"Wien sieht's anders." Ob sie am Bau arbeiten, dem Notausgang entgegen sprinten oder auf frisch gereinigtem Linoleum ausrutschen - Frauen tragen Stiefel zum Rock und die Haare lang; zumindest, wenn die Stadt Wien im Rahmen ihrer 2006er Kampagne zum Gender Mainstreaming einigen gängigen Piktogrammen, die bislang ausschließlich Männer darstellten, weibliche Pendants gegenüber stellt.

Das Konzept dahinter heißt Gender Main-streaming (GM). Es verlangt, dass eine Organisationseinheit in allen ihren politischen und administrativen Entscheidungen beachtet, dass sich diese auf Männer und Frauen unterschiedlich auswirken können. Dabei geht es nicht um die Differenzierung biologischer sondern "sozialer" Geschlechter (Gender). Unter dem Begriff Gender werden dabei kulturell geprägte, gesellschaftliche Erwartungen an die Rolle "Frau" bzw. "Mann" zusammengefasst. Diese Sichtweise soll, im Rahmen des Mainstreaming, alle Entscheidungsbereiche durchdringen und so als Strategie zum Erreichen von "Geschlechtergerechtigkeit" beitragen. Dabei handelt es sich um eine von oben verordnete (top-down), bürokratische Maßnahme.

Soweit besagen es zumindest politische Willensbekundungen, die von der 1995er Erklärung zur Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen in Beijing über die Gremien der Europäischen Union hin zu nationalstaatlichen Regierungen reichen. Kaum thematisiert wird dabei, dass die Strategie, die nun zum Erreichen hehrer Ziele beitragen soll, ursprünglich Ende der 1970er Jahre für US-amerikanische Konzerne entwickelt wurde. Sie sollte ihnen ermöglichen, nicht nur die Arbeitskraft von Männern, sondern eben auch die von Frauen noch profitabler auszubeuten.

Explizites Ziel und deswegen auch Bewertungskriterium des GM ist im Gegensatz dazu die Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit. Augenfällig ist dabei, dass GM seit den späten 1990er Jahren von Regierungen, Konzernen und Institutionen wie der Weltbank betrieben wird - von den gleichen AkteurInnen also, die im gleichen Zeitraum mit ihrer neoliberalen Politik die soziale Situation der großen Mehrheit der Frauen auf dieser Welt massiv verschlechtert haben. In der Konsequenz trägt GM dazu bei, dass der status quo wirtschaftlicher, politischer und administrativer Prozesse erhalten bleibt und lediglich um den Aspekt Gender ergänzt wird. Dieses von oben verordnete Konzept ist dabei auch Ausdruck der Schwächung und Institutionalisierung der Frauenbewegung, ihrer partiellen Integration in das kapitalistische System. In der Realität ist GM oft zu einem Ersatz für einen Kampf um Frauenbefreiung geworden.

Jene Machtstrukturen, die Ungleichbehandlung und Unterdrückung ermöglichen, werden im Rahmen von GM nicht mehr analysiert. Wie es zur Dominanz von und zu Privilegien für Männer kommt, warum die kapitalistische Klassengesellschaft davon profitiert, wird außer Acht gelassen. Doch eben darauf müssen zielführende Ansätze für Frauenbefreiung beruhen. Statt Frauen für ihre Interessen zu organisieren, sollen sie von GM in existierende Strukturen eingegliedert werden und sie fortan mittragen. Statt Gender Fragen zu einem politischen Mainstream zu machen, sind sie größtenteils diesem unterworfen worden und so trägt auch GM mittlerweile weit eher dazu bei, eine kapitalistisch-neoliberale Gesellschaftsordnung aufrechtzuerhalten statt sie zu verändern.

Statt einen Kampf gegen sexistische Unterdrückungs- und Ausbeutungsstrukturen zu führen, verkommt GM in der Praxis oft zu einer Verschleierung genau dieser Strukturen. Die schwerwiegenden Benachteiligungen von Frauen in den meisten kapitalistischen Betrieben (Einkommen, Aufstiegschancen etc.) werden durch die offiziöse GM-Politik oft verdeckt. Dabei ist eine erhöhte Sensibilisierung etwa für eine frauengerechte Sprache natürlich richtig und wichtig. An diesen Aspekten kann auch positiv angeknüpft werden. Das Problem liegt aber darin, dass es stark zu einem Ersatz für den Kampf für Frauenbefreiung geworden ist - dass GM von manchen irrtümlicherweise für eine Lösung auf dem Wege zu "Geschlechtergerechtigkeit" gehalten wird.

Die historischen Erfahrungen zeigen aber sehr klar, dass die Unterdrückten nicht von den Institutionen des Systems ihre Befreiung organisiert bekommen werden. Wichtige Errungenschaften sind immer durch echte Kämpfe von echten Bewegungen erzielt worden. Tatsächliche Frauenbefreiung wird mit dem Kapitalismus und seinen Institutionen wohl kaum vereinbar sein. Eine kämpferische und systemüberwindende Perspektive kann aber nur von einer proletarischen Frauenbewegung im Rahmen einer revolutionären ArbeiterInnenbewegung entwickelt werden.

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