Harald Berger* ist seit 7 Jahren Sanitäter bei der sozialdemokratischen Rettungsorganisation Arbeiter-Samariter-Bund (ASB). Wir haben mit ihm über seine Arbeitssituation gesprochen.

Kannst Du uns zu Beginn allgemein etwas über Deine Arbeitssituation erzählen?

Die Gehaltssituation ist insgesamt nicht rosig. NeuanfängerInnen bekommen gerade 1100 Euro netto. Gleichzeitig ist die Verantwortung groß, wir fahren mit großer Geschwindigkeit durch die Stadt, Unfälle sind häufig, die FahrerInnen haben Verantwortung für Wagenpersonal und PatientInnen. Erst mit Nacht- und Feiertagsdiensten kommt ein halbwegs erträgliches Gehalt zustande. Adäquate Bezahlung sieht aber anders aus. Der Stress ist groß. Für die KollegInnen, die Krankentransporte machen, gibt es bis zu 15 Transporte am Tag. Es gibt Schichten bis zu 12 Stunden mit gerade 30 Minuten Pause, die es dann oft real auch nicht gibt, etwa bei der Rettung oder am Notarztwagen. Der Einsatz an sich ist aber schon oft Stress genug. Es passieren belastende Dinge, sterbende Kinder etwa oder besondere Schicksale, beispielsweise eine Mutter, die stirbt, während ihr Kind daneben steht. Für uns gibt es aber keine Supervision, es wird danach weiter gearbeitet, als wäre es ein normaler Dienst.

Das Transportaufkommen steigt immer mehr an. 2001 hatten wir rund 150 hauptamtliche FahrdienstmitarbeiterInnen, im Schnitt gab es 600 – 650 Transporte am Tag. Heute gibt es Spitzen bis zu 900 Transporten am Tag, der Personalstand ist mit 160 KollegInnen aber kaum gestiegen. Die Arbeit ist auch sehr anstrengend, wenn etwa PatientInnen aus dem 5. Stock abgeholt werden müssen. Vorgesehen ist aber gerade eine Pause von 30-Minuten-Pause pro Schicht.

Es gibt eine Debatte über die Kollektivverträge für SanitäterInnen. Kannst Du darüber mehr erzählen?

Es gibt vier große Organisationen in Wien, das Rote Kreuz, die katholischen Malteser, die evangelischen Johanniter und den ASB. Das Rote Kreuz hat einen sehr schlechten Kollektivvertrag, deren KollegInnen verdienen mit Kollektivvertrag (KV) ca. 5% weniger als wir beim ASB ohne KV. Die Geschäftsführung des ASB versucht nun, uns diesen KV ebenfalls auf´s Aug´ zu drücken. Der Großteil der KollegInnen weiß von dieser Situation aber gar nichts, daher gibt es auch kaum Unmut darüber. Ein KV wäre aber sehr wichtig. Ein Teil der KollegInnen wird als Angestellte geführt, ein Teil als ArbeiterInnen. Sie machen genau das Gleiche, aber verdienen unterschiedlich. Zusätzlich stellt die Firma immer mehr geringfügig Beschäftigte an, hier gibt es berechtigte Ängste, dass diese immer mehr Arbeiten übernehmen, weil sie billiger sind. Gleichzeitig sind sie aber auch weit schlechter ausgebildet.

Der Arbeiter-Samariter-Bund ist eine Organisation, die der Sozialdemokratie nahe steht. Hat das positive Auswirkungen auf die Arbeitssituation?

(Lacht auf). Das Lachen ist mehr die pure Verzweiflung. Die Bedingungen sind extrem, wir sind unterbezahlt, der Umgang mit KollegInnen ist unglaublich. Wer ehrlich ist, seine Arbeit macht und seinen Weg geht, hat keine Chance, weiterzukommen. Wer, wie unser Betriebsratsobmann in jedem Mastdarm steckt, der kommt weiter. Es gibt eine unglaubliche Packelei und „Freunderlwirtschaft“, insofern ist es wohl typisch sozialdemokratisch.

Was wären Deiner Meinung nach die wichtigsten Verbesserungen für die Belegschaft?

Bessere Bezahlung; bezahlte Supervision während der Arbeitszeit; mehr Personal; mehr Information in der Bevölkerung darüber, wofür die Rettung da ist, oft rufen PatientInnen an, die eigentlich keine Rettung bräuchten; die Packelei von Betriebsrat und Geschäftsleitung beenden; Arbeitszeitverkürzung.

Wie ist Euer Betriebsrat zusammengesetzt und was tut er?

Der Betriebsrat ist sozialdemokratisch. Der Betriebsratsobmann hat es sich mit der Geschäftsleitung gerichtet und ist auf deren Linie, deshalb ist von dort nichts zu erwarten. Immer, wenn es Verschlechterungen gibt, werden der Geschäftsleitung Fristen gesetzt. Genau das Gleiche im Falle des Kollektivvertrags. Es werden Fristen gesetzt, aber wenn sie nicht eingehalten werden, passiert nichts. KollegInnen im Betriebsrat, die eine kritische Linie vertreten, werden unter Druck gesetzt oder sogar versetzt.

Wie siehst Du die Situation von Frauen, die im Rettungswesen arbeiten? Warum arbeiten in Eurem Bereich weit weniger Frauen als Männer?

Der gesamte Bereich, gerade der Fahrdienst, war sehr lange männerdominiert. Langsam gibt es einige Kolleginnen, die aber noch meist Freiwillige sind, Hauptamtliche lassen sich an einer Hand abzählen. Sexismus ist ein starkes Thema, wenn eine neue Kollegin kommt, gibt es skeptische Blicke und sexistische Bemerkungen. Die Fähigkeiten der Kolleginnen werden angezweifelt, als Frau musst Du Dich besonders beweisen. Du hast zwei Möglichkeiten: entweder gehst Du Deinen Weg und bleibst alleine oder Du passt Dich diesem „tiefen Schmäh“ an.

Wie sieht es bei euch mit migrantischen KollegInnen aus?

Da ist die Situation ähnlich. Ein türkischer Kollege wird nur Kebab genannt, ein schwarzer Kollege hat selbst vorgeschlagen, BEN (Betriebseigener Neger) genannt zu werden. Sie spielen mit, um nicht isoliert zu werden. Sexismus und Rassismus sind insgesamt im Rettungswesen weit verbreitet, nicht nur beim ASB. Im Widerstand gegen solches Verhalten resignieren die meisten leider sehr bald. Es gibt eine Reihe von KollegInnen, denen das auch aufstößt, aber das Thema wird eher totgeschwiegen.

Wie ist das politische Bewusstsein in der Belegschaft?

Leider kaum vorhanden. Die KollegInnen fühlen sich von der Politik verraten, es gibt wenig Debatten und viel Frustration. Es gibt eine aufgeschlossene Minderheit von KollegInnen, mit denen ich diskutieren kann, aber es sind leider nur wenige.

Wie siehst Du selbst Dich politisch?

Ich bezeichne mich als Marxisten und Trotzkisten, der eine Zeitlang frustriert war. Aber jetzt, auch durch meine Arbeitssituation, kribbelt es wieder und ich versuche auch, mit KollegInnen zu diskutieren. Ich denke auch, dass es ein gewisses Verständnis für diese Ideen gibt, aber eine große Skepsis, ob es möglich ist, etwas zu verändern.

Was willst Du unseren LeserInnen abschließend sagen?

Die Menschen müssten ihre politische Lethargie beenden, anfangen, Ungerechtigkeiten zu bekämpfen und die Packeleien in den Führungsetagen aufsprengen. Wenn mehrere Leute aufstehen würden, dann würde sich auch etwas tun und wir könnten gerechte Bedingungen für alle schaffen!

Wir danken Dir für das Gespräch!

* Name von der Redaktion geändert.

Facebook