Freikorps Verbände (mit der Zustimmung der SPD-Spitze um Friedrich Ebert und Gustav Noske) machte ihn nicht nur zu einem Märtyrer. Denn es ist gerade der frühe Tod für die Ideale, der verhindert, dass man diese Ideale verraten kann. Diese Größe kommt unverschuldet. Aber der Mord löschte auch die Möglichkeit aus, für Liebknecht erst seine wirkliche Größe im gesellschaftlichen Kampf zu beweisen. Ein wirklicher Revolutionsführer zu werden, ein wahrer Kämpfer für die Interessen der ArbeiterInnen und der Revolution. Diese gesellschaftliche Aufgabe schafft die großen Helden der Geschichte erst. Sie müssen an ihr wachsen, um dazu bereit zu sein, die Geschichte der Menschen maßgeblich positiv zu beeinflussen

In diesem Sinne töteten die Gegen-Revolutionäre, Vorläufer der Nazis und geschaffen durch Bürgertum und Sozialdemokratie, nicht nur die Symbolträger der Revolution. Sie töteten diejenigen, die das Potenzial hatten zum Aufbau einer kritischen, der Sowjetunion dringend notwendigen Halt gebenden revolutionären Partei. Einer kommunistischen Partei, die nicht nur die Nazis hätte schlagen, sondern auch die Revolution in Deutschland hätte durchführen können. Genau das wäre für eine demokratische Planwirtschaft, auch in der Sowjetunion, nötig gewesen.

Die Freikorps töteten nicht nur tausende ArbeiterInnen und RevolutionärInnen, sie tragen auch eine Verantwortung für die tragische und brutale Zerstörung der ArbeiterInnenbewegung in Deutschland in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. Doch genau eine solche kämpferische Bewegung – mit klaren politischen Zielen! - wäre nötig gewesen um Widerstand leisten und Neues erkämpfen zu können. Die politische Verantwortung für diese Entwicklung, die trägt jedoch die Führung der damaligen Sozialdemokratie.

Rosa

Auch Rosa Luxemburgs ultimative Stärke war ihr unbeugsamer Wille, ihr Mut und ihre Entschlossenheit für ihre Überzeugungen einzustehen und zu kämpfen. Als politisch aktive Frau, als Jüdin mit russisch-polnischer Abstammung hatte sie es im preußisch-deutschen Staat nicht leicht. Auch nicht in der Sozialdemokratie des beginnenden 20. Jahrhunderts. Es zeugt von unglaublichem Durchhaltevermögen, der ständigen Unterdrückung und Verfolgung in der Gesellschaft so radikal entgegentreten zu können. Denn Rosa Luxemburg war nicht einfach Humanistin, sie war eine Revolutionärin. Und auch das war sie nicht einfach: Für sie war die Empörung und die Wut über die Ausbeutung und das Leid der Menschen mit einer wissenschaftlichen Analyse der Gesellschaft und ihrer möglichen Überwindung verbunden. Sie ließ sich nicht von ihren Gefühlen blenden – aber zu Recht stieß sie uns darauf, dass es wichtig ist, „Mensch zu bleiben“.

Denn der Kampf zur Befreiung der Menschen ist keiner, der abstrakt über sie hinweg geführt wird. Er ist einer gegen die konkreten Probleme der ArbeiterInnen und Armen – und damit in letzter Konsequenz des Menschen. Diese Gesellschaft macht uns unglücklich, krank, sie hält uns nieder, sie hindert uns, unser volles Potenzial zu entfalten, erlegt uns so viele unsichtbaren Schranken auf, dass wir es oft gar nicht merken. Gleichzeitig ist die Ausbeutung für Viele von uns körperlich und geistig jeden Tag zu spüren. Unser Verhältnis zu unserem Körper, zum Arbeiten, zur Liebe, zum Denken und zum Handeln ist verquer, weil der Profit durch all unsere Lebensbereiche dringt. Wir bilden uns nicht für uns, sondern zum Verkaufen. Wir arbeiten nicht um unsere Fähigkeiten zu verbessern oder um unsere Bedürfnisse zu stillen, sondern damit jemand anderer damit Profit macht. Kapitalismus ist nicht abstrakte Ausbeutung, wir erleben ihn andauernd, überall und sehr konkret. Rosa Luxemburg hat diesen Schleier, diese schreiende Ungerechtigkeit, jeden Tag gespürt. Dass sie sich dem entgegenstellte, das ist ihre große Leistung.

Unsere heutige Verantwortung liegt deshalb auch darin, diese Rosa Luxemburg gegen fälschliche Darstellungen zu verteidigen. Ihre revolutionäre Haltung, gegen den deutschen Obrigkeitsstaat und die immer noch etablierte Mehrheits-Sozialdemokratie für die Sache der ArbeiterInnen, für ihre Kämpfe und ihre Interessen einzutreten. Keine Irreführung, sondern Selbstbestimmung der ArbeiterInnen. Kein Arrangieren mit dem Kapitalismus, sondern der konsequente Kampf gegen ihn. Keine Lügen für die bestehende Ordnung, sondern die Wahrheit für die revolutionäre Neugestaltung. Diese Rosa Luxemburg, wie sie wirklich war, und nicht nur Bruchstücke von ihren Aussagen, verteidigen wir.

Ehre erweisen wir ihr aber nicht durch Trauer und reine Symbolik, sondern durch Taten: den alltäglichen Kampf gegen dieses System, in dem ein Großteil der Menschen geknechtete und entrechtete Wesen sind.

Was uns eint

Genau wie damals für Rosa und Karl steht uns auch heute diese Gesellschaft gegenüber. Die bürgerliche Ordnung, in der das Individuum gegen das Kollektiv, die Hand- gegen die Kopfarbeit, der Mensch gegen die Natur – und Arm gegen Reich steht, regiert weiter. Es mag andere Bedingungen geben und zweifellos hat sich der Kapitalismus in vielerlei Hinsicht verändert.

Aber in der entscheidenden Frage hat sich nichts geändert: Der Profit steht über den Menschen; Und das Streben der KapitalistInnen danach wird uns wieder und wieder in Kriege führen, unsere Freiheiten und unsere elementaren Lebensbedingungen zerstören, um diesen Profit zu bekommen. Selbst wenn sie wollten, sie könnten nicht anders. Für den Weiterbestand der Lohnarbeit sollen eben diese LohnarbeiterInnen „den Gürtel enger schnallen“, sich der Herrschaft beugen und im Notfall auch dafür sterben. Wenn die Herrschenden von Solidarität sprechen, dann meinen sie, dass wir zu dem System halten sollen, dass uns in allen Lebensbereichen kontrolliert und unterdrückt.

Doch das muss nicht so sein. Der Mensch ist nicht nur von der Gesellschaft abhängig, er hat sie auch geschaffen. Wir können also sehr wohl darüber entscheiden, wie wir leben wollen und wie nicht. Damit dieser Wille aber auch eine Rolle spielt, müssen wir aktiv werden. Wir müssen uns neu organisieren – gegen die Ordnung von oben. Denn nur wenn wir organisiert sind, können wir unserem Willen eine wirkliche Kraft verleihen. Vereinzelt sind wir der herrschenden Gesellschaft ausgeliefert - vereint können wir ihr eine andere Form der Gesellschaft entgegenstellen.

Denn tatsächlich haben wir gemeinsam einen Hebel, dessen Stärke von den Herrschenden so gefürchtet ist, dass sie diesen Hebel permanent als rücksichtslos und bösartig darstellen wollen: der Streik. Die Gesellschaft lebt am Ende nicht vom Geld – sondern von der Produktion. Wenn wir also nicht nur Opfer sein wollen, wenn wir nicht nur den Zustand ertragen und darüber meckern möchten, dann müssen wir organisiert sein. Um sowohl unserem Willen lautstark zu äußern, aber auch um ihn durchzusetzen gegen die Interessen der Herrschenden.

Wir müssen kämpfen. Denn wenn wir es nicht tun, wird es nicht bei diesem – ohnehin furchtbaren – Zustand bleiben, es wird noch schlimmer kommen. Die Herrschenden haben für diese Krise keine Antwort, außer dem weiteren Auspressen der arbeitenden Bevölkerung. Sie zeigen es in Griechenland, Spanien, Italien, aber auch im Rest von Europa, sowie auf dem Rest der Welt. Das ist ihre Antwort und sie haben keine andere.

Doch ebenso wie Karl und Rosa haben wir eine sehr wohl eine andere Antwort. Diese Antwort ist die radikale Umgestaltung, die Revolution. Damit ist kein kurzer Putsch durch eine Minderheit gemeint, sondern eine aktive Handlung vom großen Teil der Bevölkerung, zur Veränderung und rationalen Planung ihrer Lebens- und Produktionsbedingungen. Sie ist damit auch eine radikale Veränderung des Denkens durch diese neue Produktion: Zu einer tatsächlichen Solidarität, in der Individuum und Gesellschaft keine Feinde sind. Die Gestaltung der Gesellschaft nach unseren Bedürfnissen und unserem Willen. Sie ist die Befreiung der Menschheit, die nur wir selbst praktisch schaffen können.

Lassen wir daher doch Rosa Luxemburg in aller Klarheit aussprechen, was ist:

Sie [die proletarische Revolution] ist kein verzweifelter Versuch einer Minderheit, die Welt mit Gewalt nach ihrem Ideal zu modeln, sondern die Aktion der großen Millionenmasse des Volkes, die berufen ist, die geschichtliche Mission zu erfüllen und die geschichtliche Notwendigkeit in Wirklichkeit umzusetzen.

Aber die proletarische Revolution ist zugleich die Sterbeglocke für jede Knechtschaft und Unterdrückung. Darum erheben sich gegen die proletarische Revolution alle Kapitalisten, Junker, Kleinbürger, Offiziere, alle Nutznießer und Parasiten der Ausbeutung und der Klassenherrschaft wie ein Mann zum Kampf auf Leben und Tod. […]

All dieser Widerstand muß Schritt um Schritt mit eiserner Faust und rücksichtsloser Energie gebrochen werden. Der Gewalt der bürgerlichen Gegenrevolution muß die revolutionäre Gewalt des Proletariats entgegengestellt werden. Den Anschlägen, Ränken, Zettelungen der Bourgeoisie die unbeugsame Zielklarheit, Wachsamkeit und stets bereite Aktivität der proletarischen Masse. Den drohenden Gefahren der Gegenrevolution die Bewaffnung des Volkes und Entwaffnung der herrschenden Klassen. Den parlamentarischen Obstruktionsmanövern der Bourgeoisie die tatenreiche Organisation der Arbeiter- und Soldatenmassen. Der Allgegenwart und den tausend Machtmitteln der bürgerlichen Gesellschaft die konzentrierte, zusammengeballte, aufs höchste gesteigerte Macht der Arbeiterklasse. […]

Der Kampf um den Sozialismus ist der gewaltigste Bürgerkrieg, den die Weltgeschichte gesehen, und die proletarische Revolution muß sich für diesen Bürgerkrieg das nötige Rüstzeug bereiten, sie muß lernen, es zu gebrauchen – zu Kämpfen und Siegen.

Eine solche Ausrüstung der kompakten arbeitenden Volksmasse mit der ganzen politischen Macht für die Aufgaben der Revolution, das ist die Diktatur des Proletariats und deshalb die wahre Demokratie. Nicht wo der Lohnsklave neben dem Kapitalisten, der Landproletarier neben dem Junker in verlogener Gleichheit sitzen, um über ihre Lebensfragen parlamentarisch zu debattieren, dort, wo die millionenköpfige Proletariermasse die ganze Staatsgewalt mit ihrer schwieligen Faust ergreift, um sie, wie der Gott Thor seinen Hammer, den herrschenden Klassen aufs Haupt zu schmettern: dort allein ist die Demokratie, die kein Volksbetrug ist.2

 

Luxemburg & Liebknecht Demonstration:

13. Januar 10:00, U-Bahnhof Frankfurter Tor

Die RSO Berlin trifft sich 9:45 am Humana auf der anderen Seite der Kreuzung.

 

Fußnoten:

1 Im Ganzen: "Denn Spartakus – das heißt Feuer und Geist, das heißt Seele und Herz, das heißt Wille und Tat der Revolution des Proletariats. Und Spartakus – das heißt alle Not und Glückssehnsucht, alle Kampfentschlossenheit des klassenbewußten Proletariats. Denn Spartakus, das heißt Sozialismus und Weltrevolution.", Trotz Alledem (1919), Karl Liebknecht

2 Was will der Spartakusbund?. Rosa Luxemburg (Dezember 1918) bzw.Programm der KPD (1918 / 1919)