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Der große Jahresrückblick des kapitalistischen Wahnsinns Drucken E-Mail
Geschrieben von Stefan Horvath   
Sonntag, 26 Dezember 2010

Von Sarrazin, Eyjafjallajökull und anderen unaussprechlichen Dingen handelt dieser Jahresrückblick 2010. Stefan Horvath kommentiert die letzten zwölf Monate mit Augenzwinkern...

 

Januar

Ein Erdbeben auf der Karibikinsel Haiti fordert rund 200.000 Todesopfer, hauptsächlich in den Armenvierteln des Landes mit ihrer schlechten Bausubstanz. Christliche Sekten ziehen durch die Flüchtlingslager und reden den verzweifelten Menschen ein, die Katastrophe wäre eine Strafe Gottes gewesen. Nachdem das US-Militär den Flughafen der Hauptstadt Port-au-Prince besetzt hat, werden mehrmals Flugzeuge mit medizinischen Hilfslieferungen abgewiesen, wodurch zusätzlich Menschen sterben.

Am 29. Januar werden in Wien AntifaschistInnen mittels Prügelorgien und Pfefferspraysalven daran gehindert, gegen den traditionellen Ball rechtsextremer Burschenschafter in der Hofburg zu demonstrieren. Polizeiberichte von 500 TeilnehmerInnen korrespondieren nicht ganz mit dem Umstand, dass die Exekutive nachträglich Anzeigen nach dem Versammlungsgesetz an 673 Personen verschickt. Doch PolizistInnen haben es nicht so mit dem Zählen, wie wir wissen.

 

Februar

Auch in Deutschland hat es die Staatsgewalt auf antifaschistische AktivistInnen abgesehen. Im Vorfeld einer Großdemonstration von Nazis in Dresden gibt es Razzien im Infobüro „Dresden Nazifrei!“ in der Landesgeschäftsstelle der Partei Die Linke Dresden und im Antifa-Laden „Red Stuff“ in Berlin, wobei Computer, Flyer und sämtliche Plakate beschlagnahmt werden. Einige Linke kommentieren diese Vorfälle damit, dass der Staats „auf dem rechten Auge blind“ wäre. Doch kann etwas, was strukturell gar nicht vorhanden ist, überhaupt erblinden?


März

Beginnend mit 20. März kommt es zu mehren Ausbrüchen des isländischen Gletschervulkans Eyjafjallajökull woraufhin der Flugverkehr über Mittel- und Nordeuropa lahm gelegt wird. Während sich europäische Fluglinien-KapitalistInnen wie Niki Lauda über die Sicherheitsrisiken lustig machen und massiven Druck zur Wiederöffnung des Luftraums ausüben, zeigt sich die anarchisch-marktwirtschaftlich organisierte Transportbranche Europas vollkommen unfähig, mit dem entstandenen Chaos fertig zu werden. Indes gelingt es, anders als beim Streik der spanischen FluglotsInnen vom Dezember 2010, nicht, die Natur unter militärische Kontrolle zu stellen.


April

Am 5. April veröffentlicht die Enthüllungs-Plattform Wikileaks auf einer Pressekonferenz ein Video, welches US-Soldaten in Bagdad bei der fröhlichen Menschenjagd auf ZivilistInnen zeigt. Von einem Helikopter aus ballern sie insgesamt 12 Menschen nieder, darunter auch die beiden Reuters-Mitarbeiter Saeed Chmagh and Namir Noor-Eldeen. Als Entschuldigung ist dem US-Militär zu entnehmen, man hätte angenommen, die Kamera eines Journalisten wäre eine Panzerfaust gewesen.

Am 20. April explodiert die Ölbohrplattform „Deepwater Horizon“ des BP-Konzerns rund 100 km vor dem Mississippi-Delta im Golf von Mexiko. US-Präsident Obama markiert den großen Umweltschützer und meint: „BP soll kräftig zahlen“. Natürlich passiert nichts dergleichen. Bezahlen müssen aber mexikanische FischerInnen und viele andere, deren Lebensgrundlage durch den Unfall zerstört wurde. BP-Vorstandschef Tony Hayward hingegen wird im Herbst mit einem Jahresgehalt von 1,253 Millionen Euro und einer anschließenden Rente von rund 700.000 Euro jährlich von seinem Posten verabschiedet.


Mai

Die deutschsprachige Journaille hetzt angesichts der Euro-Krise gegen die „faulen Griechen“ und verschweigt, dass der Mindestlohn in Griechenland bei 700 Euro liegt und die große Mehrheit der RentnerInnen weniger als 600 Euro pro Monat zur Verfügung hat (bei kaum niedrigeren Preisen als in Westeuropa). In Österreich beispielsweise überschlägt sich die Tageszeitung „Österreich“ mit Anwürfen gegen die „faulen Pleite-Griechen“. Jenes „Österreich“, welches in der Ausgabe vom 5.12. einen offenbar vor der Sendung verfassten Bericht über „Wetten Dass“ abgedruckt hatte (war es Profitgier oder doch Faulheit?). Darin war zu lesen, dass Robbie Williams die „Show aus dem Koma“ geholt hätte. Die „Show“ wurde allerdings aufgrund eines schweren Unfalls eines Wettkandidaten abgebrochen, bevor der Künstler überhaupt die Bühne hätte betreten können.


Juni

In Südafrika, wo über 50% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben und 30% arbeitslos sind, findet die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer statt. Geht es nach deutschsprachigen Medien, so macht der Event die gesamte Nation, was heißt, ganz Afrika überglücklich. Schließlich kostet das Turnier ja auch nur die Kleinigkeit von 4,1 Milliarden US-Dollar (die VeranstalterInnen hätten aber noch ein wenig einsparen können, hätten sie bestehende Stadien verwendet, anstatt komplett neue Arenen weit außerhalb von wenig PR-tauglichen Armenvierteln errichten zu lassen). Nun, ein halbes Jahr danach, sind die SüdafrikanerInnen von ihrem Glück offenbar noch immer so benommen, dass sie die neuen Stadien kaum nützen können. Bloß einige hundert Fans verirren sich in der Regel zu Ligaspielen in die mehrere zehntausend Menschen fassenden Sportstätten. Oder hat es doch etwas mit der Armut zu tun? Aber nicht doch...

Ebenfalls im Juni schnürt die Merkel-Regierung ein gigantisches Sparpaket, schließlich müssen die Unsummen, die an marode Banken ausgeschüttet wurden, irgendwie wieder hereingebracht werden. Nur ein Drittel der Kürzungen betrifft Langzeitarbeitslose und GeringstverdienerInnen (die, wie wir seit dem Ausspruch von Guido Westerwelle wissen, ohnehin in „spätrömischer Dekadenz“ leben), womit das Programm wohl als „sozial ausgewogen“ bezeichnet werden kann. Die Gleichzeitigkeit der Verkündung des Sparprogramms mit dem Auftritt der „schwarz-rot-geilen“ Nationalmannschaft in Südafrika ist selbstverständlich rein zufällig.


Juli

Das Online-Netzwerk Facebook knackt die Marke von 500 Millionen NutzerInnen. Damit ist der dahinter stehende gleichnamige Konzern neben anderen Firmen wie Google eine der größten Datenkraken der modernen Welt. Die Stasi musste noch mehrere hunderttausend Spitzel beschäftigen, um die sozialen, politischen und sexuellen Vorlieben der Bevölkerung auszuspähen. Facebook ist subtiler. Alles auf freiwilliger Basis und komplett kostenlos. Doch Augen auf im Datenausverkauf! Wo Angebot auf Nachfrage trifft, gibt es im Kapitalismus immer auch einen Markt dafür.


August

Die offiziell letzten US-Kampftruppen verlassen sieben Jahre nach dem Einmarsch den Irak und übergeben das besetzte Land vorerst endgültig an ihre irakische Marionettenarmee (die „Militärberater“ und die US-Söldner bleiben natürlich). Der „erste antifaschistische Waffengang des 21.Jahrhunderts“ („antideutsche“ Zeitschrift „Bahamas“) brachte den IrakerInnen zwar keine funktionierende bürgerliche Demokratie, den großen Öl- und Rüstungskonzernen aber Aufträge in Milliardenhöhe. Zu den Gewinnern dürfen sich übrigens auch Al-Qaida und die FundamentalistInnen im Iran zählen. Sie konnten im Fahrwasser der US-Invasion Vorfeldorganisationen in den Irak bringen, die jetzt im „großen Game“ um Öl-und Einfluss kräftig mitmischen. Für „antideutsche“ KriegsfreundInnen irgendwie dezent peinlich.


September

Der Bestseller-Autor und Rassenbiologie-Experte Thilo Sarrazin verlässt freiwillig den Vorstand der deutschen Bundesbank. In seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ behauptet Sarrazin unter anderem, „die Türken“ würden Deutschland über die Geburtenrate „erobern“. Der Misserfolg vieler MigrantInnen im Schulsystem läge allerdings an „Erbfaktoren“, schließlich hätten „ganze Clans (...) eine lange Tradition von Inzucht und entsprechend vielen Behinderungen“. Doch Sarrazin kennt sich nicht nur mit Rassentheorien aus, er ist auch ein Experte auf anderen Gebieten, wiewohl seine Tipps aus dem Jahr 2008, wie Arbeitslose sich von weniger als vier Euro pro Tag ernähren können, kaum aus Selbsterfahrung entstanden sein dürften.


Oktober

Zitiert wurde der Sozialdemokrat Sarrazin auch von der FPÖ im Wiener Wahlkampf, der mit den Landtagswahlen vom 10. Oktober zu Ende ging. In den Wochen davor affichierten die Freiheitlichen Plakate mit der Aufschrift „Mehr Mut für unser Wiener Blut. Zu viel Fremdes tut niemanden gut“ und versandten Comics an sämtliche Wiener Haushalte, in denen ein Bub von Parteichef H.C. Strache dazu aufgefordert wird, einen Türken mit der Steinschleuder abzuschießen. Um Strache „zu verhindern“ (als was eigentlich?) wählen etliche Linke die SPÖ, deren Anliegen, den MigrantInnen die Wiener „Hausordnung“ verklickern zu wollen, selbstverständlich nichts mit Rassismus zu tun hat.

Am 13. Oktober werden die seit über zwei Monaten eingeschlossenen 33 chilenischen Bergarbeiter befreit. Zwar erhielten ihre nicht eingeschlossenen Kollegen seit dem Unfall keine Löhne mehr, die Eingeschlossenen hingegen erhielten neben I-Pods und Reisegutscheinen sogar eine eigene Medienschulung, um gebührend auf den patriotischen TV-Event der Rettungsaktion vorbereitet zu sein. Laut Schätzungen des internationalen Verbands der Bergbaugewerkschaften kommen jedes Jahr 12.000 Kumpel bei Grubenunglücken ums Leben. Wer kann sich hier an das herzzerreißende Mitleid des globalen Establishments, von Apple-Chef Steve Jobs über Papst Ratzinger bis hin zu US-Präsident Obama erinnern?


November

Aufgehetzt durch Medien und die rechtsextreme SVP stimmt die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung am 28. November für die Ausschaffungsinitiative, wonach „kriminelle Ausländer“ sofort aus dem Land geschafft werden sollen. Das Parlament gibt sich humanistisch und ruft die SchweizerInnen dazu auf, für einen „Gegenentwurf“ zu stimmen, der Ausschaffungen „nur“ ab einem gewissen Strafrahmen vorsehen würde.

Am selben Tag veröffentlicht Wikileaks 250.000 geheime Berichte der US-Diplomatie. Darin enthalten sind bahnbrechende Erkenntnisse, wie etwa die Einschätzung des deutschen Außenministers Guido Westerwelle als „aggressiv“ oder von Kanzlerin Merkel als „pragmatisch“. Wir sehen, die unzähligen US-DiplomatInnen in aller Welt arbeiten hart für ihr Geld. In einer Sendung des meistgesehenen Nachrichtensenders der USA, FOX News, ruft der Kommentator Bob Beckel unverblümt dazu auf, den „Hurensohn“ Julian Assange „erschießen“ zu lassen. Wir sind gespannt darauf, was die VertreterInnen des Establishments fordern, sollten einmal tatsächlich brisante Dokumente zum Vorschein kommen. Indes sperren Visa und Mastercard Wikileaks den Zugang, während der Ku-Klux-Klan deren Dienstleistungen weiterhin problemlos nutzen kann.

P.S.: Ganz so uninteressant sind die Wikileaks-Enthüllungen auch wieder nicht. So wurden wir dadurch daran erinnert, dass Linke-Parteichef Gysi, wie im Sommer bereits in einem TV-Interview erwähnt, die NATO gar nicht wirklich abschaffen will. Im vertraulichen Gespräch mit dem US-Botschafter in Berlin meinte er, die Parteispitze nehme diese Forderung gar nicht ernst, sie diene nur dem Zweck, den linken Parteiflügel ruhig zu stellen. Kein Problem, wir nehmen die Forderungen der reformistischen Linkspartei schließlich auch nicht ernst.


Dezember

FPÖ-Chef H.C. Strache unternimmt eine Reise nach Israel, wo er herzlich von Vizeminister Ayoub Kara empfangen wird. Gemeinsam mit europäischen und israelischen Rechtsradikalen berät er sich in Ashkelon nahe am Gazastreifen über den „Kampf gegen den islamischen Terror“. Wir fragen uns: Wann trifft er sich mit den „Antideutschen“ von „Bahamas“, „Jungle World“ oder „Cafe Critique“ um über die Verteidigung des Abendlandes zu diskutieren?


Und jetzt mal ehrlich... Willst Du, dass 2011 auch so wird?

Nein? Dann heb deinen Hintern und werde aktiv !


P.S.: Eine gute Nachricht gibt es doch noch zum Jahresende. In Umfragen fallen die Liberalen in Deutschland auf 3% zurück. Böse Zungen sprechen bereits von FDP (Fast Drei Prozent).

 

 

 

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