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Die globale Nahrungsmittelkrise Drucken E-Mail
Montag, 16 Juni 2008
Über 850 Mio. Menschen leiden weltweit an Unterernährung und das nicht, weil zu wenig Nahrung produziert wird, sondern weil diese Menschen keinen Zugang dazu haben. Die Explosion der Lebensmittelpreise während der letzten Monate hat diese Situation weiter zugespitzt. Die Preise wichtiger Grundnahrungsmittel wie Weizen, Mais und Reis haben sich seit Jahresbeginn alle mehr als verdoppelt - die Anzahl jener, die sich die zum Überleben notwendige Nahrung nicht mehr leisten konnten, stieg entsprechend. Wie verzweifelt die Lage vieler Menschen geworden ist, hat sich vor allem in der Verbreitung und Intensität der durch die steigenden Lebensmittelpreise angetriebenen Proteste gezeigt. Während vor der Gefährdung politischer Stabilität durch das Vorgehen der wütenden Massen gewarnt wurde, wurde in Haiti schon die erste Regierung zum Rücktritt gezwungen.

Am 5. Juni ging in Rom der Welternährungsgipfel der Organisation für Ernährung und Landwirtschaft der Vereinten Nationen (Food and Agriculture Organization of the United Nations - FAO) zu Ende. Der rasante Anstieg der Lebensmittelpreise, die damit verbundenen Massen an "Neuhungrigen" und die wütenden Proteste in vielen imperialisierten Ländern hatten zumindest dazu geführt, dass hochrangige VertreterInnen (1) der UN-Mitgliedsstaaten zumindest von einer "Krise" sprachen, in der es "dringenden Handlungsbedarf" gebe (High-Level Conference on World Food Security 2008). Die Forderungen nach Spenden an die vom Hunger besonders betroffenen Länder und nach einer zweiten grünen Revolution sowie die Unfähigkeit, eine kritische gemeinsame Position zur Agrosprit-Frage zu entwickeln, machen jedoch fragwürdig, ob es in Rom auch nur die geringste Bereitschaft gab, eine Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Dimensionen dieser Krise zu unternehmen.

Die Entwicklung der Lebensmittelpreise in den letzten Monaten und die damit verbundenen Ernährungsengpässe und Hunger-Revolten sind die greifbarsten Manifestierungen der gegenwärtigen Krisensituation. In der folgenden Analyse der Gründe für diese Entwicklung zeigt sich, dass die Forderungen der TeilnehmerInnen am Welternährungsgipfel bestenfalls zu oberflächlichen Verbesserungen in der Ernährungssituation führen können, schlimmstenfalls die jetzigen Probleme sogar noch weiter verschärfen werden. Die vor allem auch medial verbreiteten Mythen, nach denen es Konsumniveau und Größe der Weltbevölkerung sind, die zu der Nahrungsmittelkrise geführt haben, sind ihnen zur Rechtfertigung ihrer Politik nützlich. Tatsächlich wird global durchaus soviel Nahrung produziert, dass kein Mensch Hunger leiden müsste. Allen voran die Bretton-Woods- Institutionen, also Weltbank und Internationaler Währungsfonds, sorgen jedoch für Rahmenbedingungen, die letzten Endes verhindern, dass Lebensmittel dort zur Verfügung stehen, wo sie benötigt werden. Diese Einschätzung fristet längst nicht mehr ein radikal-linkes Nischendasein, sondern findet Resonanz in den wütenden Protesten der hungerleidenden Bevölkerung und in der Wirtschaftspolitik einiger betroffener Staaten.

Der rasante Anstieg der Lebensmittelpreise

Der Preis von Weizen stieg am Weltmarkt zwischen Januar 2007 und Januar 2008 um 77%, der Preis von Reis und Mais um ca. 15%. Schon allein diese Entwicklung gehört zu den drastischsten Anstiegen von Nahrungsmittelpreisen, die es je gegeben hat. Was die Medien als "Explosion der Lebensmittelpreise" beschrieben, folgte jedoch erst zu Beginn des Jahres 2008. Zwischen Januar und April stieg der Preis von Reis nochmals um nahezu 150%. Der Preis von Weizen lag zwischenzeitlich um 130% und der von Mais um 120% über dem Januar-Wert. Während sich die bürgerlichen Medien mehr oder minder ausführlich diesem rasanten Anstieg der Nahrungsmittelpreise am Weltmarkt gewidmet haben, ist der Frage nach den Auswirkungen dieser Preisanstiege nur sehr oberflächlich nachgegangen worden. Die FAO klassifiziert Länder, die sich sowohl durch ein niedriges Volkseinkommen auszeichnen als auch zur Sicherstellung der Ernährung ihrer Bevölkerung auf Importe angewiesen sind, als "low-income, food-deficit countries" (LIFDC)[2]. Diese Länder sind also darauf angewiesen, Nahrungsmittel zu Weltmarktpreisen zu kaufen. Bis Ende 2008 werden die LIFDC voraussichtlich Getreide im Wert von 33 Mrd. US$ importieren müssen - das entspräche einem Anstieg von 35% gegenüber dem Vorjahr (FAO 2008).

Diese Importabhängigkeit führt dazu, dass sich die hohen Preise am Weltmarkt in vielen Ländern auch auf dramatische Weise in den lokalen Märkten bemerkbar machen. In Pakistan beispielsweise stieg zwischen Januar 2007 und April 2008 der Preis für ein Kilogramm Reis von 0,50$ auf 1,00$ und verdoppelte sich somit. In Bangladesh stieg der Reis-Preis innerhalb von einer einzigen Woche (der letzten Dezemberwoche 2007) um 0,11$ von 0,34$/kg auf 0,45$/kg. Was diese Preisanstiege im Cent-Bereich bedeuten, wird erst im Kontext dessen deutlich, dass in Pakistan den Statistiken der Weltbank zufolge 13,5% der Bevölkerung von weniger als einem US$ pro Tag leben, während es in Bangladesh sogar 41,3% sind.

Aber nicht nur imperialisierte Ländern trafen die Folgen der Lebensmittelkrise, auch in imperialistischen Ländern kam es zu deutlichen Preissteigerungen, die zu erheblicher Unzufriedenheit in der Bevölkerung und in einigen Ländern bereits zu sozialen Konflikten geführt hat. Die USA kämpften mit einer Reisknappheit, und einige große Supermarktketten rationierten sogar seinen Verkauf auf vier Reissäcke pro EinkäuferIn.

Die wütenden Forderungen nach Nahrung

Die oben beschriebenen Preisentwicklungen haben natürlich auch soziale Konsequenzen. Diese Auswirkungen sind unterschiedlich drastisch und hängen auch von der generellen Einkommenssituation sowie von sozialen Sicherungssystemen ab. Weltweit gibt es nach wie vor 2,6 Mio. Menschen, die von weniger als 2 US$ pro Tag leben und 60-80% ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben müssen. Diese Menschen trifft es am härtesten, und es ist nicht verwunderlich, dass es besonders unter ihnen zu Hungerrevolten, Aufständen, Streiks und wütenden Protesten kommt.

Mittlerweile sind 25 Länder vorwiegend Asiens und Afrikas zu nennen, die als unmittelbare Folge der Nahrungsmittelkrise Ausschreitungen zu verzeichnen haben. Exemplarisch soll hier das Beispiel von Haiti beschrieben werden. Die Bilder von verarmten, "mud-cookies" [3] essenden Kindern geisterten durch diverse Medien. Ein alternatives Bild zeichnete sich im April dieses Jahres ab, als die Wut und Verzweiflung vieler HaitianerInnen soweit führten, dass sie ihre Regierung nach tagelangen Protesten stürzten. Tagelang wurde der Verkehr lahm gelegt, indem Straßenblockaden errichtet wurden. Geschäfte, die Lebensmittel zu überteuerten Preisen verkauften, wurden genauso wie einige Reistransporter kollektiv geplündert und die Nahrung unter den DemonstrantInnen verteilt. Die Verleumdungsversuche der Medien und des haitischen Premiers Alexis, dass es sich bei den Protestierenden nur um Gangster und Drogendealer handelte, wurden schnell entlarvt. Die Rolle von Militär, Polizei, aber auch von den auf Haiti stationierten UN-Truppen (die aus kürzester Distanz Tränengasgranaten auf die Protestierenden schossen) als Handlanger der herrschenden Klasse wurde schnell deutlich. Bei Kämpfen gegen die hungernde Zivilbevölkerung kam es zu mehreren Toten und Verletzten. Doch schlussendlich wurde die Regierung Alexis gestürzt.

Ähnliche Szenen trugen sich auch in anderen Ländern zu, oft spielten dabei Gewerkschaften und Streiks als Kampfmittel eine bedeutende Rolle. Insgesamt wurde die politische Sprengkraft der gegenwärtigen Nahrungsmittelkrise deutlich. Die mit diesen Protesten verbundenen politischen Forderungen bewegten sich zumeist in einem Rahmen, der auf die unmittelbare Reduktion der Preise abzielte.

Die Ursachen der Nahrungsmittelkrise

Um zu verstehen, wie es zu der gegenwärtigen Nahrungsmittelkrise gekommen ist, ist es unumgänglich, die Faktoren, die zu dieser drastischen Preisentwicklung führten, zu analysieren.

Globale Zuwächse in der Produktion, lokale Ausfälle

Als Grund für die Preisentwicklungen werden oft Missernten in wichtigen Getreide produzierenden Ländern genannt. In diesem Kontext kursieren vor allem die Zahlen von den Ernteausfällen in Australien nach einer 6 Jahre andauernden Dürre, die die Weizen- und vor allem Reiserträge einbrechen ließ. Aber auch in Bangladesh kam es zu Ernteverlusten infolge eines Zyklon und in anderen Teilen des Landes nach Dürreperioden. Teilweise wird bereits argumentiert, dass diese Extremwetterereignisse erste drastische Auswirkungen des globalen Klimawandels seien. Wissenschaftlich gesehen ist dieser Zusammenhang jedoch nicht eindeutig herstellbar. Jedoch lässt sich feststellen, dass die Häufigkeit solcher Extremwetterereignisse seit einigen Jahren signifikant ansteigt. Es ist weiters festzuhalten, dass diese Hitzewellen, Stürme, Dürren, Taifune, Hagelschäden, Überflutungen, Zyklone etc. zum einen verstärkt in imperialisierten Länden auftreten und zum anderen auch dort aufgrund ökonomischer Gründe nicht durch Adaptierungsmaßnahmen gemildert werden können.

Bei globaler Betrachtung ist aber leicht festzustellen, dass die Ernteausfälle eine untergeordnete Rolle spielen. Sowohl absolut, wie auch pro Kopf steigt die Menge an weltweit produziertem Getreide an. Global wuchs die Getreideproduktion zwischen 2006 und 2007 um 4,6% an. Doch sehen wir uns die Zuwachsraten genauer an. Laut FAO stieg in so genannten "entwickelten Ländern" die Getreideproduktion um satte 7,8%, während in so genannten "Entwicklungsländern" die Produktion nur um 2,2% stieg. Die oben ebenfalls schon genannten "low-income food-deficite contries" wiesen sogar nur ein Wachstum von 0,2% auf. Und rechnet man China und Indien nicht mit, schrumpfte in diesen Ländern die Getreideproduktion zwischen 2006 und 2007 sogar um 2,2%. In diesem Kontext wirkt ebenfalls das weitaus stärkere Bevölkerungswachstum in diesen Ländern, was dazu führt, dass die verfügbare Nahrung pro Kopf noch deutlicher abnimmt.

Die erdölabhängige Landwirtschaft

Ein weiterer Grund für die gestiegenen Nahrungsmittelpreise ist im Preisanstieg von Erdöl zu finden. Der Grund liegt in der Art und Weise, wie heute landwirtschaftlich produziert wird. War in vorindustriellen Zeiten die Landwirtschaft ein wichtiger Energielieferant, hat sich die Situation mit der Verfügbarkeit von billigem, leicht zu transportierenden fossilen Brennstoffen grundlegend geändert. Die heutige Landwirtschaft ist von fossilen Energieträgern abhängig. Sowohl die Produktion von Düngemitteln als auch von Pestiziden basiert auf Erdöl. Immer größer und effektiver werdende landwirtschaftliche Maschinen verbrauchen Sprit, genauso wie der Transport von landwirtschaftlichen Erzeugnissen ölabhängig ist. Durch den massiven Einsatz fossiler Energieträger liegt die gewonnene im Vergleich zur eingesetzten Energie in moderner, industrialisierter Landwirtschaft bei ca. 1:1[4]. Was aber für den konkreten Fall der Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln noch viel wichtiger ist: Ca. 80% der Anbaukosten entstehen aus den Kosten von fossilen Energieträgern. Und wenn deren Preis im Steigen begriffen ist, ist es nicht verwunderlich, dass auch der Preis der Nahrungsmittel steigt.

Agrosprit - the Artist Formerly Known as Biokraftstoff

Derzeit werden vor allem Agroethanol und Agrodiesel[5] als Agrotreibstoffe eingesetzt. Für die Herstellung von Agroethanol und Agrodiesel werden ausschließlich nachwachsende Kohlenstoffträger, also Biomasse, verwendet - für Agrarethanol vorwiegend Mais, Getreide, Zuckerrohr bzw. Kartoffeln, für Agrodiesel Raps-, Sonnenblumen- und Palmöl. Im Kontext steigender Ölpreise wird der Einsatz von erneuerbaren Energieträgern auch für InvestorInnen finanziell zunehmend interessant. Dabei dürfen die staatlichen Förderungsmaßnahmen nicht vergessen werden, die alternative Energieträger wie Agrosprit zu einem profitablen Geschäft machen.

Die Kritik an der Verwendung von Agrotreibstoff ist jedoch weitreichend. Beginnen wir bei einem Beispiel, das die Beschränktheit des Agrospritkonzepts aufgrund der Begrenztheit von Anbauflächen deutlich macht. Die USA ist die weltweite Vorreiterin in Bezug auf die Produktion von Agrosprit. Ca. 80% des weltweit produzierten Agrospirts kommt aus den USA. Im Jahr 2005 wurden 14,3% der Maisernte für Agrotreibstoff verwendet. Der Anteil des daraus produzierten Agroethanols machte lediglich 1,7% des Gesamtbenzinbedarfs der USA aus. Zusätzlich wurden 1,5% der Sojabohnenernte zur Herstellung von Agrodiesel verwendet. Der Anteil des daraus produzierten Agroethanols belief sich auf 0,1% des Verbrauchs an Diesel in den USA. Und selbst wenn die gesamte Mais- und Sojaernte ausschließlich zur Erzeugung von Agrotreibstoffen genützt worden wäre, entspräche dies nur 12% bzw. 6% des US-Bedarfs an Benzin und Diesel [6]. Dabei sind jedoch nicht die fossilen Energieträger eingerechnet, die auch in der Herstellung von diesen Argotreibstoffen benötigen würde. Ein weiterer massiver Kritikpunkt liegt auch in der CO2-Bilanz bei der Herstellung selbst. Nach einer neuen Studie von Crutzen et al. (2008) wird in beträchtlichen Mengen Stickstoffmonoxyd (Lachgas - N2O) während dem Anbau frei. Dieses wirkt ca. 200-mal stärker auf das Klima ein als als CO2. Aber die Kritik, die in der Debatte um die Nahrungsmittelkrise am wichtigsten ist, lautet folgendermaßen: Fruchtbarer Boden ist eine begrenzte Ressource. Somit steht die Produktion von Agrotreibstoff in direkter Konkurrenz zu der Produktion von Nahrungsmitteln. Für die Produktion einer Tankfüllung Agrosprit ist soviel Getreide nötig, wie ein Mensch zur Ernährung in einem Jahr braucht. Nachdem die sozialen und bio-chemischen Konsequenzen von "Bio-sprit" erforscht wurden, ist auch die wunderhübsch grün und sauber anmutende Vorsilbe Bio nicht mehr sinnvoll.

Die "EU-Biospritstrategie" von April 2007 setzte ein verbindliches Mindestziel in der Höhe von 10% für den Anteil von Biokraftstoffen am gesamten Benzin- und Dieselverbrauch in der EU bis 2020. Mittlerweile haben sich schon einige offizielle EU-PolitikerInnen zu Wort gemeldet und dieses Ziel in Frage gestellt. Trotzdem hält die österreichische Politik an diesem Ziel fest und will es absurder Weise sogar schon bis 2010 erreichen.

Die globalisierte Landwirtschaft

Welchen Pfad die EU oder andere große GetreideproduzentInnen in ihrer landwirtschaftlichen Produktion einschlagen und vor allem auch, welche Strategie sie in der Agrosprit-Herstellung verfolgen, hat globale Auswirkungen. Die Konzentration der Nahrungsmittelproduktion in einigen wenigen Staaten stellt im Hinblick auf die Versorgungssicherheit weiter Teile der Weltbevölkerung ein erhebliches Problem dar. Beispielsweise finden derzeit 50 % des globalen Weizenanbaus in Argentinien, Australien, Kanada, der EU und den USA statt.. Die skizzierten Ernterückgänge im Agrarjahr 2006/2007 sowie wirtschaftspolitische Maßnahmen, die von einigen produzierenden Staaten zur Sicherstellung der heimischen Versorgung ergriffen wurden[7], führten dazu, dass alle diese 6 Länder weniger Weizen exportierten als im Vorjahr.

Während dieser Einbruch der Exporte die steigenden Preise weiter antrieb, tauchten parallel positive Meldungen zum globalen Anstieg landwirtschaftlicher Produktion auf. Diese wird zwar - wenn erneute Ernte-Einbrüche ausbleiben - reichen, um den steigenden Bedarf nach landwirtschaftlichen Erzeugnissen abzudecken, nicht aber, um sinkende Vorräte aufzustocken.

Weniger Vorrat und mehr Spekulation

Gerade bei landwirtschaftlichen Gütern, deren Produktion hochgradig äußeren "Stör-Faktoren" (allen voran dem Wetter, aber auch z.B. den Auswirkungen von Konflikten und damit verbundener Migration) ausgesetzt ist, ist die Vorrats-Haltung, die eben das Überbrücken von Phasen schlechterer Ernte ermöglichen kann, von besonderer Wichtigkeit. Da seit 2005 auf globaler Ebene die jährlich genutzte Menge von Getreide die produzierte Menge übersteigt, sinken die Vorräte. Insgesamt lagen sie weltweit Anfang des Jahres bei 405 Mio. Tonnen und somit auf dem niedrigsten Niveau seit 1982. Die Weizenvorräte der USA waren in den letzten 60 Jahren nie so gering wie 2008. Die 27 Mitgliedsstaaten der EU haben jetzt geringere Vorräte, als das bis 2004 mit nur 15 Ländern in der EU je der Fall war (FAO 2008).

Die Weltbank prognostiziert, dass sich die Preise noch bis 2015 auf einem Niveau über den 2004er-Werten bewegen werden. Gleichzeitig gehen die Vorräte zurück. Diese Ausgangslage ruft SpekulantInnen auf den Plan, die hohe Profite erwarten. Gleichzeitig lockt die Möglichkeit, dass die Preise bei einem ‚kleinem Zwischenfall', wie z.B. einem größeren Ernteausfall, nochmals in die Höhe schießen. Die Immobilienkrise in den USA treibt die Suche nach neuen Anlagemöglichkeiten an. Seit der ersten Hälfte 2007 sinken die Immobilienpreise. Der Sektor birgt gleichzeitig durch die hohe Kreditbelastung der Immobilien ein Anlagerisiko.

An den Börsen werden landwirtschaftliche Güter vor allem als sogenannte "Futures" gehandelt. Dabei handelt es sich um Verträge auf eine zukünftige Auslieferung von Produkten, die im Falle der Landwirtschaft auf Getreide geschlossen werden können, das es erst noch zu ernten gilt. Anhand der Daten der Chicagoer Börse lässt sich bereits seit Mitte 2006 ein Anstieg im Volumen gehandelter Weizen- und Mais-Futures ausmachen. Seit sich das Platzen der Immobilienblase Ende 2006/Anfang 2007 abzeichnete, schnellte die Menge gehandelter Futures in diesen Getreidesorten auf ca. das Vierfache des Ausgangswertes Anfang 2000 empor (Chicago Board of Trade 2008). So gesehen haben haben diese Aktiengeschäfte auch direkte Auswirkungen auf die Preisentwicklung und so die Nahrungsmittelkrise mit voran getrieben. Während sich an den Börsen einige wenige immer mehr Profit mit landwirtschaftlichen Gütern erwirtschaften, ist Nahrung in weiten Teilen der Welt weiterhin absolute Mangelware - entweder weil schlicht und ergreifend nicht genug angebaut werden kann oder weil das, was auf den Märkten angeboten wird, für viele finanziell nicht leistbar ist.

Letztendlich zeigen die Spekulationen auf Nahrungsmittel aber bloß die grundsätzliche Absurdität der kapitalistischen Produktionsweise auf, die im Grunde genommen immer spekulativ ist. Spekuliert wird nicht nur auf der Börse, auch industrielle KapitalistInnen müssen im Vorhinein einschätzen, d.h. spekulieren, ob sie ihre fertigen Waren letztendlich auf dem Markt absetzen werden. Da die einzelnen KapitalistInnen aber untereinander konkurrieren, müssen sie gleichzeitig auch darauf spekulieren, möglichst viel von den eigenen Waren zu verkaufen, damit die anderen möglichst wenig verkaufen können. Diese Logik führt letztendlich immer wieder dazu, dass tonnenweise Lebensmittel weggeworfen werden, weil diese am Markt keinen Absatz mehr finden (was nicht heißt, dass es dafür keinen Bedarf gäbe). Denn ob die Herstellung eines Produkts "sinnvoll" ist, zeigt sich im Kapitalismus schließlich immer erst im Nachhinein.

Armutsbekämpfung a la Bretton Woods

Weltbank und Internationaler Währungsfonds (International Monetary Fund - IMF) geben vor, gegen die Armut vorzugehen. In den "Strategie-Papiere zur Armutsbekämpfung" (Poverty Reduction Strategy Papers - PRSP) dürfen die Staaten jetzt selber festhalten, was ihnen bis 2002 unter dem Namen Strukturanpassungsprogramm (Structural Adjustment Programme - SAP) auch schon auferlegt wurde. Die SAP waren nicht nur unter Globalisierungs-KritikerInnen, sondern auch innerhalb der Bretton-Woods-Institutionen in Verruf geraten. Dass hier jedoch außer einem Namenswechsel keine grundlegend neue Politik verfolgt wird, machte ein hoher Funktionär der Weltbank deutlich, als er erklärt, dass die Weltbank-Strategie zur Armutsbekämpfung ein "verbindliches Programm [umfasst], in dem diejenigen, die Geld haben, denen, die kein Geld haben, sagen, was sie tun müssen, um Geld zu kommen" (zitiert in Focus on the Global South 2000, 37).

Wie schon ihre SAP-Vorgängerinnen, sind die Strategien zur Armutsbekämpfung in der Weltbank-Logik gleichzeitig Voraussetzungen für Kredit-Bewilligungen und umfassen als Maßnahmen unter anderem das Abwerten der inländischen Währung gegenüber dem US Dollar[8], den Budget-Ausgleich (wobei aber ein Anheben von Steuersätzen als Mittel nicht in Frage kommt - die Folge sind Kürzungen der Staatsausgaben, die meist die Bereiche Gesundheit, Bildung und Sozialwesen treffen), die Privatisierung der Produktion, das Kürzen/Streichen von Unterstützung für die heimische Produktion (z.B. in Form von Preis-Kontrollen oder Subventionen) und das Aufheben von Handels-Beschränkungen. Welche Rolle die mit den Strukturanpassungsprogrammen bzw. den Armutsbekämpfungsstrategien der Weltbank verbundenen Maßnahmen im Kontext der derzeitigen Nahrungsmittelkrise spielen, lässt sich anhand des Beispiels der Entwicklungen in Haiti gut nachvollziehen.

Exkurs: Haiti

Reis ist in Haiti ein wichtiges Grundnahrungsmittel. Ende der 1980er Jahre wurde noch ausreichend Reis angebaut, um 95% des Bedarfs der EinwohnerInnen zu decken. Die heimische Produktion wurde nicht durch Subventionen, sondern vor allem durch Import-Zölle geschützt. Im Zusammenhang mit der Bewilligung eines Kredites wurde 1995 vom Internationalen Währungsfonds die Forderung gestellt, den Zoll auf Reis-Importe von 35% auf 3% herabzusetzen. Dieser Zoll war damit der niedrigste im gesamten karibischen Raum. Bis 2003 stieg die nach Haiti importierte Menge Reis um 150%, heute stammen 75% des in Haiti konsumierten Reis' aus den USA. Die Auswirkungen trafen vor allem die haitianischen Reis-AnbauerInnen: Unter ihnen sind heute die Armuts- und Unterernährungsraten unter den höchsten der gesamten Bevölkerung.

Der durchschlagende ‚Erfolg' des US-amerikanischen Reis' am haitianischen Markt ist vor allem auf seinen Preis zurückzuführen, der um etwa die Hälfte unter dem Preis des inländisch produzierten Reis' lag. Dieser ‚Konkurrenz-Vorteil' ist nicht etwa auf eine so viel effizientere Reisproduktion in den USA gegenüber Haiti zurückzuführen, sondern schlichtweg auf die Tatsache, dass die US-amerikanische Regierung die Reisproduktion stark subventioniert. 2003 waren es 1,3 Mrd. US$, mit denen der Sektor unterstützt wurde, dessen gesamte Kosten sich im gleichen Jahr auf 1,8 Mrd. US$ beliefen, d.h., dass etwas über 72% der Reisproduktionskosten von der Regierung getragen wurden (Daten nach Oxfam 2005, Angus 2008).

"Die mit Geld" führen die Regeln, die sie für "die ohne Geld" aufstellen, selber ad absurdum, wenn Subventionen in einigen, vor allem ärmeren Ländern verboten werden, um dort Absatzmärkte für hochsubventionierte Produkte aus reicheren Ländern zu sichern. 2004 bezogen die Landwirtschaftssektoren in den OECD-Ländern 30% ihrer Einkünfte aus Transfer-Zahlungen der Regierungen[9](OECD 2006). Und auch mit den Einfuhrzöllen auf landwirtschaftliche Produkte nehmen es die imperialistischen Mächte nicht ganz so ernst. Japan zum Beispiel belegt importierten Weizen mit 308%igen Zöllen, die EU hebt auf Zucker 202,7%ige Einfuhrzölle ein. Das ist die "freie" Marktwirtschaft der Kapitalismus!

Mit dem 3. Juni diesen Jahres hat die Weltbank Haiti einen nicht-rückzahlbaren Kredit in der Höhe von 15,7 Mio. US$ gewährt, mit dem die Entwicklung benachteiligter städtischer Gemeinden gefördert werden soll. Dem vorausgegangen war natürlich die im März vom IMF abgesegnete Armutsbekämpfungsstrategie des Landes. Diese sieht für den landwirtschaftlichen Sektor eine Ausdehnung der Tierproduktion und den Bau neuer Anlagen zur Produktion von Biodiesel vor (IMF 2008). Unter dem Titel "Behind the Food Price Crisis" bejubelt die Weltbank die Kreditbewilligung an Haiti, wo zukünftig dafür gesorgt werden soll, dass ohnehin schon knappe Nahrungsmittel an Tiere verfüttert oder zu Sprit verarbeitet werden. Beides ist zwar nicht finanziell, aber doch im Hinblick auf Ernährung ein reines Verlust-Geschäft. Beispielsweise lässt sich aus 1 kg Weizen 1 kg Brot machen. Wird diese selbe Menge Weizen zu Agro-Ethanol verarbeitet, kommen dabei 370 ml Treibstoff heraus. Als Futtermittel in der Tierproduktion eingesetzt reicht das kg Weizen rein rechnerisch für 140 g Rindfleisch. Wenn Getreide an Tiere verfüttert wird, geht Nährwert verloren, der im Kampf gegen Hunger dringend benötigt wird. Dass die industrialisierte Tierhaltung darüber hinaus auch hochgradig energie- und wasserintensiv ist, ist dabei noch gar nicht berücksichtigt.

Ernährungssicherheit vs. ‚freier' Markt

Das Beispiel Haiti zeigt, dass die (wirtschaftspolitischen) Strategien, die für ein Land im Hinblick auf längerfristige Versorgungssicherheit Sinn machen würden, oft in starkem Gegensatz zu denen von den Bretton-Woods-Institutionen gemachten Auflagen stehen. Ein Streifzug durch die von der gegenwärtigen Nahrungsmittelkrise am stärksten betroffenen Länder bestätigt diesen Eindruck. Exporte werden reguliert, z.B. mittels Export-Abgaben, -Mindestpreisen, Quoten oder Verboten. Die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelproduktion werden - vor allem im Hinblick auf eine gewisse Autarkie in der Ernährung - verstärkt subventioniert. Gleichzeitig werden Sozialleistungen teilweise an die steigenden Lebenshaltungskosten angepasst. Einige Länder haben, um diese Zuwendungen finanzieren zu können, Steuern auf Luxusgüter erhoben. Darüber hinaus entstehen bilaterale Preis- und Handelsabkommen zwischen Ländern, die auf diese Art und Weise die Weltmarktpreise umgehen können.

Insgesamt ergibt sich hier das Bild eines Trends, der der Ausrichtung der Strukturanpassungsprogramme bzw. mittlerweile der Armutsbekämpfungsstrategien, entgegensteht. Im April 2008 hat die Weltbank einen strategischen Leitfaden zu politischen Handlungsoptionen angesichts der Nahrungsmittelkrise herausgegeben. Hier wird betroffenen Ländern angeraten, vor allem auf Transfer-Zahlungen an die bedürftige Bevölkerung und eine Reduktion von Zöllen und Steuern zu setzen, die so entstehenden Kosten "können durchaus dazu führen, dass Kürzungen in Bereichen geringerer Priorität notwendig werden" (World Bank 2008, 5). Darüber hinaus wird im selben Dokument angekündigt, dass die Weltbank die "enge Zusammenarbeit" mit Ländern suchen werde, um zu verhindern, dass als negativ zu bewertende wirtschaftspolitische Maßnahmen (Subventionen, Zölle) ergriffen werden (ibid., 10).

Die Politik jener Länder, die, wie zuvor geschildert, bereits von der Weltbank missbilligte Instrumente einsetzen, werden die Bretton-Woods-Institutionen aller Voraussicht nach zunächst tolerieren, zumindest solange, wie diese Länder glaubhaft machen können, dass es sich nur um vorübergehende Eingriffe in die Funktionsweise des ‚freien' Marktes handelt. Auf die Dauer werden sich IWF, Weltbank und die imperialistischen Staaten solche Unbotmäßigkeiten freilich nicht ohne weiteres bieten lasse, würde damit doch anderen Staaten ein "schlechtes Beispiel" gegeben und die Autorität dieser Institutionen untergraben. Um ihre ökonomischen Interessen und ihre politische Glaubwürdigkeit zu verteidigen, können dann auch rasch wieder wirtschaftliche Sanktionen und Drangsalierungen sowie politisch-militärische Interventionen forciert werden.

Vom Abwälzen der Schuld

Den Mythos der letztlich alle Probleme lösenden Hand des ‚freien' Marktes haben sich Weltbank und IMF zum Leitbild gemacht. Von vorneherein ausgeschlossen ist aus dieser Sicht, dass es in erster Linie die Handhabung von landwirtschaftlichen Gütern als Mittel zum Profit und nicht zur Ernährung ist, die aus steigenden Preisen eine Nahrungsmittelkrise macht. Stattdessen wird die ‚Schuld' an der gegenwärtigen Misere an anderen Stellen verortet, bevorzugt bei den ärmeren Teilen der Weltbevölkerung. Im Folgenden sollen zwei auch von den bürgerlichen Medien häufig wiedergegebene Erklärungsmuster kritisch beleuchtet werden: In dem einen wird behauptet, der Anstieg der Lebensmittelpreise sei auf den wachsenden Konsum in Ländern wie China und Indien zurückzuführen. In dem anderen sei es das Wachstum der Weltbevölkerung an sich, das es unmöglich mache, die Ernährung aller zu bewerkstelligen.

Die Angst vor dem wachsenden Konsum

"McDonald's wird dieses Jahr das tausendste Schnellrestaurant in China eröffnen, die Kentucky-Fried-Chicken-Gruppe hat dort schon knapp 2500 Gaststätten. […] Immer wenn Kentucky Fried Chicken in China eröffnet […] müssen acht bis zehn private Schutzleute für Ordnung sorgen, um den Ansturm zu bewältigen", hat ein Journalist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beobachtet. Er fragt sich daraufhin folgendes: "Warum essen die Chinesen plötzlich so gerne Hühnchen und Hamburger?" Und zum Glück ist die Antwort einfach: "Es geht ihnen besser. […] Steigender Wohlstand verändert die Essgewohnheiten" (Petersdorff 2008).

Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum einiger asiatischer Staaten - allen voran China - geistern bereits seit längerem als Schreckgespenster durch westliche Medien. Da war es kein großer Schritt, auch im Kontext der gegenwärtigen Nahrungsmittelkrise zu behaupten, dass es der ‚neue Hunger' der ChinesInnen wäre, der zu globaler Verknappung und steigenden Preisen landwirtschaftlicher Güter führen würde.

"Es sind gerade die langfristigen Erfolge der Globalisierung in weiten Teilen Asiens, die eine kurzfristige Hungerkrise in anderen Teilen Asiens und Afrikas zur Folge haben. Die gestiegenen Ansprüche der vielen ehemals Armen verteuern weltweit die Nahrung zum Schaden für die immer noch Armen." (ibid.)

Neben der perversen Vorstellung der zufolge die Schuld für die immer noch existierende Armut bei den gerade-nicht-mehr Armen liegt, verkennen solche Darstellungen der Problemlage auch, dass China am Weltmarkt in erster Linie - und trotz des Runs einer zahlungskräftigen Minderheit der Bevölkerung auf US-amerikanische Fast Food Ketten-Lieferant und nicht Konsument von Lebensmitteln ist. An Reis, Weizen, Mais und Fleisch exportiert das Land mehr, als es importiert. Der durchschnittliche pro-Kopf-Konsum liegt auf einem Drittel des Niveaus der USA oder einiger europäischer Länder. Natürlich wird dieses durchschnittliche Konsumniveau in China in Zukunft weiter ansteigen - nicht so sehr auf Grund von quantitativ und qualitativ ‚besserer' Ernährung (dagegen spricht auch bereits obiges Beispiel der wachsenden Popularität von Fast Food), sondern durch ausländisches Investment auf der Suche nach immer neuen Absatzmärkten.

Die zynischen Anklagen gegen "die Chinesen" unterschlagen darüber hinaus, dass gerade die Mehrheit der chinesischen Bevölkerung besonders unter den gestiegenen Lebensmittelpreisen zu leiden hat. Während sich nur eine kleine Minderheit neureicher ChinesInnen jeden Luxus gönnen kann, klagen chinesische ArbeiterInnen und PensionistInnen momentan über enorm angestiegene Preise, etwa für Gemüse, welches im Februar 2008 in China 46% mehr kostete, als vor einem Jahr. (Schweizer Landwirtschaftlicher Informationsdienst 2008).

Darüber, was ein FAZ-Journalist bezweckt, wenn er einen Artikel über die neuen chinesischen FleischkonsumentInnen mit den Worten "Es ist, als ob die Globalisierung ihre schwächsten Kinder frisst" beendet, können wir spekulieren. Was jedoch vollkommen klar ist, ist dass es nicht die sich langsam verändernde Ernährungsweise der chinesischen Bevölkerung ist, die diese Nahrungsmittelkrise ausgelöst hat.

Die Furcht vor der Bevölkerung

Doch nicht nur dem Wandel in der Ernährungsweise in den bevölkerungsmäßig schnell wachsenden Ländern wird so die ‚Schuld in die Schuhe' geschoben, auch das Bevölkerungswachstum an und für sich wird als möglicher Auslöser der gegenwärtigen Nahrungsmittelkrise gehandhabt. Im Neo-Malthusianismus wird auf den im 18. Jahrhundert sein Unwesen treibenden britischen Pfarrer und Ökonom Thomas Malthus zurückgegriffen. Er behauptete, dass Hungerkrisen allein deshalb zustande kommen würden, weil die Bevölkerung exponentiell (1,2,4,8...) anwachse, die landwirtschaftliche Produktion aber nur linear (1,2,3,4...) und sich somit - wenn nicht das Bevölkerungswachstum reduziert werde - quasi-automatisch ein Mangel an Nahrungsmitteln einstellen würde.

Tatsächlich ist es aber so, dass der Output landwirtschaftlicher Produktion vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schneller gewachsen ist als die Bevölkerung. Die Menge an Kalorien, die bei gerechter Verteilung rechnerisch pro Person verfügbar wäre, ist im Zeitraum von 1973 bis 2003 um 17% gestiegen,[10] und das, obwohl die Weltbevölkerung im gleichen Zeitraum um 70% wuchs. Diese Wachstums-Verhältnisse führten bis 2003 dazu, dass bei einer ‚gerechten' Verteilung der verfügbaren Nahrung pro Mensch und Tag 2800 Kalorien zur Verfügung gestanden hätten[11]. Im gleichen Jahr litten weltweit 840 Mio. Menschen an Unterernährung (Diouf 2003).

Das Problem ist ganz eindeutig nicht, dass die Bevölkerung im Verhältnis zu den produzierten Mengen an Lebensmitteln ‚zu groß' ist, um sie ernähren zu können. Vielmehr haben diejenigen, die sie benötigen, keinen Zugang zu ausreichenden Nahrungsmitteln und das in den letzten Monaten immer häufiger aufgrund der steigenden Preise - die "Neuhungrigen" nennt die FAO diese Gruppe.

Warum der Rückgriff auf malthusianische Argumente unternommen wird, obwohl die Faktenlage dagegen spricht, deutete schon Bebel (1973) Ende des 19. Jahrhunderts an: "Die Furcht vor Übervölkerung tritt stets in Perioden auf, in denen der bestehende Sozialstand im Zerfall begriffen ist. Die allgemeine Unzufriedenheit, die dann entsteht, glaubt man in erster Linie dem Überfluss an Menschen und dem Mangel an Lebensmitteln und nicht der Art, wie sie gewonnen und verteilt werden, zuschreiben zu müssen."

Zukünftige Entwicklung der Nahrungsmittelkrise

Auch die TeilnehmerInnen des diesjährigen Welternährungsgipfels haben allem Anschein nach dem Überbevölkerungs-Mythos glauben geschenkt. Ihre Forderungen waren darauf ausgerichtet Produktionszuwächse zu erreichen und nicht darauf, eine andere Verteilung der bereits produzierten Nahrung zu ermöglichen. Dementsprechend wird wohl auch weiter Getreide in Form von Ethanol in Auto-Tanks wandern, das eigentlich in Form von Lebensmitteln gebraucht würde. Der US-amerikanische Landwirtschaftssekretär Ed Schafer, seines Zeichens Vertreter des Landes mit der weltweit höchsten Agro-Ethanol-Produktion der Welt, sagte in Rom, dass seinen Schätzungen zu Folge die Verarbeitung von Getreide zu Treibstoff nur zu etwa 2 bis 3% für die gegenwärtige Preisexplosion verantwortlich sei. Dass die USA in diesem Bereich angesichts der Ernährungskrise ihre derzeitige Strategie überdenken, ist also nicht zu erwarten, auch wenn das Internationale Forschungsinstitut für Ernährungspolitik (International Food Policy Research Institute - IFPRI) belegt, dass das Wachstum des Agrosprit-Sektors zu gut 30% an den derzeit steigenden Preisen beteiligt ist.

Wie sieht es nun mit den anderen Faktoren aus?

Die strukturellen Gründe, die zu dieser Krise führten, sind auch nicht im Umbruch befindlich. Trotz jahrelanger Verhandlungen sieht es nicht danach aus, als ob die EU oder die USA etwas Grundlegendes an ihrer Landwirtschaftspolitik änderten. Trotz unzähliger Lippenbekenntnisse dazu, die Subventionen im Agrarsektor zu reduzieren, halten die EU und die USA weiterhin an dieser Politik fest.

Es ist ebenfalls davon auszugehen, dass die anderen im Artikel beschriebenen Gründe für die Nahrungsmittelkrise weiter bestehen. Der Ölpreis, der ein ganz entscheidender Faktor für Preisentwicklung bei Getreide ist, steigt weiterhin und das mit zunehmender Geschwindigkeit[12]. Eine Höchstpreismeldung jagt die andere. Auch abgesehen von den Spekulationen, die diese Entwicklung mit antreiben, werden die begrenzten und immer schneller ausgebeuteten Vorräte an fossilen Energieträgern gekoppelt mit der steigenden Nachfrage unvermeidlich zu einem weiteren Preisanstieg führen.

Wie zuvor ausgeführt, wird an den Börsen jedoch nicht nur auf Öl, sondern auch auf Nahrungsmittel spekuliert. Die in diesem Sektor angelegte Summe verfünfzehnfachte sich in den letzten 10 Jahren (von ca. 10 auf ca. 150 Mrd. US$), und AnlageberaterInnen weisen ihre KundInnen verstärkt auf diese Investitionsmöglichkeit hin. Vor diesem Hintergrund und vor allem auf Grund der von z.B. Weltbank und FAO geschickt platzierten Botschaft, dass die Preise für landwirtschaftliche Produkte hoch bleiben und weiterhin steigen werden, kann davon ausgegangen werden, dass das Ausmaß an Spekulation in diesem Bereich weiter zunehmen und wiederum die Preise weiter antreiben wird.

Eine weitere Ursache, die im Artikel genannte wurde, sind die Ernteausfälle aufgrund von Extremwetterereignissen. Auch hier ist eher davon auszugehen, dass die kapitalistische Produktionsweise keine adäquaten Mittel dem globalen Klimawandel entgegensetzen wird, und das auch nicht kann. Diverse WissenschaftlerInnen beschäftigten sich damit, die katastrophalen Folgen von Ernteausfällen zu untersuchen. In einem der einflussreichsten Dokumente zum Klimawandel, dem Stern-Report, schätzt der bürgerliche Ökonom Sir Nicholas Stern, dass bei einem Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um 3°C 250 bis 550 Mio. Menschen hungerbedroht sein werden. Davon wird sich mehr als die Hälfte in Afrika und Westasien befinden, also in Regionen, in denen die Ernterückgänge am stärksten sind, die Abhängigkeit von der Landwirtschaft am höchsten und die Kaufkraft am geringsten ist (Stern 2006, S. 72). Bedenkt man all diese Trends, ist die Prognose des FAO-Vize-Direktors Müller, dass wir gerade erst am Anfang der Nahrungsmittelkrise stehen, wohl nicht von der Hand zu weisen (Spiegel Online 2008).

Generell ist festzuhalten, dass auch schon vor der Nahrungsmittelkrise Hunger weltweit die Todesursache Nr. 1 war. Ca. 100.000 Menschen starben pro Tag am Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen (Ziegler 2007). Diese Zahlen müssen wohl für die Zukunft nach oben korrigiert werden, da alle aufgezeigten Trends eines klar machen: ein baldiges Ende der Nahrungsmittelkrise ist nicht abzusehen. Es ist zwar vorstellbar, dass die herrschende Klasse dem öffentlichen Druck nachgibt und punktuell Reformen durchführt, um die katastrophalsten Auswirkungen der Nahrungsmittelkrise abzudämpfen. Eines ist aber abzusehen, die Hungerproblematik wird auch in Zukunft massenhaft Menschen betreffen. Das wird auch in Zukunft zu sozialen Spannungen, Protesten und Unruhen führen. Dass diese zu kurzfristigen Erfolgen führen können, lässt sich am Beispiel Haiti zeigen, wo die Regierung Alexis gestürzt werden konnte. Ob jedoch die neue Regierung den politischen Willen und die Möglichkeit hat, strukturelle Verbesserungen zu erwirken, muss bezweifelt werden.

Die Ursachen der Nahrungsmittelkrise sind in der kapitalistischen Logik des Profitstrebens verwurzelt. Und selbst jede neue Regierung eines kapitalistischen Staates wird weiterhin innerhalb gegebener Machtstrukturen, die sowohl von nationalstaatlichen Kräften als auch von internationalen Organisationen vorgegeben werden, agieren. Sie wird sie die Interessen des Kapitals vor allem anderen schützen. Es ist der Kampf der Menschen gegen diese Herrschaftsverhältnisse, der sich mit der Lebensmittelkrise in vielen Ländern zugespitzt hat, in dem wir uns mit ihnen solidarisieren.

Wir denken, dass diese Kämpfe umso mehr Chancen auf Erfolge haben, wenn sie über spontane Revolten hinaus gehen, sich kollektive Kampfinstrumente und Organisationen schaffen. In einigen der Länder, in denen es zuletzt Rebellionen gegen die explodierenden Lebensmittelpreise gab, haben Organisationen der ArbeiterInnenbewegung und ihre Kampfformen wie Streiks eine wichtige Rolle gespielt. Das sind unserer Meinung nach gute Ansatzpunkte. Die Gewerkschaften in den imperialistischen Zentren sollten die kämpfenden KlassengenossInnen in Ägypten, Bangladesh etc. politisch und finanziell unterstützen, vor allem aber selbst gegen die Preiserhöhungen aktiv werden (statt das System mitzuverwalten).

Die Lebensmittelkrise und der Kampf gegen die steigenden Preise haben aber auch ein antikapitalistisches Potential. Für viele Menschen wird dadurch deutlich, wie sehr sich das kapitalistische System gegen die große Mehrheit der Weltbevölkerung richtet. Schließlich lässt die derzeitige Verschärfung der Situation im Bereich der Nahrungsmittel eines für immer mehr zur wirklichen Überlebensfrage werden: Mit den Mitteln der Anarchie des Marktes und mit den Selbststeuerungskräften des kapitalistischen Systems sind die wachsenden weltweiten Ungleichgewichte nicht dauerhaft zu korrigieren. Eine demokratisch geplante Wirtschaft, die auf die Bedürfnisse der Menschen Rücksicht nimmt und die die weltweiten Disproportionalitäten effektiv bekämpft, wird buchstäblich zur Überlebensfrage für ein wachsendes Millionenheer von Hungernden und Ausgegrenzten. Auch wenn es angesichts von jährlich Hunderttausend Hungertoten zynisch klingen mag: Der Kampf für eine demokratische Planwirtschaft und eine weltweit organisierte sozialistische Gesellschaft hat durch das Unvermögen des Kapitalistismus, die anstehenden Probleme im Sinne der Milliarden Menschen zu lösen, die nicht zu den Profiteuren der imperialistischen Ausplünderung der Ressourcen dieses Planeten gehören, nur noch mehr an Aktualität gewonnen. Die Produktion von Lebensmitteln muss so wie die gesamte Umweltpolitik der Kontrolle eines kapitalistischen Systems entzogen werden, das systematisch die Interessen einer kleinen Schicht an die Stelle der historischen Interessen der großen Mehrheit der Weltbevölkerung setzt. Das ist die entscheidende Lehre, die aus der "globalen Nahrungsmittelkrise" gezogen werden kann.


Fußnoten:

[1] Von den 180 Staats- und RegierungsvertreterInnen, die am Welternährungsgipfel 2008 teilnahmen, waren 19 Frauen.
[2] Als LIFDC gelten jene Länder, deren pro-Kopf Einkommen so niedrig ist, dass sie sich für Unterstützung durch die Internationale Entwicklungsagentur (International Development Association - IDA) der Weltbank qualifizieren (derzeit weniger als ca. 1.600 US$/Kopf), und die Netto-Kalorien-Importeure sind, also nicht aus der eigenen Produktion heraus ihre Bevölkerung ernähren können. Es gibt für alle Länder die Möglichkeit, sich selbst von der Bezeichnung als LIFDC auszuschließen. Außerdem wird die Zuordnung nur dann wirksam, wenn ein Land über einen längeren Zeitraum hinweg die gegebenen Kriterien erfüllt. Derzeit werden 82 Länder als LIFDC geführt, zu ihnen gehören auch Indien und China.
[3] "Mud-cookies" werden aus Salz, Pflanzenöl und Erde hergestellt und dienen dazu, den gröbsten Hunger zu stillen.
[4] Food, Land, Population and the U.S. Economy, Executive Summary, Pimentel, David and Giampietro, Mario. Carrying Capacity Network, 11/21/1994. http://www.dieoff.com/page40.htm. Dieses Verhältnis verschlechtert sich noch weiter, wenn die Energie für Verpackung, Transport zu den Geschäften, Kühlung und Endverarbeitung miteinbezogen werden.
[5] Obwohl sich im heutigen Sprachgebrauch Agrosprit anstelle von Biosprit durchgesetzt hat, wird eigentlich kaum von Agroethanol und Agrodiesel gesprochen. Konsequenter Weise verwenden wir auch hier die Vorsilbe Agro, um auch semantisch die verwendeten Begriffe zu entzaubern und auf den realen Kern zu reduzieren.
[6] Environmental, economic, and energetic costs and benefits of biodiesel and ethanol biofuels. Jason Hill, Erik Nelson, David Tilman, Stephen Polasky, and Douglas Tiffany. Contributed by David Tilman, June 2, 2006
[7] Dürre in Australien, niedrige Ernten in Kanada und der EU, Exportbeschränkungen in Argentinien, China und Russland
[8] Diese Forderung hinderte allerdings die Weltbank nicht daran, darauf hinzuweisen, dass die Preisanstiege bei Nahrungsmitteln für viele ärmere Länder dank des schwachen Dollars kein allzu großes Problem darstellen sollten.
[9] Innerhalb der OECD-Staaten variiert diese Quote von ca. 4% in Australien über 34% in der EU bis hin zu ca. 60% in Norwegen und der Schweiz, Korea und Japan.
[10] Dieser sprunghafte Anstieg in der Nahrungsmittelproduktion im Zeitraum 1973-2003 ist vor allem auf die Effekte der "Grünen Revolution" zurückzuführen. Während die kultivierte Fläche in dieser Zeit mehr oder weniger gleich blieb, wurden neue, ertragreichere Sorten angepflanzt und die Produktion ansonsten mittels Einsatz von Dünger und Pestiziden und weiter entwickelten landwirtschaftlichen Maschinen sowie neuen Formen der Bewässerung gesteigert.
[11] Die Hochrechnungen der FAO bewegen sich hier ganz eindeutig im konservativeren Bereich jener Möglichkeiten, bereits produzierte Nahrungsmittel anders zu verteilen. Andere Schätzung gehen von 3500 Kalorien pro Person und Tag aus bzw. von der Möglichkeit, aus der derzeitigen Produktion heraus bis zu 12 Milliarden Menschen zu ernähren.
[12] Am 6. Juni 2008 ist der Ölpreis an nur einem Tag um 8% gestiegen (Welt Online 2008).



Quellen/Links

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Bebel, August (1973): Bevölkerungsfrage und Sozialismus. In: Die Frau und der Sozialismus. 62. Auflage, Berlin/DDR. S. 528-549. Online verfügbar

Chicago Board of Trade (2008): April 2008, Monthly Agricultural Update. Online verfügbar .

Diouf, Jacques (2003): World Food Day Address - International Alliance Against Hunger. UN FAO. Online verfügbar 

Focus on the Global South (2000): The Transfer of Wealth - Debt and the Making of a Global South. Online verfügbar

Food and Agriculture Organisation (2008): Crop Prospects and Food Situation. 2008(1). Online verfügbar

High-Level Conference on World Food Security (2008): Declaration of the High-Level Conference on World Food Security - The Challenges of Climate Change and Bioenergy. Rome, June 5, 2008. Online verfügbar 

International Monetary Fund (2008): Haiti: Poverty Reduction Strategy Paper. IMF Country Report No. 08/115. Online verfügbar

Organisation for Economic Co-Operation and Development (2006): Agricultural policy and trade reform: potential effects at global, national and household levels. Online verfügbar

Oxfam (2005): Kicking down the door, Oxfam Briefing Paper. Online verfügbar

Petersdorff, Winand von (2008): Rasant steigende Nahrungsmittelpreise - Die teuren Früchte der Globalisierung. In Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20.04.2008. Online verfügbar

Schweizer Landwirtschaftlicher Informationsdienst (2008): Lebensmittelpreise in China treiben Inflation an. Online verfügbar

Spiegel Online (2008): Die Krise hat erst begonnen. 01. Juni 2008. Online verfügbar

Stern, Lord Nicholas (2006): Stern Review on the Economics of Climate Change. Online verfügbar

Welt Online (2008): Im Herbst droht neuer Gaspreisschock. 09. Juni 2008. Online verfügbar

World Bank (2008): Rising food prices - Policy options and World Bank response. Online verfügbar

Ziegler, Jean (2007): Das Imperium der Schande: Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung. Random House: Pantheon.

 

 

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