Der internationale Siemens-Konzern hat vor einiger Zeit angekündigt, weltweit 16.750 KollegInnen zu entlassen, davon rund 5000 in Deutschland und rund 500 in Österreich - intern kursieren aber weit höhere Zahlen. Laut der deutschen Zeitschrift Focus kostet dieser Arbeitsplatzabbau den Konzern rund 800 Millionen Euro. Doch das strategische Ziel von Siemens ist, sich für InvestorInnen attraktiver zu machen. Wir haben dazu ein Interview mit Isa Sauerer geführt. Isa arbeitet in der Siemens AG in Wien (Der Name wurde von der Redaktion geändert.)

"Jetzt schauen wir uns das einmal an"

Interview mit einer Kollegin der Siemens AG Österreich 

Isa, kannst Du uns zu Beginn etwas über den Siemens-Konzern erzählen?

Gern! An sich ist der Konzern ja sehr bekannt, die meisten Menschen kommen hin und wieder mit Produkten von Siemens in Berührung. Weltweit arbeiten bei Siemens rund 430.000 Leute, in Österreich sind es bei der SAGÖ (Siemens AG Österreich) ohne LeiharbeiterInnen ca. 15.000, in der "Siemens Welt", also inclusive beispielsweise der Voest Industrieanlagenbau, sind es rund 30.000. Siemens hat übrigens eine eigene Leiharbeitsfirma, bei der ca. 1000 KollegInnen angestellt sind, dazu kommen KollegInnen, die über andere Leiharbeitsfirmen bei Siemens arbeiten.

Wie sieht es mit dem aktuellen Jobbaubbau aus?

Offiziell sollen in Österreich 500 KollegInnen entlassen werden. Intern kursieren aber Zahlen von 1000 bis 3000 KollegInnen, die gehen müssen. Das soll quer durch alle Abteilungen gehen, überall wird eingespart. Oft werden auch fest angestellte KollegInnen durch LeiharbeiterInnen ersetzt. Das ist praktisch, denn die werden als "zugekaufte Dienstleistungen" unter "Sachgüter" verbucht. Dadurch werden die Gemeinkosten wie Kantine oder Betriebsarzt nur auf den virtuellen Personalstand aufgerechnet. In der Buchhaltung schaut das dann so aus als wären LeiharbeiterInnen billiger als die Stammbelegschaft - und je mehr LeiharbeiterInnen es gibt, desto teurer scheint die Stammbelegschaft.

Ein weiteres großes Thema ist Auslagerung. Bei der Berechnung der Projektkosten wird ständig versucht, "teure" österreichische oder deutsche Arbeit durch "billigere" slowakische oder bulgarische Siemens (Leih-)MitarbeiterInnen zu ersetzen. Am liebsten wäre es der Konzernleitung wohl, in Deutschland und Österreich nur Projektleitung zu haben und alle anderen ArbeiterInnen in einem möglichst billigen Drittland. Doch das funktioniert nur sehr bedingt und so manche Verlagerung wird wieder rückgängig gemacht, was natürlich enorme Kosten und Know-how-Verlust bedeutet. Gleichzeitig macht diese Situation klar, dass wir eine internationale Antwort und Vernetzung mit den KollegInnen in diesen Ländern brauchen, damit wir nicht gegeneinander ausgespielt werden können. Es wird aber auch in Österreich selbst viel ausgelagert, etwa der Kopierbereich, der aber fast nur für Siemens kopiert. Billiger ist das kaum, aber am Papier schaut es gut aus.

Uns sagen sie, dass gekündigt werden muss, weil keine Aufträge mehr da seien, aber die Aufträge stiegen 2008, bezogen auf den Vergleichszeitraum des Vorjahrs sogar um 26%. Die Auftragsbücher sind also voll. Auch die Gewinne steigen deutlich an: Laut Geschäftsbericht 2007 hatte die Firma 2007 eines der besten operativen Ergebnisse der Geschichte, der Gewinn stieg um 20% auf über 4 Milliarden Euro, der Gewinn pro Aktie um 21%. Während die Firma also Gewinne macht, gibt es eine Kündigungswelle für die ArbeiterInnen

Wie siehst Du die Rolle von Betriebsrat und Gewerkschaft?

Die dominierende Gewerkschaftsfraktion bei uns ist die sozialdemokratische FSG, die Fraktion sozialdemokratischer GewerkschafterInnen. Sie tut nichts, zeigt keine Kampfbereitschaft. Gerade Siemens hat ja eine sehr gute Verbindung zur SPÖ, mit Brigitte Ederer ist eine ehemalige Spitzenfunktionärin der SPÖ Chefin des Konzerns. Da sind dann Betriebsrat und Geschäftsleitung sehr gut miteinander bekannt, alle sind in der gleichen Partei.

Wir haben das Gefühl, dass der Betriebsrat oft auch viel mehr über den Stand der Entlassungen weiß, aber nichts raus lässt. Bei einer Infoveranstaltung Anfang Juni in Wien, wo ca. 1000 KollegInnen waren, war der Betriebsrat horrormäßig. Sie waren gemeinsam mit der Geschäftsleitung am Podium und haben eine Art "Alles-wird-gut"-Stimmung verbreitet. Die Chefs meinten, wir sollen uns keine Sorgen machen, es gäbe auch ein Leben nach Siemens.

Wie ist die Stimmung in der Belegschaft?

Sehr schlecht, auch gegenüber den BetriebsrätInnen. Nach Meinung vieler KollegInnen haben sie es sich gerichtet, gehören auch zu denen da oben. Die Stimmung ist aber in unterschiedlichen Bereichen auch ganz unterschiedlich. In Bereichen, wo es bisher keine großen Angriffe gab, ist eher Resignation zu spüren, in anderen, wo es schon in der Vergangenheit Angriffe gab, höre ich manchmal "Jetzt schauen wir uns das einmal an" und es gibt eine gewisse Kampfbereitschaft. Die Mehrheit meint aber wohl, man könne nichts machen, weil keine/r weiß, wie. Es gibt Wut und Frust, aber sie ist noch nicht kanalisiert. Es scheint auch, dass die Firma Angst vor Sabotage hätte, bei der Kündigungswelle vor drei Jahren wurden die KollegInnen unmittelbar nach der Kündigung aus dem Werk "hinausbegleitet".

Teilweise versucht die Geschäftsleitung zu sagen, dass "die Deutschen" an den Entlassungen schuld wären und teilweise funktioniert das auch. Aber das ist natürlich Unsinn. Die österreichische Geschäftsleitung trägt die volle Verantwortung.

Bei Siemens hat es ja kürzlich international einen großen Schmiergeldskandal gegeben. Wie sehen denn das die KollegInnen?

Es gibt oft den Witz, wenn das Gespräch irgendwie auf Kriminalität kommt, dass bei uns ja die Knastbrüder an der Spitze sitzen. Alle wissen, dass geschmiert wird. Wenn Du ein Kraftwerk um eine Milliarde Euro hinstellst, bleibt schon genug Spielraum für Schmiergeld, auch in Österreich. Es gibt jetzt immer wieder Rundmails, dass ja kein Schmiergeld gezahlt werden soll, was ganz lustig ist, denn die KollegInnen in den Abteilungen sind nicht die mit dem Koffergeld, sondern jene, die die Mails verschicken. Das ist also eine ganz klare Ablenkung und ein Zeichen nach außen, dass etwas getan wird. Aber das Schmiergeld ist kein Siemens-Problem, sondern ein Kapitalismus-Problem, jeder Konzern arbeitet so.

Was glaubst Du, müsste jetzt passieren?

Vor einigen Jahren, bei der letzten Kündigungswelle, gab es zumindest eine Demonstration von einigen tausend KollegInnen. Das hat der Betriebsrat natürlich zum Dampf ablassen gebraucht, aber es war ein Anfang. In diese Richtung sollte was passieren.

Wie siehst Du Dich selbst politisch?

Ich selbst sehe mich als Revolutionärin. Mein Ziel ist, dass ein Konzern wie Siemens irgendwann nicht mehr für den Profit produziert. Er sollte stattdessen unter der Kontrolle der KollegInnen als vergesellschaftetes Unternehmen für die Interessen der Menschen arbeiten und Dinge produzieren, die die Leute wirklich brauchen.

Wir danken Dir für das Gespräch!

 

 

 

Wer ist die RSO?
 
Die RSO (Revolutionär Sozialistische Organisation) arbeitet am Aufbau einer Organisation, die in Kämpfen eine Perspektive über den Kapitalismus hinaus aufzeigen kann. Wir nehmen an Demonstrationen und Aktionen teil, diskutieren solidarisch über unser Verständnis von Politik und welche Strategien wir brauchen und tauschen uns mit anderen AktivistInnen aus. Wir sind in Wien aktiv, haben aber Kontakt zu Gruppen und AktivistInnen in anderen österreichischen Städten und anderen Ländern.
 
Für Revolution und Sozialismus einzutreten, bedeutet über den engen Kreis der Linken hinauszuwirken und unsere Ideen in der ArbeiterInnenklasse zu verbreiten. Wir geben deswegen seit mehreren Jahren das Betriebsflugblatt Klartext in Wiener Krankenhäusern heraus, mit dem wir Missstände anprangern, KollegInnen ein Sprachrohr bieten und versuchen, Basisaktivitäten zu vernetzen. Mit anderen AktivistInnen gemeinsam haben wir die Initiative Care Revolution aufgebaut und diverse Demonstrationen und Protestaktionen organisiert
 
Für uns ist der Kampf gegen konkrete Ausbeutung am Arbeitsplatz, Unterdrückung durch Sexismus und Rassismus und die katastrophale Umweltzerstörung immer Verbunden mit einem Kampf gegen den Kapitalismus, der eine solidarisches Zusammenleben verhindert.