Im Oktober 2006 ist es genau ein halbes Jahrhundert her, dass die ungarische Revolution von 1956 niedergeschlagen wurde. Ungarn war nach 1945 in den sowjetisch beherrschten Machtblock integriert worden, die Umwälzung der Produktionsverhältnisse war aber auch hier nicht das Ergebnis einer revolutionären Erhebung, sondern die Folge einer bürokratisch in Gang gesetzten Umwälzung.

Ab 1948 wurde das Tempo der Industrialisierung und der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft beschleunigt. Aber der quantitative Entwicklungssprung erreichte bald seine Grenzen – mit Appellen an die „sozialistische Moral“, „sozialistischen Wettbewerben“ und durch „freiwillige Sonderschichten“ nach dem Vorbild Stachanows versuchte die stalinistische Bürokratie der sinkenden Motivation und der zurückbleibenden Produktivität der ungarischen Arbeiter/innen/klasse gegenzusteuern. Ergebnis all dieser Bemühungen war aber das gerade Gegenteil, der bürokratische Druck konnte die zunehmenden Probleme der nachkapitalistischen ungarischen Ökonomie nur notdürftig überdecken.

Nach dem Tode Stalins im Jahr 1953 wurde schnell klar, wie isoliert und verhasst die herrschende Clique um Mátyás Rákosi bereits geworden war. Ermutigt vom Malenkow-Flügel unter den Erben Stalins, erlebte der von Imre Nagy geführte und von Rákosi unterdrückte Reformflügel der Partei seinen politischen Wiederaufstieg. Rákosi, der die Position als Sekretär der Partei behielt, wurde dazu gedrängt, als Premier-Minister zurückzutreten und diesen Posten im Juli 1953 an Imre Nagy zu übergeben. Die Periode bis 1955/1956 war in der Folge von einem Hin und Her und einer gegenseitigen Blockierung der beiden in Nagy und Rákosi personifizierten Flügel der Partei geprägt.

Die neue Politik bestand im Wesentlichen darin, die gröbsten Folgen der Kollektivierung des Landes zu beseitigen und eine behutsame Rehabilitierung eines Teiles der in den vergangenen Säuberungen Verurteilten und Gemaßregelten in Gang zu setzen. Nagys Vorbild war in gewisser Hinsicht Jugoslawien mit einer größeren politischen und ökonomischen Selbständigkeit gegenüber der UdSSR – darauf baute auch der Vorwurf des „Titoismus“ auf –, und das war auch ein wesentlicher Grund dafür, weshalb sich 1955 abermals das Blatt wendete.

Die harten Stalinist/inn/en waren zum Gegenschlag in der Lage und verdrängten den innerbürokratischen Reformflügel um Nagy nochmals – mit einer erneuerten Welle der Repression drohend, Rákosi, der „ungarische Stalin“, vermochte die Macht nochmals an sich ziehen. Nach Mikojansverhasstere Rákosi durch Ernö Gerö ersetzt. Er wollte zwar Rákosis Politik fortsetzen, war aber zu einer Reihe von Zugeständnissen gezwungen. So musste Mihály Farkas, der unbeliebte Verteidigungsminister, seinen Posten räumen. Besuch im Juli 1956 wurde der immer

Unter diesen Umständen konnte die wachsende Radikalisierung vor allem von Teilen der Parteijugend und der Intellektuellen (die sich in Organisationen wie dem Petöfi-Kreis sammelten) als Katalysator der allgemeinen Unzufriedenheit und des generellen Widerstandes fungieren. Eine gespaltene und verwirrte Bürokratie stand der ansteigenden Welle der Radikalisierung gegenüber, die noch zusätzlich verstärkt wurde durch die „Entstalinisierungs“-Politik von Chruschtschow am XX. Parteitag der KPdSU – insgesamt eine höchst brisante Entwicklung, die zu spontanen Massenmobilisierungen der Jugend und der Arbeitenden führte und den Höhepunkt am 23.10.1956 mit einem Aufstand erreichte.

Parallel zur Rebellion der polnischen Arbeiter/innen hatte sich auch in Ungarn im Herbst die Situation zugespitzt. Am 6. Oktober wurde von Hunderttausenden des vor sieben Jahren nach einem Schauprozess wegen „Titoismus“ und politischer Spionagetätigkeit hingerichteten Innenministers Laszlo Rajk (und dreier anderer) gedacht – das Regime ehrte in einem symbolisch bedeutsamen Schritt die in Ungnade Gefallenen mit einem posthumen Staatsbegräbnis. Am 23. Oktober fand eine Demonstration in Budapest statt – nach den blutigen Auseinandersetzungen um das Budapester Funkhaus brach der bewaffnete Aufstand los. Bereits am nächsten Tag wurde Imre Nagy von der revolutionären Welle wieder an die Position des Ministerpräsidenten gespült, jener Imre Nagy, der zwar – das Vertrauen der Arbeiter/innen/klasse genießend – nicht zum Verräter wurde, der aber während der ganzen Revolution als Bürokrat agierte und sein tiefes Misstrauen gegenüber der revolutionären Aktivität der proletarischen Massen niemals verlieren sollte. Zur Aufrechterhaltung von „Ruhe und Ordnung“ schritten die sowjetischen Truppen gegen „Unruhestifter“ ein. In den nächsten Tagen wurden im ganzen Lande Arbeiter/innen/räte und Revolutionskomitees gebildet; überall in Ungarn wurde gekämpft. Nagy unterzeichnete einen Waffenstillstand und bildete ein Volksfrontkabinett mit Vertretern der historischen Parteien der Kleinen Landwirte und den Nationalen Bauern. Am 29. Oktober erkannte die Regierung Nagy die Räte an und die KP unterstützte den Aufstand. Zwei Tage später zogen sich die sowjetischen Truppen aus Budapest zurück.

Am 1. November 1956 verkündete Ungarn seine Neutralität und wollte aus dem Warschauer Pakt austreten. Die Räte, die als potenzielle Machtorgane des Proletariats fungierten, erkannten die Regierung Nagy an. Die Kommunistische Partei hatte während der Revolution 1956 ihren organisatorischen Zusammenhalt verloren und wurde nun unter Führung von Nagy, János Kádár und dem Philosophen und Kultusminister der Räterepublik von 1919, Lukács, reorganisiert. Parallel dazu hatten die unterdrückten Parteien wieder zu arbeiten begonnen. Während Nagy sich nun bemühte, die Aufständischen in die Regierung einzubinden (so wurde Pál Maléter, der Chef des Militärischen Revolutionskomitees, Verteidigungsminister), setzte sich eine Gruppe um Janos Kádár von der politischen Revolution, deren Berechtigung er noch kurz zuvor glühend verteidigt hatte, ab und rief im Namen einer Revolutionären Arbeiter- und Bauernregierung die Sowjetarmee zu einer zweiten Intervention auf. Die revolutionären Kämpfe dauerten mehr als eine Woche an und forderten mindestens 20.000 Tote. Obwohl die Regierung Kádár kurzfristig zur Beruhigung der Lage die Arbeiter/innen/räte anerkannte und sich mit ihnen zu verbinden suchte, wurde ab der zweiten Novemberhälfte die Rätebewegung systematisch unterminiert: Verbot der Versammlung des Nationalen Arbeiterrates, Auflösung der revolutionären Komitees. Die Massenverhaftungen von Mitgliedern der Arbeiter/innen/räte besiegelten die Niederlage des Proletariats, dessen Symbolfigur Nagy unter Bruch von Versprechungen aus der jugoslawischen Botschaft gelockt, in die er und einige seiner Vertrauten nach der Niederlage geflüchtet waren, nach Rumänien verbracht und dort schließlich gehenkt wurde.

Die ungarische Revolution von 1956 zeigte mit aller Klarheit die Grenzen einer Massenerhebung gegen den Stalinismus, die Grenzen einer Erhebung ohne eine umsichtige und zum Äußersten entschlossene revolutionäre Führung. Denn eine solche hatte der ungarischen Revolution 1956 gefehlt. Räte waren zwar spontan von der Arbeiter/innen/klasse gebildet worden. Sie hatte damit bewiesen, dass selbst die stalinistische Herrschaft die revolutionäre Tradition nicht völlig zum Verschwinden bringen konnte. Aber diese Räte waren nicht koordiniert und nicht in der Lage, die Macht im Staat völlig in ihre Hand zu bekommen. Sie waren dazu verurteilt (bzw. beschränkten ihre Funktion selbst in dieser Richtung), auf die Regierung Nagy Druck auszuüben, was zwar zur Verwirklichung vieler ihrer Forderungen führte (bzw. zur Ankündigung dieser Verwirklichung durch die Regierung), aber am insgesamt schwankenden Charakter der Regierung nichts änderte. Die Illusionen in einen „ehrlichen“ reformierten Stalinismus waren zu groß. Die Räte versäumten es daher auch, dem „National-Stalinismus“ sowie den kleinbürgerlichen Parteien eine geschlossene Rätebewegung entgegenzustellen, die schwankende Nagy-Regierung abzulösen und bewusst die Arbeiter- und Bauernmacht zu errichten. Weiters fehlten konsequente Versuche, die nationale Isolierung Ungarns zu durchbrechen und das Proletariat der kapitalistischen Länder, aber auch der anderen degenerierten Arbeiter/innen/staaten zur aktiven Solidarität zu bewegen. Doch auch hier verhinderten die Illusionen in einen eigenständigen „ungari­schen Weg zum Sozialismus" solche Schritte. So war zwar passive Solidarität vorhanden, aber eben nicht mehr.

Die Tragik der ungarischen Revolution liegt darin, dass die kämpfenden Massen zwar imstande waren, von sich aus den Stalinismus zu stürzen, nicht aber dazu, bewusst die Macht in ihre eigenen Hände zu nehmen – der Zustand der Doppelherrschaft (hier die Arbeiter/innen/klasse, dort die Sowjetbürokratie mit ihrer Armee) konnte nicht überwunden werden. Diese Erfahrung beweist auch, dass selbst der größte Heldenmut – und diesen haben die ungarischen Kämpfer/innen wohl tausendfach bewiesen – ­allein nicht genügt, sondern erst in Verbindung mit einer revolutionären Partei zum Sieg führen kann. Es wäre deren Aufgabe gewesen, an den aus den Massen selbst kommen­den Forderungen anzusetzen und sie mit einem System von Übergangsforderungen zu verbinden. Die Arbeiter/innen waren zwar bewaffnet, aber es fehlte eine Koordination, ein Zusammenschluss der zum Kampf entschlossenen Einheiten, die Frage der Arbeiter/innen/miliz hatte also einen äußerst zugespitz­ten Ausdruck erreicht. Die Arbeiter/innen/kontrolle über die Produktion und über den Wirtschaftsplan, die Losung einer auf Räte gestützte und diesen verantwortliche Arbeiter/innen/- und Bauernregierung, eine bewusste politische Ar­beit in der Roten Armee – all diese Fragen standen un­gelöst im Mittelpunkt der ungarischen Revolution!

Obwohl auch rechte Strömungen und restaurative Tendenzen in den entscheidenden Tagen an die Oberfläche gespült wurden – durchaus nichts Neues in revolutionären Prozessen –, war der Aufstand von 1956 doch eine in der Grundtendenz von der Arbeiter/innen/klasse und ihren Organisationsformen geprägte politische Revolution gegen die herrschende Bürokratie. Alle Verleumdungen, die von stalinistischer Seite über die ungarischen Revolutionärinnen und Revolutionäre ausgegossen wurden, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier das Proletariat seine Kraft gezeigt hatte.

Es ist das Verdienst von Pierre Broué, eines der bedeutendsten marxistischen Historiker, diese Zusammenhänge aufgezeigt und mit seiner 1976 zum ersten Mal in deutscher Sprache erschienenen Arbeit zur „ungarischen Revolution der Arbeiterräte von 1956“ gezeigt zu haben, dass es sich damals nicht – wie von den Stalinist/inn/en behauptet – um einen konterrevolutionären Putschversuch gehandelt hatte, sondern um einen Aufstand, der von der Selbsttätigkeit des Proletariats getragen worden war.

Die österreichische Internationale Kommunistische Liga hatte, ohne den Namen Broué zu nennen, bereits 1976 – zum 20. Jahrestag der ungarischen Revolution – die vorliegende Arbeit wieder herausgegeben; aber natürlich ist „Ungarn 1956: Stalinismus oder Sozialismus“ kaum mehr erhältlich. Wir freuen uns deshalb ganz besonders, zum 50. Jahrestag der ungarischen Revolution Broués Arbeit wieder neu auflegen zu können. Unter Verwendung der IKL-Broschüre wurde die Arbeit von Heinz Hackelberg (Berlin) neu übersetzt. Eine von Stefan Neumayer verfasste Biografie des 2005 verstorbenen Pierre Broué ergänzt diese Ausgabe.

Natürlich teilen wir nicht alle von Broué vertretenen Einschätzungen. So ist bereits in diesem kurzen Vorwort klar geworden, dass wir nicht davon ausgehen, dass Nagy und die anderen Führer des ungarischen Aufstandes mit dem Stalinismus bereits in dem Augenblick gebrochen hatten, als sie eine vom Kreml unabhängigere Politik anstrebten. Auch mangelt seine Darstellung an einer Kritik der in der Revolution vorhandenen Elemente von ungarischen Nationalismus (wo etwa die Ersetzung der „der dem ungarischen Volk vollkommen fremden Symbole“ durch die alten Symbolen von Kossuth“ gefordert wird). Broués Deutung der Räte als „unbewusst trotzkistisch“ bedarf einer gewissen Beugung ihrer Positionen (und auch der Trotzkis), auch insistiert er unserer Meinung nach zu wenig darauf, dass die Revolution auch deswegen scheiterte, weil eine geeignete Führung, also eine revolutionäre Partei, fehlte. Aber die Arbeit von Broué ist ein auch heute noch lesenswertes Dokument zur ungarischen Revolution, deren Andenken wir wohl am besten durch diese Neuherausgabe ehren.

Auf unserer website befindet sich außerdem eine „Kurze Geschichte der ungarischen Arbeiter/inn/enbewegung “:

 

Inhalt:

 Pierre Broué – eine Kurzbiographie (Stefan Neumayer)

Die ungarische Revolution und die Arbeiterräte (Pierre Broué)
I. Revolution in Budapest
II. Freiheitskämpfer und Arbeiterräte
III. Die Tage der Unabhängigkeit
IV. Die Doppelmacht
V. Die Niederlage
VI. Die Revolution in den Volksdemokratien
VII. Die Lehren der ungarischen Revolution
Anmerkungen

Index der hauptsächlich aufgeführten Namen
Zeittafel 1956


Oktober 2006, 48 Seiten A4,2 Euro (plus Versandkosten)
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