III. Rosa Luxemburg

und Die Akkumulation des Kapitals 

von Manfred Scharinger

 Nachdem wir in vorigen Abschnitten dieser Ausgabe von Marxismus uns mit Kautsky und Hilferding beschäftigt hatten, wollen wir uns nun mit Rosa Luxemburg und ihrer Theorie des Imperialismus befassen. Es war das große Verdienst des Adlers, wie Rosa Luxemburg, die Wortführerin der Linken in der deutschen Sozialdemokratie, von Lenin genannt wurde, daß sie die opportunistische Natur des Zentrums der deutschen Partei erkannt und bekämpft hatte - früher als alle anderen, einschließlich Lenin. Rosa Luxemburg war sich über die opportunistische Natur ihrer Praxis im klaren, und Rosa Luxemburg erkannte auch den engen Zusammenhang zwischen der opportunistischen, versöhnlerischen Praxis und einer ebensolchen theoretischen Basis, ausgearbeitet von einer ganzen Phalanx theoretischer Kapazitäten von Kautsky bis Hilferding - ebenfalls lange, bevor Lenin zu denselben Schlüssen gelangt war.

 

1. Luxemburgs Beschäftigung mit ökonomischen Fragen

Die deutsche Sozialdemokratie war die Paradepartei der Zweiten Internationale. Sie war vor dem Ersten Weltkrieg in beständigem Wachstum begriffen. 1907, im Jahr, als sie eine empfindliche Niederlage in den Parlamentswahlen hatte einstecken müssen (es waren die Wahlen, in denen der Partei, die die Bestialitäten in der Unterdrückung des Aufstandes in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika verurteilt hatte, scharfer reaktionärer Gegenwind ins Gesicht blies), organisierte sie 530.000 Mitglieder, ein knappes Jahrzehnt später - 1913 - organisierte sie bereits über eine Million Mitglieder - 1 085 000. In der Partei mit ihrer Vielzahl an Parteizeitungen und ihren Parteiangestellten, aber auch in den rasant wachsenden Gewerkschaften (zwischen 1898 und 1914 versechsfachten die Gewerkschaften ihre Mitgliederzahlen von 400.000 auf 2,5 Millionen) ergab sich ein zunehmendes Bedürfnis nach organisierter politischer Schulung und Bildung. Das sollte nun nicht mehr der Kraft und dem Einfallsreichtum der Ortsorganisationen allein überlassen werden, sondern 1906 wurde in Berlin eine zentrale Parteischule eingerichtet. Natürlich wollte der Parteivorstand damit auch ein Mittel der Kontrolle über die gültige Interpretation des Marxismus in der Hand haben. An dieser Schule der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands wurden jeweils für ein halbes Jahr 30 von den Bezirksorganisationen der Partei und den Gewerkschaften vorgeschlagene Mitglieder in den Sozialwissenschaften, aber auch in Agitation und praktischer politischer Arbeit ausgebildet. Sie sollten dann nach ihrer Rückkehr das Gelernte in Parlamenten und Gemeinderäten anwenden, aber auch als Multiplikatoren in der politischen Weiterbildung vor Ort agieren.

Von ihrer Struktur und ihrer Organisation her sollte die Parteischule eine Vorwegnahme der neuen demokratischen Gesellschaft des Sozialismus darstellen - die Leitung liegt bei allen Mitgliedern des Kollegiums, der Parteivorstand war mit beratender Stimme vertreten, ebenso die Teilnehmer. Die Schule sollte ein lebender Organismus sein - Reformen gingen z.T. auch direkt von den Schülern aus, denen nach Möglichkeit entsprochen wurde. Trotzdem war natürlich die Schule in die organisatorische und politische Struktur der deutschen Vorkriegssozialdemokratie eingebettet. In der Partei hatten sich drei deutlich voneinander getrennte Strömungen herausgebildet - eine linke, der auch Rosa Luxemburg angehörte, eine ohne Wenn und Aber opportunistische und revisionistische, die v.a. in den Parlamentsfraktionen Deutschlands und der deutschen Teilstaaten ihre Bastionen hatte, und das marxistische Zentrum mit Karl Kautsky an der Spitze, das sich zum treuen Bewahrer des marxistischen Erbes hochstilisierte, in der praktischen Politik, aber auch zunehmend in der Theorie nach rechts abdriftete und mit dem offen opportunistischen Flügel paktierte.

Dies zeigte sich etwa am Beispiel der sozialdemokratischen Abgeordneten von Baden, die trotz Verurteilung ihrer Taktik auf den Parteitagen von 1908 und 1910 im Parlament Badens für den Staatshaushalt stimmten und dies auch offensiv verteidigten. Bei der Verurteilung der Badener Abgeordneten war etwa 1910 die Parteiführung nunmehr bemüht, sich gleichzeitig auch klar vom linken Flügel abzugrenzen. Und Karl Kautsky selbst bildete hier keine Ausnahme: 1909 hatte er sein Buch Der Weg zur Macht veröffentlicht, das eine Abfuhr für die Opportunisten bedeutete und im Parteivorstand zu heftigen Kontroversen um eine Veröffentlichung führte (Kautsky änderte, um die Publizierung durchzusetzen, auch einige der als besonders anstößig empfundenen ultrarevolutionären Formulierungen). 1910, in der berühmten Massenstreikdebatte aber, tendierte Kautsky trotz all seiner scheinorthodoxen Phrasen immer unverhohlener nach rechts und setzte an die Stelle der Luxemburg’schen Niederwerfungs- seine rein parlamentarisch ausgerichtete Ermattungsstrategie. 1912 ging Kautsky vollständig auf opportunistische Positionen in der Polemik mit Pannekoek und in der Frage des Staates, der Massenaktionen des Proletariats und der Revolution über. Von daher auch rührt der unerschütterliche Gedanke der deutschen und internationalen Linken, darunter auch Lenins und Rosa Luxemburgs, Kautsky habe den Weg des revolutionären Marxismus in dieser Phase verlassen und sei auf opportunistische Positionen eingeschwenkt. Wir werden weiter unten zeigen, daß auch schon der Kautsky des Jahres 1902 nicht frei von Irrtümern war und sehr wohl eine Verbindungslinie zwischen dem alten Kautsky und dem nach seinem opportunistischen "Sündenfall" gezogen werden kann.

In dieser allgemeinen Situation der deutschen Sozialdemokratie wurden im Spätherbst 1907 zwei Dozenten von der politischen Polizei aus Preußen ausgewiesen, worauf Rosa Luxemburg auf direkte Empfehlung Karl Kautskys die Dozentenstelle für Nationalökonomie übernahm. In den folgenden Jahren unterrichtete sie neben August Bebel, Franz Mehring, Kurt Rosenfeld , Heinrich Cunow und anderen in sieben Kursen insgesamt etwa 200 Teilnehmer - durchaus erfolgreich, wenn man den Zeugnissen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer glauben darf. So äußerte sich eine ihrer Schülerinnen - Rosa Wolfstein:

"Wie sie uns zur Beschäftigung mit nationalökonomischen Fragen zwang? Durch Fragen! Durch Fragen und immer erneute Fragen und Forschen holte sie aus der Klasse heraus, was nur an Erkenntnis über das, was es festzustellen galt, in ihr steckte. Durch Fragen beklopfte sie die Antworten und ließ uns selbst hören, wo und wie es sehr hohl klang, durch Fragen tastete sie die Argumente ab und ließ uns selbst sehen, ob sie schief oder gerade waren, durch Fragen zwang sie uns über die Erkenntnisse des eigenen Irrtums hin zum eigenen Finden einer hieb- und stichfesten Lösung ... bis zur letzten Stunde, wo sie uns entließ mit der eindringlichen Mahnung, nichts ohne Nachprüfung anzunehmen, alles immer erneut nachzuprüfen" (zitiert nach Frederik Hetmann: Rosa L. Die Geschichte der Rosa Luxemburg und ihrer Zeit, Ffm 1979, S. 164f.)

Dabei beschäftigte sich Rosa Luxemburg nie - außer in den Jahren an der Parteischule - zentral mit marxistischer Ökonomie. Den Hauptteil ihres Werkes machten demgemäß auch Schriften zu Militarismus und Krieg, zu den Massenaktionen des Proletariats aus. Aus ihrer Feder stammen aber auch drei längere ökonomische Schriften, auf zwei davon werden wir im folgenden Text genauer eingehen.

Die Einführung in die Nationalökonomie, der grundlegende ökonomische Text Rosa Luxemburgs, entstand aus ihren Vorbereitungen auf die ökonomischen Vorlesungen an der Berliner Parteischule in den Jahren 1907 bis 1914. In den allgemein verständlichen Grundzügen der marxistischen Ökonomie geht es Luxemburg vor allem darum, zu zeigen, daß der kapitalistischen Produktionsweise wie jeder anderen Formation ein historischer Charakter zu eigen sei. Die Schüler und später die Leser sollten erkennen, daß die gesellschaftlichen Verhältnisse geschichtlich - und damit auch überwindbar seien. Denn die gesellschaftlichen Verhältnisse

"sind keine starren, unbeweglichen Formen. Wir haben gesehen, wie sie im Laufe der Zeiten vielfache Veränderungen aufwiesen, wie sie einem ewigen Wechsel unterworfen sind, in dem sich eben der menschliche Kulturfortschritt, die Entwicklung Bahn bricht" (Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke 5/771, in Hinkunft RLGW).

Und dabei bildet die kapitalistische Produktionsweise keine Ausnahme, denn sie ist

"ihrerseits schon von vornherein, aus der ganzen enormen Perspektive des historischen Fortschritts betrachtet, keine unabänderliche und für ewige Zeiten bestehende, sondern sie ist ebenso eine bloße Übergangsphase, eine Staffel in der kolossalen Leiter der menschlichen Kulturentwicklung wie jede der vorhergehenden gesellschaftlichen Formen. Und tatsächlich führt die Entwicklung des Kapitalismus selbst bei näherem Zusehen zu seinem eigenen Untergang und über ihn hinaus" (RLGW 5/772).

Sie wollte also nicht nur die Zusammenhänge untersuchen, die den Kapitalismus möglich machten, sondern sie versuchte, mit ihren Schülern auch "diejenigen kennenzulernen, die sie unmöglich machen" (RLGW 5/772).

Ursprünglich war es das Ziel Luxemburgs gewesen, diese Einführung in die Nationalökonomie in den Jahren 1909/1910 in acht Broschüren und als Buch zu publizieren. Wegen der oben geschilderten Auseinandersetzungen in der deutschen Sozialdemokratie - vornehmlich der mit Karl Kautsky und den Badener Revisionisten - unterbrach sie die Arbeit an der Einführung. Erst während ihrer Haft während des Ersten Weltkriegs nahm sie die Arbeit daran wieder auf und plante nun, das Werk in zehn Broschüren zu publizieren. Sie bemühte sich noch während des Weltkriegs vergeblich darum, das Werk bei sozialdemokratischen Parteiverlagen zu veröffentlichen, sodaß das Manuskript erst 1925 veröffentlicht wurde.

Allerdings war sie bei der Arbeit mit der Einführung und in der Vorbereitung ihrer Vorlesungen auf ein ökonomisches Problem gestoßen, das sie in ihrem zweiten großen ökonomischen - Werk, Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus, zu lösen versuchte. Wie sie selbst im Vorwort zum 1912 im sozialdemokratischen Vorwärts-Verlag publizierten Werk schrieb, hatte den Anstoß zu dieser voluminösen Arbeit (in den Gesammelten Werken nimmt sie über 400 Seiten ein)

"ihre populäre Einführung in die Nationalökonomie gegeben, die ich seit längerer Zeit für denselben Verlag vorbereite, an deren Fertigstellung ich aber immer wieder durch meine Tätigkeit an der Parteischule oder durch Agitation verhindert wurde. Als ich im Januar dieses Jahres, nach der Reichstagswahl, wieder einmal daranging, jene Popularisation der Marxschen ökonomischen Lehre zum Abschluß zu bringen, bin ich auf eine unerwartete Schwierigkeit gestoßen. Es wollte mir nicht gelingen, den Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion in ihren konkreten Beziehungen sowie ihre objektive geschichtliche Schranke mit genügender Klarheit darzustellen. Bei näherem Zusehen kam ich zu der Ansicht, daß hier nicht bloß eine Frage der Darstellung, sondern auch ein Problem vorliegt, das theoretisch mit dem Inhalt des zweiten Bandes des Marxschen `Kapitals` im Zusammenhang steht und zugleich in der Praxis der heutigen imperialistischen Politik wie deren ökonomische Wurzeln eingreift. Sollte mir der Versuch gelungen sein, dieses Problem wissenschaftlich exakt zu fassen, dann dürfte die Arbeit außer einem rein theoretischen Interesse, wie mir scheint, auch einige Bedeutung für unseren praktischen Kampf mit dem Imperialismus haben" (RLGW 5/7 - nebenbei bemerkt ist diese hier bereits postulierte Verbindung von theoretischer Erkenntnis und unmittelbarer Verwertung im praktischen Kampf ein überaus erfrischender Grundzug in Luxemburgs Herangehensweise an theoretische Probleme).

Das dritte wichtige ökonomische Werk Rosa Luxemburgs wurde ebenso wie die Einführung zu ihren Lebzeiten nicht publiziert. 1921 erschien im Leipziger Verlag Franke Die Akkumulation des Kapitals oder Was die Epigonen aus der Marxschen Theorie gemacht haben. Eine Antikritik von Rosa Luxemburg - gemeinhin als Antikritik bekannt geworden. In diesem nach 1913 und während des Weltkriegs entstandenen Manuskript, das eine gründliche Abrechnung mit ihren theoretischen Widersachern beinhaltet - wenn auch, wie wir sehen werden, von einer grundlegend falschen Position aus -, versucht sie die Positionen der Akkumulation zu vertiefen und durch das Aufzeigen von Parallelen zu Kautskys Position von 1902 auch politisch zu legitimieren.

Rosa Luxemburg schrieb in der Antikritik, daß sie, als sie an der Akkumulation arbeitete, zeitweilig der Gedanke geplagt habe,

"alle theoretisch interessierten Anhänger der Marxschen Lehre würden erklären, das, was ich so eingehend darzulegen und zu begründen suche, sei ja eine Selbstverständlichkeit. Niemand habe sich die Sache eigentlich anders gedacht; die Lösung des Problems sei überhaupt die einzig mögliche und denkbare" (RLGW 5/415).

Aber es kam völlig anders: Kaum jemand rezensierte das Buch zustimmend bzw. freundlich - die Ausnahme waren Julian Marchlewski (unter dem Pseudonym J. Karski) und Franz Mehring, der eine positive Rezension an das sozialdemokratische Pressebüro gegeben hatte, die auch von 25 sozialdemokratischen Zeitungen nachgedruckt wurde. Franz Mehring wurde daraufhin aber vom Parteivorstand und von der Redaktion des Vorwärts wegen "mißbräuchlicher Ausnützung" des Pressebüros gerügt. Die Kritik war durchwegs vernichtend - von der Linken mit Lenin und Anton Pannekoek reichte die Liste der Kritiker über Otto Bauer und Gustav Eckstein im "marxistischen Zentrum" der Sozialdemokratie bis zu Max Schippel am offen rechtsopportunistischen Flügel.

Für Rosa Luxemburg war das

"ein beispielloser und an sich etwas komischer Vorgang: In Sachen einer rein theoretischen Arbeit über ein verwickeltes und abstraktes Problem tritt die ganze Redaktion einer politischen Tageszeitung auf - von der höchstens zwei Mitglieder das Buch überhaupt gelesen haben dürften -, um ein korporatives Urteil über dasselbe zu fällen, indem sie Männern wie Franz Mehring und J. Karski jedes Sachverständnis in national-ökonomischen Fragen abspricht, um nur diejenigen, die mein Buch herunterrissen, als ‘Sachverständige’ zu bezeichnen. Ein derartiges Schicksal war, soviel mir erinnerlich, noch keiner Neuerscheinung der Parteiliteratur, seit sie besteht, zuteil geworden, und es ist wirklich nicht lauter Gold und Perlen, was seit Jahrzehnten in den sozialdemokratischen Verlagen erscheint. Das Ungewöhnliche all dieser Vorgänge verrät deutlich, daß wohl noch andere Leidenschaften als ‘reine Wissenschaft’ durch das Buch so oder so berührt worden sind" (RLGW 5/416).

Der Schlüssel für diese harte Opposition war im Verhältnis ihrer theoretischen Erkenntnisse zur praktischen Politik zu suchen - und Luxemburg hatte darauf ja im Vorwort zu ihrer Akkumulation des Kapitals bezug genommen, das Buch scheine ihr auch "einige Bedeutung für den praktischen Kampf" zu haben. Und so, wie sie sich im klaren über die praktischen Implikationen ihrer spezifischen Theorie des Imperialismus war, genauso klar war sie sich auch über das Verhältnis von Theorie und Praxis, was ihre innerparteilichen Widersacher betraf. Denn Rosa Luxemburg wußte nur zu gut, daß die verrottete Politik der internationalen Sozialdemokratie vor dem Ersten Weltkrieg in einer verrotteten Theorie wurzeln mußte. In bezug auf Otto Bauer und seine Analyse des Imperialismus schrieb Luxemburg, daß vieles denkbar sei: so etwa das Sonnensystem ohne Erde, die menschliche Geschichte auch ohne den Kapitalismus, aber:

"Nur eines scheint uns schlechterdings undenkbar: daß ein so 'denkender' offizieller Marxismus als geistige Avantgarde der Arbeiterbewegung in der Phase des Imperialismus zu anderen Resultaten führen konnte als zu dem elenden Fiasko der Sozialdemokratie, das wir heute in dem Weltkriege erleben" (RLGW 5/517).

Und als verallgemeinerte Schlußfolgerung bezüglich dem Zusammenhang zwischen verfehlter Praxis und falscher Theorie formulierte sie:

"Sicher hängt die Taktik und das praktische Verhalten im Kampfe nicht unmittelbar davon ab, ob man dem zweiten Band des Marxschen 'Kapitals' als abgeschlossenes Werk oder bloßes Fragment betrachtet (...). Tausende Proletarier sind brave und feste Kämpfer für die Ziele des Sozialismus, ohne von diesen theoretischen Problemen etwas zu wissen - auf Grund der allgemeinen grundsätzlichen Erkenntnisse des Klassenkampfes und auf Grund eines unbestechlichen Klasseninstinkts sowie revolutionärer Traditionen der Bewegung. Aber zwischen dem Erfassen, der Art der Behandlung theoretischer Probleme und der Praxis politischer Parteien besteht auf größeren Strecken stets der engste Zusammenhang. In dem Jahrzehnt, welches dem Ausbruch des Weltkrieges vorangegangen ist, wies in der deutschen Sozialdemokratie als der internationalen Metropole des proletarischen Geisteslebens der allgemeine Zuschnitt auf theoretischem wie auf praktischem Gebiete vollkommene Harmonie auf: Dieselbe Ratlosigkeit und dieselbe Verknöcherung machte sich hier wie dort geltend, und es war derselbe Imperialismus als übermächtige herrschende Erscheinung des öffentlichen Lebens, der den theoretischen wie den politischen Generalstab der Sozialdemokratie mattgesetzt hatte. Genau wie der geschlossene stolze Bau der offiziellen deutschen Sozialdemokratie sich bei der ersten welthistorischen Probe als Potemkinsches Dorf erwiesen, ebenso hat sich die scheinbare theoretische 'Sachverständigkeit' und Unfehlbarkeit des offiziellen Marxismus, der zu jeder Praxis der Bewegung den Segen gab, bloß als eine pomphafte Kulisse herausgestellt, die hinter unduldsamer und anmaßender Dogmenstrenge innere Unsicherheit und Aktionsunfähigkeit barg. Der öden Routine, die sich nur in den ausgefahrenen Geleisen der 'alten bewährten Taktik', d.h. des Nichts-als-Parlamentarismus zu bewegen wußte, entsprach das theoretische Epigonentum, das sich an die Formeln des Meisters klammert, indes es den lebendigen Geist seiner Lehre verleugnet." (RLGW 5/517f.)

Und Rosa Luxemburg war sich weiters im klaren, wo einer der entscheidenden theoretischen Ursachen der Fehler dieser theoretischen Epigonen lag - in der Interpretation der Marxschen Reproduktionsschemata des zweiten Bandes des Kapitals, so wie sie von Tugan-Baranowski und den legalen Marxisten in ihrer Auseinandersetzung mit den Narodniki entwickelt wurde. Daher sind auch große Teile von Rosa Luxemburgs ökonomischem Hauptwerk, der Akkumulation des Kapitals, ein hervorragender kritischer Beitrag zu dieser Auseinandersetzung. Bevor wir uns aber damit genauer befassen, ist ein Blick auf Rosa Luxemburgs Imperialismus-Analyse im gesamten wichtig und notwendig. Denn viele der theoretischen Probleme und Schwächen, die weiter unten analysiert werden, finden hier - in Rosa Luxemburgs allgemeiner Sicht des Imperialismus - ihren Ursprung.

 

2. Imperialismusanalyse

Rosa Luxemburg hatte schon sehr früh erkannt, daß sich in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts ein neues Stadium des Kapitalismus zu formieren begonnen hatte. In einer ihrer frühesten Arbeiten - in ihrer Auseinandersetzung mit Eduard Bernstein anläßlich des Parteitages von 1898 in Stuttgart, auf dem sich dieser offen zu seinem "Dieses Ziel ist nichts, die Bewegung alles" bekannt und offen den Kampf gegen den "überholten" Klassenkampf und für seine neue Konzeption der SPD als demokratische Reformpartei zu werben begonnen hatte - in einer dieser frühen Arbeiten verteidigte Luxemburg die Gültigkeit der marxistischen Krisentheorie und wies auf die neuen strukturellen Erscheinungen des Kapitalismus hin - auf die Herausbildung eines Weltmarktes und auf die Verschärfung des Konkurrenzkampfes zwischen den kapitalistischen Staaten um ihren Anteil am Weltmarkt (siehe dazu: RLGW 1/1, Vorwort S. 13ff.). Die Folge sei ein zunehmender Militarismus, der als Waffe der Unterdrückung nach innen und außen gebraucht werde. Ohne den Begriff Imperialismus zu verwenden, hatte sie damit bereits ihre Hauptpunkte in der Analyse des Neuen im Kapitalismus der Jahrhundertwende abgesteckt: weltweite Konkurrenz, abgesichert durch militärische Mittel. Imperialismus und Militarismus blieben für Rosa Luxemburg Zwillinge, die sie in aller Regel in Agitation und Propaganda nebeneinander und voneinander durchdrungen analysierte.

Die Phase ab 1910 waren bereits Jahre, in denen der Erste Weltkrieg seinen Schatten vorauswarf. 1911 war das Jahr der Marokko-Krise, die Deutschland und Frankreich bereits nahe an den Rand eines Krieges brachte, und im Oktober 1912 brach der erste Balkankrieg aus, im Jahr darauf der zweite. In diesen Jahren war der Begriff Imperialismus bereits zu einer stehenden Phrase in der Propaganda und Agitation der Sozialdemokratie geworden, die Zeitungen der Partei erörterten immer wieder dessen Wesen, und auch theoretisch wurde eine intensive Debatte geführt: 1910 erschien Hilferdings Finanzkapital, Luxemburgs Akkumulation des Kapitals zwei Jahre später. Der Imperialismus war außerdem auf die Tagesordnung des Parteitages von Jena gesetzt worden. Um 1910 war auch eine offizielle Flugschrift der SPD zu diesem Thema Imperialismus oder Sozialismus? in einer Auflage von mehreren hunderttausend Stück erschienen. Julian Marchlewski, ein Repräsentant des linken Flügels, hatte dort geschrieben:

"So wächst sich der Kampf gegen den Imperialismus immer mehr zum Entscheidungskampf zwischen Kapital und Arbeit aus. Kriegsgefahr, Teuerung, Kapitalismus - Friede, Wohlstand für alle, Sozialismus!, so ist die Frage gestellt."

Nach dem großen Wahlsieg der Sozialdemokratie 1912 - die SPD hatte 4,2 Millionen Stimmen (38,5% der gültigen Stimmen) und 110 Mandate erreicht - war sie damit die stärkste Fraktion im Reichstag geworden, allerdings war die Parlamentsfraktion fest in der Hand der Parteirechten. Die Fragen Militarismus, Aufrüstung und Kolonialpolitik hatten aber trotzdem eine zentrale Rolle in der Wahlkampagne der Partei gespielt. Unmittelbar danach analysierte Luxemburg, daß trotz dieses Sieges der deutsche Imperialismus nicht geschlagen sei, im Gegenteil - daß sich die Arbeiterbewegung einem "gewaltige(n) Aufschwung des Imperialismus" (RLGW 3/96) gegenübersehe:

"Die Fragen des Militarismus und Imperialismus stellen heute die Zentralachse des politischen Lebens dar, in ihnen und nicht etwa in der Frage der Ministerverantwortlichkeit und anderen rein parlamentarischen Forderungen liegt der Schlüssel zur politischen Lage" (RLGW 3/95).

Die Aufgaben der deutschen Sozialdemokratie liegen - so Luxemburg - daher auch im neuen Reichstag in der "Offensive" gegenüber dem "Hauptfeind: dem Imperialismus". Gerade in den Fragen Militarismus und Kampf gegen den Imperialismus war sich die Partei aber wenig einig: Das Organ der deutsche Revisionisten - die Sozialistischen Monatshefte - unterstützte schon fast traditionell die Kolonialpolitik des Deutschen Reiches und stand hinter den Ansprüchen des zu kurz gekommenen deutschen Imperialismus, der eine Neuaufteilung der Kolonien und Einflußsphären forderte. Ohne Erfolg hatte der Essener Parteitag von 1907 die antikolonialistische Resolution des Stuttgarter Kongresses bekräftigt, das Übergewicht der Rechten in der Parteiführung verhinderte eine entschlossenere Politik, und 1911 ging die Partei in der Marokko-Krise konsequenten Aktionen aus dem Wege. 1913 erhöhte die Regierung die direkten Steuern, um die enormen Rüstungen des Reiches finanzieren zu können - die SPD-Parlamentsfraktion stimmte dafür.

Vor diesem Hintergrund des Vordringens reaktionären Gedankenguts in die Arbeiterbewegung und die Sozialdemokratische Partei - gerade über die Schiene von Militarismus und Imperialismus - muß die Entwicklung von Luxemburgs Positionen zu diesen Fragen gesehen werden.

Für Luxemburg wurde der Imperialismus zum Schlüssel für die Lösung der anstehenden Probleme - und alle politischen Fragen ließen sich in ihrer Analyse auf diese Wurzel zurückführen. Wir wollen uns nun genauer damit befassen, was nun im Detail Rosa Luxemburg - abseits von ihren umfangreichen ökonomischen Arbeiten - in ihren vielen Artikeln, Reden und sonstigen Beiträgen unter Imperialismus verstand, welches Bild sie als Propagandistin und Agitatorin vom Imperialismus vermittelte. Zu beachten ist, daß wir uns hier auf jene Auswahl beschränken müssen, die in den 1970er Jahren in der DDR als fünfbändige Ausgabe publiziert wurde - denn es liegt keine moderne, allgemein zugängliche Gesamtausgabe ihrer Reden und Schriften vor.

Für Luxemburg war klar, daß der Imperialismus ein neues Stadium des Kapitalismus sein müsse. Wie auch in anderen Jahren, hatte sie auch 1913 einen zentralen Maiartikel für die sozialdemokratische Partei verfaßt - Der Maigedanke auf dem Vormarsch. Dort heißt es, nachdem sie das Proletariat einer "geschlossenen feindseligen Reaktion der herrschenden Klassen und ihren tückischen Streichen" (RLGW 3/192) gegenübergesehen hatte:

"Das Zeichen, unter dem sich diese ganze Entwicklung auf wirtschaftlichem und politischem Gebiete vollzogen hat, die Formel, auf die sich ihre Ereignisse zurückführen lassen, heißt Imperialismus. Kein neues Element, keine unerwartete Wendung ist es in der allgemeinen historischen Bahn der kapitalistischen Gesellschaft. Rüstungen und Kriege, internationale Gegensätze und Kolonialpolitik begleiten die Kapitalsgeschichte von ihrer Wiege an. Es ist die äußerste Steigerung dieser Elemente, ein Zusammenrücken, ein gigantisches Auftürmen dieser Gegensätze, was eine neue Epoche im Werdegang der heutigen Gesellschaft ergeben hat" (RLGW 3/193).

Und sie ging wie Lenin sich weiters davon aus, daß der Imperialismus "die Schlußphase der internationalen Kapitalsherrschaft" (RLGW 3/211) sei. Für sie war der Imperialismus eine

"Schlußphase, die (die) gewaltsame Weltaufteilung durch das stürmende Kapital eröffnet. Eine Kette unaufhörlicher, unerhörter Rüstungen zu Lande und zu Wasser in allen kapitalistischen Staaten um die Wette, eine Kette blutiger Kriege, die von Afrika auf Europa übergegriffen haben und jeden Augenblick den zündenden Funken zu einem Weltbrand abgeben können" (RLGW 3/193).

Analysiert als Schlußphase, läßt der Imperialismus auch keinen anderen Ausweg als den Sozialismus, will der Untergang der Kultur vermieden werden:

"Wir stehen also heute, genau wie Friedrich Engels vor einem Menschenalter, vor vierzig Jahren, voraussagte, vor der Wahl: entweder Triumph des Imperialismus und Untergang jeglicher Kultur, wie im alten Rom, Entvölkerung, Verödung, Degeneration, ein großer Friedhof; oder Sieg des Sozialismus, d.h. der bewußten Kampfaktion des internationalen Proletariats gegen den Imperialismus und seine Methode: den Krieg. Dies ist das Dilemma der Weltgeschichte, ein Entweder - Oder, dessen Waagschalen zitternd schwanken vor dem Entschluß des klassenbewußten Proletariats" (RLGW 4/62).

In bilderreicher Sprache werden in den agitatorischen Schriften die Gefahren des Imperialismus beschworen: Deutschland habe sich "mit einem Panthersprung in die uferlosen Gefahren des Imperialismus gestürzt" (RLGW 3/127), wir könnten sehen, wie der "eherne Tritt des Imperialismus alle bürgerliche Opposition niederstampft" (RLGW 3/313), ein "imperialistischer Taumel hat die ganze bürgerliche Gesellschaft gepackt" (RLGW 3/451). In ihren Artikeln gewinnt der Imperialismus fast so etwas wie ein Eigenleben, wenn "die erbarmungslose Walze der imperialistischen Entwicklung Tag um Tag das gesamte Bürgertum von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken zu einer reaktionären Masse platt(drückt)" (RLGW 3/441).

Mit dem Imperialismus ist für sie ursächlich der Niedergang des Parlamentarismus verbunden, denn die "imperialistische Schlußphase der internationalen Kapitalsherrschaft" ist gleichzeitig auch die der "tiefste(n) Verfallsperiode des bürgerlichen Parlamentarismus" (RLGW 3/211).

Immer wieder wird die Parallele zwischen Rüstungen und Krieg einerseits und imperialistischer Politik andererseits gezogen: Denn Imperialismus gehe einher mit

"seinem lawinenartigen Wachstum der Heere, mit seinem Kult der brutalen Militärgewalt, mit seiner überragenden selbstherrlichen Stellung des Militarismus gegenüber der Gesetzgebung" (RLGW 3/428).

Abschließend noch ein Zitat aus einem Artikel zum Anlaß der Maifeier 1914 - der letzten vor dem Beginn des Weltkriegs -, in dem das, was Rosa Luxemburg unter Imperialismus versteht, sehr klar zusammengefaßt wird. Parallel zum stetigen Aufstieg der Arbeiterklasse in den letzten 25 Jahren, den Luxemburg im Artikel konstatieren konnte, habe es, als Ursache dessen, auch eine tiefgreifende Verschiebung im Schoße der bürgerlichen Gesellschaft gegeben:

"Die kapitalistische Produktion, die Industrialisierung der Welt ist im letzten Vierteljahrhundert mit Riesenschritten vorwärtsgegangen. Der technische Fortschritt auf allen Gebieten, namentlich in der Elektrotechnik, in der chemischen Industrie, die Eroberung des Luftmeeres für den Verkehr haben einen ungeahnten Aufschwung genommen. Gleichzeitig haben die Konzentration des Kapitals, der industrielle Betrieb, der Ausbau der Kartelle und Trusts, das Emporkommen des zusammengeballten Bankkapitals und sein internationaler Einfluß die Übermacht der herrschenden Ausbeuterklasse ins gigantische gesteigert. Dieselben fünfundzwanzig Jahre stehen auf politischem Gebiete im Zeichen einer neuen Erscheinung: des Imperialismus. Während Ende der 80er Jahre noch das kleine Europa die eigentliche Bühne der internationalen Diplomatie mit ihren Rechnungen aus der Zeit der Urgroßtante und ihren altväterlichen Mitteln und Kniffen war, ist es heute die gesamte Welt mit ihren fünf Erdteilen und drei Weltmeeren, auf denen das internationale Kapital seine völkermordenden Minen legt, seine Wetterwinkel bereitet, seine Apokalyptischen Reiter blutiger Revolutionen und blutiger Weltkriege herumjagt. Seitdem sind in rascher Folge krachender Donnerschläge der japanisch-chinesische, spanisch-amerikanische, südafrikanische, europäisch-chinesische, Russisch-Japanische, tripolitanische und der Balkankrieg, die russische, persische, türkische, chinesische Revolution in die alten Mauern und Schranken gefallen, sie haben die alte Ordnung von Jahrtausenden in rauchende Trümmer verwandelt, um im gleichen heißen Atem die Weltherrschaft des Kapitals und ihr nahendes Ende zu verkünden. Für die arbeitenden Massen hat dieser Umschwung auf Schritt und Tritt nur neues Elend, neuen Druck und neue Sklaverei mit sich gebracht. Die Industrialisierung der Welt ist für sie mit der Proletarisierung neuer Millionen und aber Millionen identisch. Der technische Fortschritt ist zur Geißel der intensivsten Arbeit geworden (...). Die Trutzburgen des konzentrierten Kapitals, die Kartelle und Unternehmerverbände, haben eine Ära von Massenaussperrungen und einen unaufhörlichen Krieg gegen die Koalitionen der Arbeiter eingeleitet. Das Aufkommen des Imperialismus hat ihnen die furchtbare Last militärischer Rüstungen aufgebürdet" (RLGW 3/435f - unsere Hervorhebung).

Die hier zitierte Stelle zeigt sehr schön, daß sich Rosa Luxemburg der neuen Tendenzen in der kapitalistischen Ökonomie durchaus im klaren war. Diese neuen Tendenzen in der kapitalistischen Ökonomie einerseits, auf der anderen Seite - "auf politischem Gebiete" - der Imperialismus. Das Zitat zeigt sehr schön - und es ist die Quintessenz ihrer Herangehensweise und beileibe keine flüchtig formulierte, isolierte Stelle -, daß sich Rosa Luxemburg durchaus im klaren war, daß Kartelle und Trusts, die Konzentration des Kapitals oder die Entwicklung eines international agierenden Finanzkapitals etwas entscheidend Neues in der Entwicklung des Kapitalismus waren, aber im Grunde blieb sie einer politischen, nicht-ökonomischen Erklärung des Imperialismus verhaftet und vermittelte ein solches Imperialismus-Bild in ihren Arbeiten. Imperialistische Politik erscheint hier in der Essenz als militaristische Politik - Politik, die die ganze Gesellschaft durchdringt, dieser immense Rüstungen aufbürdet und auf die Vorbereitung eines neuen Weltkrieges hinarbeitet. Ökonomische Faktoren bleiben äußerliche, nicht ursächlich die Politik des Imperialismus bestimmende Faktoren. Auch wenn wir das als Ausdruck des verzweifelten Kampfes erkennen müssen , den die Linke in der Sozialdemokratie führte, um die Partei auf das drohende Völkergemetzel vorzubereiten - als Ausdruck dessen, daß Rosa Luxemburg sehr wohl die Wichtigkeit der Frage des Kampfs gegen Militarismus und Krieg erkannt hatte -, so müssen wir doch andererseits eine Verkürzung in der Argumentation erkennen: In den meist agitatorischen Schriften wird Imperialismus eben nicht als ökonomische Formation gesehen, analysiert und dargestellt, sondern als selbständiges, von der Wirtschaft losgelöstes oder mit ökonomischen Faktoren nur verbundenes, nicht von diesen abhängiges Phänomen. Weiter unten können wir feststellen, daß dies alles andere als ein Zufall ist: Auch in ihren großen ökonomischen Arbeiten zeigt sich, daß sich Rosa Luxemburg der Bedeutung von grundlegenden Merkmalen der imperialistischen Epoche nicht bewußt war oder sich nur am Rande mit ihnen beschäftigt hat.

 

3. Krisentheorie bei Luxemburg

Wir waren oben davon ausgegangen, daß Rosa Luxemburgs Akkumulation des Kapitals ein wichtiger kritischer Beitrag zur Auseinandersetzung über ökonomische Fragen gewesen sei. In ihrer Antikritik, der Antwort auf die harsche Kritik, die an ihrer Akkumulationstheorie v.a. von den theoretischen Sachverständigen geübt wurde (so ihre während des ganzen Beitrages durchgehaltene ironische Bezeichnung der theoretischen Widersacher auf seiten des Zentrums), machte Rosa Luxemburg eine Anmerkung zu Hilferdings Hauptwerk, seinem Finanzkapital - insbesondere zu seiner Sichtweise der Marxschen Reproduktionsschemata. Rosa Luxemburg faßt ihre Kritik zusammen:

"Auch Hilferding erblickt also (wie Kautsky, Tugan-Baranowski oder Otto Bauer, d. Verf.) in der Marxschen Analyse der Akkumulation einzig und allein eine Grundlage zur Lösung des Krisenproblems, und zwar indem die mathematischen Schemata die Proportionen zeigen, bei deren Einhaltung die ungestörte Akkumulation stattfinden könnte. Daraus zieht Hilferding zwei Schlüsse:

1. Krisen entstehen lediglich aus Disproportionalität - womit er die 'soweit wir sehen, allgemein von den orthodoxen Marxisten angenommene, von Marx begründete Krisentheorie' aus 'Unterkonsumtion' im Orkus versenkt und dafür die von Kautsky als revisionistische Ketzerei zerschmetterte Krisentheorie Tugan-Baranowskis übernimmt, in deren Konsequenz er folgerichtig bis zur Behauptung des 'Jammermenschen' Say gelangt: allgemeine Überproduktion sei unmöglich.

2. Abgesehen von Krisen als periodischen Störungen infolge mangelnder Proportionalität könne die Kapitalakkumulation (in einer bloß aus Kapitalisten und Arbeitern bestehenden Gesellschaft) durch fortwährende 'Ausdehnung' schrankenlos so weit gehen, wie nur die jeweiligen Produktivkräfte erlauben, womit wiederum der von Kautsky zerschmetterte Tugan wörtlich kopiert wird.

Ein Problem der Akkumulation, abgesehen von Krisen, existiert also für Hilferding nicht, denn die 'Schemata zeigen' ja, daß 'jede Ausdehnung' schrankenlos möglich sei, d.h., daß mit der Produktion zugleich ihr Absatz ohne weiteres wachse" (RLGW 5/454).

Diese Stelle zeigt schon das Problem Rosa Luxemburgs mit der Analyse des Finanzkapitals auf: Denn korrekt ist zwar die Kritik in Bezug auf die Reproduktionsschemata, aber es ist andererseits mehr oder weniger alles, was Rosa Luxemburg sowohl in ihrer Akkumulation des Kapitals als auch der darauffolgenden Antikritik in der Substanz zu Hilferdings Finanzkapital zu sagen hat. Und es ist genau die Analyse des Finanzkapitals, wie wir gleich sehen werden, die für Luxemburg verschlossen bleiben wird. All das ist Ergebnis der Luxemburgschen Bemühungen, ihre Übereinstimmung mit jener Krisentheorie zu beweisen, die 1902 von Kautsky als "allgemein von den orthodoxen Marxisten" (RLGW 5/450) anerkannte und angenommene Theorie verteidigt wurde. Ein längeres Zitat aus der Antikritik möge dies beweisen:

"Das, was meine ,sachverständigen’ Kritiker mir jetzt entgegenhalten, ist wortwörtlich schon im Jahre 1901 von Tugan-Baranowski gesagt worden, und zwar in den beiden charakteristischen Behauptungen: 1. die kapitalistische Produktion bilde durch ihre eigene Ausdehnung den Absatzmarkt für sich, so daß der Absatz bei der Akkumulation an sich keine Schwierigkeiten bieten könne (außer durch mangelnde Proportionalität); 2. den Beweis, daß dem so sei, erbringen - die mathematischen Schemata nach dem Marxschen Muster, d. h. die Rechenübungen mit Addition und Subtraktion auf dem geduldigen Papier. Dies verkündete 1901 Tugan-Baranowski. Da erging es aber dem Manne schlecht. Sogleich nahm ihn Karl Kautsky in der ‘Neuen Zeit’ aufs Korn und unterzog die kühnen Absurditäten des russischen Revisionisten, unter anderem auch seinen obigen ’Grundsatz’, einer erbarmungslosen Kritik.

‘Wäre dies richtig’, so schrieb Kautsky (nämlich, daß es, wie Tugan sagt, bei der proportionellen Einteilung der gesellschaftlichen Produktion für die Ausdehnung des Marktes keine andere Schranke mehr gäbe außer den Produktivkräften, über welche die Gesellschaft verfügt), ‘dann müßte die Industrie Englands um so schneller wachsen, je größer sein Kapitalreichtum. Statt dessen gerät sie ins Stocken, das wachsende Kapital wandert aus, nach Rußland, Südafrika, China Japan usw. Diese Erscheinung findet ihre ungezwungene Erklärung durch unsere Theorie, welche den letzten Grund der Krisen in der Unterkonsumtion sieht, und bildet eine der Stützen dieser Theorie; sie ist unbegreiflich vom Standpunkt Tugan-Baranowskis aus.’ (Neue Zeit, 1902, Nr. 31, S. 140.)

Welche ist nun ’unsere Theorie’, die Kautsky derjenigen Tugans entgegenstellt? Hier ist sie in Kautskys eigenen Worten:

‘Die Kapitalisten und die von ihnen ausgebeuteten Arbeiter bieten einen mit der Zunahme des Reichtums der ersteren und der Zahl der letzteren zwar stets wachsenden, aber nicht so rasch wie die Akkumulation des Kapitals und die Produktivität der Arbeit wachsenden und für sich allein nicht ausreichenden Markt für die von der kapitalistischen Großindustrie geschaffenen Konsummittel. Diese muß einen zusätzlichen Markt außerhalb ihres Bereiches in den noch nicht kapitalistisch produzierenden Berufen und Nationen suchen. Den findet sie auch, und sie erweitert ihn ebenfalls immer mehr, aber ebenfalls nicht rasch genug. Denn dieser zusätzliche Markt besitzt bei weitem nicht die Elastizität und Ausdehnungsfähigkeit des kapitalistischen Produktionsprozesses. Sobald die kapitalistische Produktion zur entwickelten Großindustrie geworden ist, wie dies in England schon im neunzehnten Jahrhundert der Fall war, enthält sie die Möglichkeit derartiger sprunghafter Ausdehnung, daß sie jede Erweiterung des Marktes binnen kurzem überholt. So ist jede Periode der Prosperität, die einer erheblichen Erweiterung des Marktes folgt, von vornherein zur Kurzlebigkeit verurteilt, und die Krise wird ihr notwendiges Ende.

Dies in kurzen Zügen die, soweit wir sehen, von den ,orthodoxen' Marxisten allgemein angenommene, von Marx begründete Krisentheorie.’ (1. c., Nr. 29, S. 80. Hervorhebungen rühren von mir her - R. L.)

Wir sehen hier davon ab, daß Kautsky dieser Theorie den schiefen und zweideutigen Namen einer Erklärung der Krisen ‘aus Unterkonsumtion’ anhängt, welche Erklärung Marx gerade im zweiten Bande des ‘Kapitals’, S. 289, verspottet.

Wir sehen ferner davon ab, daß Kautsky in der ganzen Sache nichts als das Krisenproblem erblickt, ohne, wie es scheint, zu bemerken, daß die kapitalistische Akkumulation auch abgesehen von Konjunkturschwankungen ein Problem darstellt.

Wir sehen endlich davon ab, daß die Kautskysche Äußerung, die Konsumtion der Kapitalisten und Arbeiter wachse ‘nicht rasch genug’ für die Akkumulation, diese daher eines ‘zusätzlichen Marktes’ bedürfe, ziemlich vag ist und den hier liegenden Haken der Akkumulation nicht exakt zu fassen versucht.

Uns interessiert nur, daß Kautsky hier jedenfalls schwarz auf weiß als seine Meinung und als ‘allgemein von den orthodoxen Marxisten’ angenommene Theorie erklärt:

1. daß Kapitalisten und Arbeiter allein für die Akkumulation keinen ausreichenden Markt darstellen;

2. daß die kapitalistische Akkumulation eines ‘zusätzlichen Marktes’ in nichtkapitalistischen Schichten und Nationen bedürfe.

Soweit steht fest: Kautsky widerlegte 1902 bei Tugan-Baranowski genau dieselben Behauptungen, die jetzt von den ‘Sachverständigen" meiner Akkumulationserklärung entgegengehalten werden, und die ‘Sachverständigen’ der marxistischen Orthodoxie bekämpfen bei mir als horrende Abirrung vom wahren Glauben genau dieselbe, nur exakt durchgeführte und auf das Problem der Akkumulation angewandte Auffassung, die Kautsky vor nun 14 Jahren dem Revisionisten Tugan-Baranowski als die ‘allgemein angenommene’ Krisentheorie der orthodoxen Marxisten entgegenhielt.

Und wie beweist Kautsky seinem Wiederpart die Unhaltbarkeit von dessen Thesen? Just auf Grund der Marxschen Schemata? Kautsky zeigt seinem Tugan, daß diese Schemata bei richtiger Handhabung - ich habe in meinem Buche näher beleuchtet und will hier dahingestellt sein lassen, wie Kautsky selbst mit den Schemata operiert - nicht die Tugan-Baranowskische These beweisen, vielmehr im Gegenteil ein Beleg für die Theorie von den Krisen aus ‘Unterkonsumtion’ seien !

Die Welt wankt in ihren Grundfesten. Sollte der Obersachverständige am Ende auch ‘Wesen, Zweck und Bedeutung der Marxschen Schemata’ viel gründlicher als Tugan-Baranowski ‘verkannt’ haben?" (RLGW 5/548 ff.).

All dies illustriert überdeutlich, daß Luxemburgs eigene spezifische Krisentheorie und in der Folge ihre Theorie des Imperialismus im wesentlichen auf einen bewußten Versuch hinauslief, Kautskys Argumentation von 1902 zu benützen und auszubauen. Und sie attackierte unmißverständlich als theoretische Revisionisten nicht nur Hilferding, sondern auch - Kautsky, und dies dafür, von seiner früheren Sichtweise vom Anfang des 20. Jahrhunderts abgerückt zu sein.

Wir müssen im besonderen die drei entscheidenden Elemente in Luxemburgs Argumentation, wie wir sie oben in dem langen Zitat wiedergaben, zusammenfassen und analysieren. Zum ersten: Luxemburg unterscheidet nicht die zwei klar unterschiedenen Aspekte von Kautskys Unterkonsumtionstheorie in den zitierten Passagen. Zum einen bezieht sich eine Passage auf den Kapitalexport von den entwickelten in die unterentwickelten kapitalistischen Länder; eine andere auf den Güterexport, den Export von Konsummittel, in derselben Richtung. Luxemburg entwickelt nun ausschließlich den zweiten Aspekt weiter und benützt Kautskys ersten Argumentationsstrang nur dort, wo er seine Gedanken gegen Tugan-Baranowski und seine Theorie wendet. Und hier stimmen Luxemburg und Kautsky wieder völlig überein, denn dieser entwickelte seine ganze Konzeption bis hin zu seiner Theorie des Ultra-Imperialismus auf der Basis viel eher des zweiten als des ersten Argumentationsstranges. Der Kapitalexport spielt in Luxemburgs Konzeption des Imperialismus dieselbe untergeordnete Rolle wie in der von Karl Kautsky.

Zum zweiten: Luxemburg kritisiert Kautskys Argument des Jahres 1902 - und damit Hilferdings Finanzkapital - im Hinblick auf die Unterkonsumption und Marx' Reproduktionsschemata; sie sieht in der marxistischen politischen Ökonomie lediglich ein Krisenproblem. Dabei ist sie der Meinung, daß sich die Theorie von Marx nicht nur mit dem periodischen industriellen Wechsel von Boom und Niedergang, sondern auch mit dem ökonomischen Zusammenbruch der kapitalistischen Produktion durch ihre eigenen Bewegungsgesetze beschäftigt. Luxemburg war der Meinung, die Verteidigung jener Idee, daß Marx eine Zusammenbruchstheorie kreiert habe, sei eine theoretische Aufgabe von besonderer Bedeutung - eine Theorie, die den revolutionären Kern der marxistischen politischen Ökonomie ausmachen und die der theoretische Revisionismus direkt attackieren würde.

Wie auch immer, ihre theoretische Kritik am frühen Kautsky und Hilferding ist in diesem Punkt eigentümlich einseitig und weit vom eigentlichen Kern des Problems entfernt. Wir haben bereits gesehen, daß 1902 Kautsky die Konzeption entwickelt hatte, die Luxemburg in der zweiten Passage als Beleg des unvermeidlichen Erscheinens einer verlängerten Periode "chronischer Depression" präsentierte.

Karl Kautsky ging davon aus, daß die kapitalistische Produktionsweise ihre nicht übersteigbaren Schranken habe. Es müsse daher eine Zeit kommen, und das könne sehr bald sein, in der eine schnellere Expansion für den Weltmarkt unmöglich - und das auch nur zeitweise - sein werde als die der gesellschaftlichen Produktivkräfte - eine Zeit, in der die Überproduktion für alle Industrienationen chronisch werden würde. Auch dann noch würden Auf- und Abschwünge im ökonomischen Leben möglich und sogar wahrscheinlich sein; und eine Serie von technischen Revolutionen, welche eine Masse der existierenden Produktionsmittel entwerten und die Herausbildung von neuen Produktionsmitteln auf großem Maßstab auslösen würde - so etwa die Entdeckung von neuen reichen Goldvorkommen -, könne auch dann noch für eine gewisse Zeit das Geschäftstempo beschleunigen. Aber die kapitalistische Produktion erfordere ununterbrochene, rasche Ausdehnung, sollen Arbeitslosigkeit und Verelendung des Proletariats und Unsicherheit für die Kleinkapitalisten nicht einen extrem hohen Grad erreichen. Die fortdauernde Existenz der kapitalistischen Produktion, so Kautsky, erschiene möglich, natürlich auch auf Basis einer solchen chronischen Depression, aber sie würde den Massen der Bevölkerung komplett unerträglich werden und diese auf die Suche nach einem Ausweg aus der generellen Misere stoßen, die sie nur im Sozialismus finden könnten.

Diese Passage ist doppeldeutig in der Frage des ökonomischen Zusammenbruchs. Sie beginnt mit der Idee, daß die kapitalistische Produktion ihre Grenzen hat, die nicht überschritten werden könnten, und endet damit, daß der Kapitalismus auch unter den Bedingungen einer verlängerten chronischen Depression "möglich" bleibe - die Frage ist lediglich, ob für immer... Auf der anderen Seite geht Kautsky beim Aufwerfen der Frage einer solchen verlängerten Periode, welche eben genau nicht "Auf- und Abschwünge", zyklische Booms und Krisen ausschließt, klarerweise weiter als mit dem isoliert betrachteten Krisenproblem. Ja mehr noch, Luxemburg konnte mit einer gewissen Berechtigung diese Passage als Rechtfertigung ihrer These zitieren, daß beide - sowohl zyklische Krisen als auch die letztendliche Tendenz zum der kapitalistischen Produktion inhärenten ökonomischen Zusammenbruch - verursacht seien durch die schrittweise Ausdehnung des kapitalistischen Weltmarkts und seine letztendliche Erschöpfung. Hier nimmt Rosa Luxemburg wieder Kautskys Formulierung von 1902 auf und "vertieft" sie in der ihr eigenen unnachahmlichen Art und Weise. Nur in diesem Fall übernahm sie einen wichtigen positiven Grundzug der Position Kautskys genau durch ihre Vertiefung.

Auch Hilferding stellt, wie wir in seinem Finanzkapital gesehen haben, die Frage auf eine Weise, die tiefer als das Problem der zyklischen Krisen allein blicken läßt. Er beschäftigt sich mit dem Problem der verlängerten Aufschwungperiode nach 1895, dem kapitalistischen Sturm und Drang. Folgt man ihm, handelt es sich dabei um eine Periode, die sich aus kurzen flachen Krisen und längeren, umfassenderen Aufschwüngen zusammensetzt. Weiters erkannte er, daß diese lange Periode zu einem Ende kommen würde wegen der realen, historisch gegebenen Grenzen der Weltwirtschaft in Bezug auf die Kapitalinvestitionen (den Kapitalexport) und die Ausdehnung der Märkte. Einmal mehr unterstreicht gerade diese These Luxemburgs einseitige Sichtweise von Hilferding.

Es wäre um vieles korrekter, gegen Luxemburg überhaupt zu sagen, daß für sie dieser ganze Komplex von Problemen, der im Zusammenhang steht mit aufeinanderfolgenden langen Perioden kapitalistischer Expansion und Stagnation, die in keinem Falle auf ein bloßes Krisenproblem reduzierbar sind, schlicht und ergreifend nicht existiert. Und genau das ist, wie wir sehen werden, kein Zufall.

Und drittens: Luxemburg kritisiert Kautsky, diese Krisentheorie mit einem schiefen und zweideutigen Terminus - Unterkonsumtion - versehen zu haben - und korrekterweise weist sie auf Marx' Hohn und Spott im zweiten Band des Kapital hin. Sie vervollständigt diese Kritik mit dem bezeichnenden Argument, daß Kautskys Konzeption von der Notwendigkeit eines zusätzlichen neuen kapitalistischen Marktes für das Fortdauern der kapitalistischen Akkumulation in den industrialisierten Ländern, für eine erweiterte kapitalistische Reproduktion ziemlich vag sei.

In der Konsequenz sagt Luxemburg, sie baue Kautskys eigene Krisentheorie bloß aus und vervollständige sie - und sie akzeptiert in diesem Zusammenhang zwei wichtige Dinge:

1. daß Kapitalisten und Arbeiter allein für die kapitalistische Akkumulation keinen ausreichenden Markt darstellen; und

2. daß daher als Resultat der ersten These die kapitalistische Akkumulation eines zusätzlichen Marktes in nichtkapitalistischen Schichten und Nationen bedürfe.

Als solches verbleibt aber ihre Argumentation völlig am theoretischen Boden der Unterkonsumtion. Ihre Zurückweisung des Terminus, gerechtfertigt durch Marx' theoretische Zurückweisung im zweiten Band des Kapitals, tut hier nichts Wesentliches zur Sache, weil sie dazu gezwungen wird, den ganzen theoretischen Inhalt dieses Bandes zurückzuweisen, um ihre eigene besondere Entwicklung von Kautskys Theorie zu untermauern.

 

4. Luxemburg, Marx und Tugan-Baranowski

Hier ist nun der Punkt, wo wir die Art und Weise zu analysieren haben, wie sich Luxemburg mit den Reproduktionsschemata von Marx, wie sie im zweiten Band des Kapitals entwickelt wurden, beschäftigt. Sie will zweierlei:

1. eine Widerlegung der revisionistischen Interpretation, daß diese Schemata in der Theorie die Möglichkeit einer schrankenlosen Entwicklung der kapitalistischen Akkumulation im Sinne Tugan-Baranowskis beweisen würden; und

2. eine Rechtfertigung für ihren Ansatz, daß der den Imperialismus definierende Grundcharakter als höchste, letzte Stufe kapitalistischer Entwicklung der gigantisch ausgeweitete Warenexport von den imperialistischen Nationen zu den nicht-imperialistischen Nationen und Schichten sei - ein Prozeß, der als Zerstörung der nicht-kapitalistischen Existenz solcher Nationen und Schichten gesehen wird.

Luxemburg beginnt damit, eine völlig legitime Frage zu stellen, eine Frage, die auch Marx im zweiten Band des Kapitals aufwirft: Wie kann die Gesamtheit des produzierten Mehrwerts realisiert werden? Mit anderen Worten, wo ist der Markt für die Waren, welche diesen gesamten Mehrwert verkörpern - einen Mehrwert, welcher kapitalisiert ist, akkumuliert wird und in die erweiterte Reproduktion eingeht? Sie akzpetiert, daß es in der einfachen kapitalistischen Reproduktion kein Problem der Realisierung gibt, auf einem Markt, auf dem Konsumenten gefunden werden, gleichgültig, ob diese Konsumenten die Waren nun kaufen für individuellen Verbrauch oder produktive Nutzung. Das rührt daher, weil in der einfachen Reproduktion die Elemente der kapitalistischen Produktion lediglich auf derselben Stufe wieder ersetzt werden und daher der Gesamtmehrwert von den Kapitalisten in Form eigener Konsumtion vernutzt wird. Nichts vom Mehrwert wird kapitalisiert.

Aber Luxemburg geht weiter in der Argumentation, daß in der kapitalistischen Produktionsweise, d.h. in einer Gesellschaft, in der bloß Kapitalisten und Proletarier existierten - wie es in den Marxschen Schemata abstrakt gedacht war -, kein Markt und auch keine zahlenden Konsumenten existieren könnten für diejenigen Waren, welche in sich jenen Mehrwert tragen, der nicht für die individuelle Konsumption der Kapitalistenklasse, sondern für die Kapitalakkumulation bestimmt sei - für die Produktion von mehr Produktionsgütern und für die Beschäftigung von mehr Arbeitskraft als in der vorhergehenden Runde der Produktion - eben der erweiterten kapitalistischen Reproduktion. Daher war sie auch der Meinung, daß die Marxschen Reproduktionsschemata eine blutleere theoretische Fiktion seien - eine Abstraktion, bar jeden historischen Gehalts. Wenn nun aber die kapitalistische Produktionsweise, unter den Bedingungen der Kapitalakkumulation, nicht in der Lage sei, einen für ihre eigene erweiterte Reproduktion adäquaten Markt bereitzustellen, d.h. für ihre eigene Akkumulation - und Akkumulation ist die Essenz der kapitalistischen Produktion -, dann aber ergibt sich die Notwendigkeit eines nicht-kapitalistischen Marktes, welcher im Gegenzug dann zur Provinz des Imperialismus wird und zur Bedingung der Expansion der Produktion. Daher eben war für Luxemburg das Marxsche Schema der Reproduktion im Band zwei des Kapitals genau deswegen eine blutleere theoretische Fiktion, als es theoretisch, und von vorneherein, jede Möglichkeit einer theoretischen Analyse des Imperialismus ausschließen würde. Das sei das entscheidende Problem bei Marx' theoretischen Irrtümern, folgt man Luxemburg.

Aber in der Tat war, wie wir bereits bemerkt haben, das Marxsche Reproduktionsschema lediglich dazu bestimmt, die Möglichkeit genau aufzuzeigen, daß Kapitalisten und Arbeiterklasse einen ausreichenden Markt für die Realisierung des gesamten produzierten Mehrwerts darstellen - d.h. auch unter Einschluß jenes Teils, der für die Kapitalisierung, also für die Reproduktion, bestimmt sei. Die Antwort, die Marx auf Luxemburgs Frage betreffend die Realisierung dieses Mehrwertteiles gab, war ziemlich einfach. Seine Argumentation lief darauf hinaus, daß die Kapitalistenklasse jenen Markt - direkt oder indirekt - bereitstelle, der für die zusätzlich in den Abteilungen I bzw. II produzierten Produktions- und Konsumtionsgüter notwendig sei. Natürlich, dabei handelt es sich um mehr als die Befriedigung der bloßen individuellen Konsumtionsbedürfnisse - denn dann würde es sich ja um eine einfache Reproduktion handeln -, es geht um die produktive Konsumtion. In Kürze: Die Kapitalisten der Abteilung II fordern und kaufen in der Folge auch die zusätzlichen Produktionsgüter, die in Abteilung I hergestellt wurden; die Kapitalisten der Abteilung I hinwiederum nützen ihren auf diese Weise realisierten Mehrwert für zusätzliches variables Kapital. Die Arbeiter, die auf diese Weise Geld in Lohnform erhalten, kaufen daraufhin die zusätzlich in Abteilung II produzierten Konsumtionsgüter.

Marx beweist, daß auf dem Abstraktionsniveau, auf dem sein Schema angesiedelt ist, die einzige notwendige Bedingung für die Realisierung des gesamten Mehrwerts die Existenz einer Proportionalität zwischen der Produktion von zusätzlichen Produktionsgütern in Abteilung I und zusätzlichen Konsumtionsgütern in Abteilung II ist. Um den Prozeß der Mehrwertrealisierung, für welchen diese ganze zusätzliche Menge an Gütern steht, in Gang zu halten, ist einfach ein Austausch zwischen den beiden Abteilungen erforderlich. Und weil die Marxsche Antwort wirklich einfach ist, war es auch sehr leicht für die Sachverständigen, die Luxemburgs Akkumulation des Kapitals kritisierten - alle gingen an die Frage völlig im Geiste Tugan-Baranowskis heran -, herauszuarbeiten, daß ihre Zurückweisung des Marxschen Schemas der erweiterten Reproduktion nichts weiter sei als ein 'bloßes Mißverständnis'. Aber dieses einfache Mißverständnis kann - ebenso einfach - nicht Luxemburgs grundlegender methodischer und theoretischer Fehler sein. Die Sachverständigen unter ihren Kritikern waren völlig unfähig, die Wurzeln ihrer falschen Konzeption freizulegen, schon allein deshalb, weil sie mit ihr denselben grundlegenden Irrtum gemein hatten. Oder, um es noch genauer zu sagen: Rosa Luxemburg machte exakt denselben theoretischen Fehler wie Tugan-Baranowski - allerdings in der paradoxen Form eines Angriffs auf ihn. Sie kehrte bloß Tugan-Baranowskis eigene theoretische Konzeption von innen nach außen.

Das wird völlig offensichtlich, wenn sie sich mit der Antwort beschäftigt, die Marx im Band zwei auf ihre Frage gibt: Wie kann der Mehrwert, der für die Akkumulation bestimmt ist, am Markt realisiert werden? Korrekterweise weist sie die Idee zurück, daß die Kapitalistenklasse dies durch individuelle Konsumtion erreichen könne, sie stößt auf die korrekte Antwort und ... verwirft sie:

"Am Ende ist der Ausweg aus der Schwierigkeit ganz einfach. Vielleicht gebärden wir uns wie jener Reiter, der verzweifelt nach dem Gaul herumsuchte, auf dem er saß. Die Kapitalisten sind sich vielleicht gegenseitig Abnehmer auch für diesen Rest der Waren - nicht zwar um sie zu verprassen, aber um sie gerade zur Erweiterung der Produktion, zur Akkumulation zu verwenden. Denn was ist Akkumulation anders als eben Erweiterung der kapitalistischen Produktion? Nur müssen jene Waren, um diesem Zweck zu entsprechen, nicht in Luxusgegenständen für den Privatkonsum der Kapitalisten, sondern in allerlei Produktionsmitteln (neuem konstantem Kapital) sowie in Lebensmitteln für Arbeiter bestehen.

Schon gut. Aber eine solche Lösung verschiebt die Schwierigkeit nur von diesem Moment auf den nächsten. Denn nachdem wir so annehmen, daß die Akkumulation losgegangen ist und die erweiterte Produktion im nächsten Jahr eine noch viel größere Warenmasse als in diesem auf den Markt wirft, entsteht wieder die Frage: Wo finden wir dann die Abnehmer für diese noch mehr gewachsene Warenmenge?

Wird man etwa antworten: Nun, diese gewachsene Warenmenge wird auch im folgenden Jahr wiederum von den Kapitalisten selbst untereinander ausgetauscht und von ihnen allen verwendet, um die Produktion abermals zu erweitern - und so fort von Jahr zu Jahr -, dann haben wir ein Karussell vor uns, das sich in leerer Luft um sich selbst dreht. Das ist dann nicht kapitalistische Akkumulation, d.h. Anhäufung von Geldkapital, sondern das Gegenteil: ein Produzieren von Waren um des Produzierens willen, also vom Kapitalstandpunkt eine vollendete Sinnlosigkeit. Wenn die Kapitalisten als Klasse immer nur selbst Abnehmer ihrer gesamten Warenmasse sind - abgesehen von dem Teil, den sie jeweilig der Arbeiterklasse zu ihrer Erhaltung zuweisen müssen -, wenn sie sich selbst mit eigenem Gelde stets die Waren abkaufen und den darin enthaltenen Mehrwert 'vergolden' müssen, dann kann Anhäufung des Profits, Akkumulation, bei der Klasse der Kapitalisten im ganzen unmöglich stattfinden.

Soll diese Platz greifen, dann müssen sich vielmehr anderweitige Abnehmer für die Warenportion finden, in welcher der zur Akkumulation bestimmte Profit steckt, Abnehmer, die ihre eigenen Kaufmittel aus selbständiger Quelle beziehen und sie nicht erst aus der Tasche des Kapitalisten herleiten wie die Arbeiter oder die Mitarbeiter des Kapitals: Staatsorgane, Militär, Geistlichkeit, liberale Berufe. Es müssen dies also Abnehmer sein, die zu ihren Kaufmitteln auf Grund von Warenaustausch, also auch von Warenproduktion gelangen, die außerhalb der kapitalistischen Warenproduktion stattfindet; es müssen dies somit Produzenten sein, deren Produktionsmittel nicht als Kapital anzusehen und die selbst nicht in die zwei Kategorien: Kapitalisten und Arbeiter, gehören, die aber dennoch so oder anders Bedarf nach kapitalistischen Waren haben" (RLGW 4/426ff.).

Und warum verwirft sie die korrekte Antwort? Weil, wie sie argumentiert, diese Antwort bedeuten würde, daß die kapitalistische Akkumulation in diesem Fall ein "Karussell" wäre, "das sich in leerer Luft um sich selbst dreht", "von Jahr zu Jahr"; d.h. ... für immer, ohne Grenzen! In aller Kürze: Diese korrekte Antwort ist nach Luxemburg nichts anderes als Tugan-Baranowskis famoses Karussell, wie sie seine Position in bezug auf Marx benannte, daß die Schemata den potentiell grenzenlosen Spielraum der kapitalistischen Akkumulation demonstrieren würden! Es handelt sich also um Tugan-Baranowskis Argument, von innen nach außen gewendet. In der Konsequenz bekennt sie sich damit offen dazu, daß im Kern Tugans Interpretation der theoretischen Rolle und der Bedeutung der Marxschen Reproduktionsschemata korrekt sei. Mit anderen Worten, daß diese Schemata tatsächlich exakt das beweisen würden, was sie nach Tugan-Baranowski beweisen sollten. Natürlich konnte Tugan-Baranowski frohen Herzens seine eigene Interpretation akzeptieren, während sie Luxemburg streng als irrigen theoretischen Revisionismus zurückwies ... gemeinsam mit den Schemata von Marx. Das aber ist wenig hilfreich, es stellt lediglich Tugans grundlegenden theoretischen Irrtum, welcher in der revisionistischen Interpretation der Schemata wurzelt, einmal mehr unter Beweis.

Was aber war der Fehler, wo lag er begründet? Es war das Versagen im Verständnis von Marx' dialektischer und materialistischer Methode im allgemeinen und deren Anwendung im Kapital im speziellen. Im Grunde fingen sich sowohl Tugan als auch Luxemburg in der Falle der Identifikation des Abstrakten mit dem Konkreten, d.h. in diesem Zusammenhang in einer Identifikation von Marxens Reproduktionsschemata des zweiten Bandes des Kapitals mit der konkret gegebenen Realität des existierenden Kapitalismus. Tugan-Baranowski war der Meinung, die Schemata seien eine komplette und abbildhaft genaue theoretische Widerspiegelung der Totalität - konkret des Kapitalismus, wie er existierte. Luxemburg nahm genau dies als Ausgangspunkt und kritisierte die Schemata als blutleere theoretische Fiktion, welche die wirkliche Natur des konkreten Kapitalismus und im besonderen des Imperialismus komplett verfälschten und im theoretischen verdunkelten.

Niemand von beiden, weder Tugan-Baranowski noch Luxemburg, hatte verstanden, daß die im höchsten Maße abstrakten Reproduktionsschemata nichts weiter waren als unentbehrliche theoretische Stufen in der Marxschen Analyse des konkret gegebenen Kapitalismus - Stufen, die das nicht sein konnten, was sie auch niemals sein sollten: eine genaue Widerspiegelung des Kapitals in der Gesamtheit seiner konkreten Bewegung. Nein. Marx wollte einfach nichts anderes, als theoretisch die Möglichkeit der einfachen und erweiterten kapitalistischen Reproduktion demonstrieren, aber unter keinen Umständen ihre Unvermeidlichkeit unter allen konkreten Bedingungen der kapitalistischen Akkumulation bewiesen haben. Im Detail sieht Marx in den Schemata von genau all jenen konkreten Merkmalen des Kapitalismus ab, die in der Realität zum unvermeidlichen Zusammenbruch der kapitalistischen Akkumulation führen - im besonderen von der kapitalistischen Entwicklung der Produktivkräfte, welche die Form einer steigenden organischen Zusammensetzung des Kapitals annimmt - und die erst im dritten Band des Kapitals auf theoretischer Ebene wiedereingeführt wurden..

Tugan-Baranwoski zog offen die absurden Schlußfolgerungen seiner falschen Methode und drängte Luxemburg daher auch, dasselbe zu tun. Der Part des Korrektors dieser Fehler blieb Bucharin vorbehalten, der kein großer Liebhaber des logisch Absurden war und der 1925 (durchaus auch mit fraktionellen Absichten) sein Buch Imperialismus und die Akkumulation des Kapitals publizierte. Bucharin demonstrierte, mit Luxemburgs eigenen Worten, daß die Antwort auf das von ihr selbst gestellte Rätsel nur eine falsche sein könne. Wie sie selbst feststellte, müßten die nicht-kapitalistischen Warenproduzenten zuerst einmal ihre Güter an die kapitalistisch Produzierenden verkaufen, um dann umgekehrt Güter von den Kapitalisten kaufen zu können, welche sich in der Folge diesen Teil des Mehrwerts einverleiben, der für die Akkumulation bestimmt ist. Die nicht-kapitalistischen Warenpoduzenten realisieren damit diesen Teil des Mehrwerts durch ihren Kauf, so Luxemburg. In aller Kürze: Es muß also einen Austausch von Waren zwischen dem kapitalistischen und dem nicht-kapitalistischen Milieu geben. Dies vorausgesetzt, ist es klar, daß die nicht-kapitalistische Natur von Luxemburgs Drittem (neben Kapitalisten und Arbeitern) die Bedingungen für ihre Probleme kein bißchen ändern, weil sie die Frage ausschließlich auf der Ebene der Realisierung ansiedelt, am Markt. Und hier tut es absolut nichts zur Sache, ob nun der Käufer ein Kapitalist oder eben nicht ist, es hat durchaus keine Wirkung auf die Realisierung der Werte. Mit ihren eigenen Worten: Luxemburg sitzt immer noch in ihrem Karussell, das sich in leerer Luft um sich selbst dreht. Aber im Unterschied zum Reiter, der verzweifelt nach dem Gaul suchte, auf dem er saß, versucht sie das trickreiche Manöver, in voller Fahrt die Sitze des Karussells zu wechseln.

Das aber führt unweigerlich zu einer wirklich kläglichen theoretischen Schlußfolgerung: Luxemburg hatte die Kritik an Tugan-Baranwoski und den anderen legalen Marxisten lieb gewonnen, sie hätten zu viel Gewicht auf eine nähere Prüfung durch ihre Interpretationen der Marxschen Schemata gelegt, sie hätten zu viel bewiesen. Aber hier beweist sie selbst zu viel, viel zu viel. Was die innere Logik ihres eigenen Arguments betrifft, daß die Existenz eines Marktes im nicht-kapitalistischen Milieu alles in allem das von ihr aufgeworfene Problem nicht löst, beweist sie unbewußt damit theoretisch doch nur, daß die kapitalistische Akkumulation a priori unmöglich sei! Das aber hatte sie gerade nicht im Sinn, als sie sich aufmachte, die marxistische Zusammenbruchstheorie zu verteidigen!

Indem sie Tugan-Baranowskis Argumentation von innen nach außen kehrte, glückte ihr bloß eine Verallgemeinerung der theoretischen Schlußfolgerungen der Narodniki, der Volkstümler. Diese russischen Anhänger einer Unterkonsumtionstheorie hatten unter Benützung der Marxschen Schemata versucht zu beweisen, daß in Rußland, d.h. unter ganz bestimmten historischen Bedingungen, der Kapitalismus keine Möglichkeit einer ernsthaften Entwicklung habe. Luxemburgs implizite theoretische Schlußfolgerung ist die, daß der Kapitalismus sich zu keiner Zeit, an keinem Ort und unter überhaupt keiner Bedingung entwickelt haben dürfte. Das ist die Strafe dafür, wenn mit blutleeren theoretischen Fiktionen operiert wird...

Diese Interpretation der Beziehung von Luxemburgs Imperialismustheorie zu Tugan-Baranowskis Konzeption ist in ihren wichtigen Elementen nicht neu. Der polnische marxistische Ökonom Henryk Grossmann nimmt darauf in aller Kürze 1929 bezug: Es sei Rosa Luxemburgs großes historisches Verdienst, daß sie - in bewußter Opposition und unter Protest gegen die neo-harmonistischen Verdrehungsversuche - an den grundlegenden Ideen von Marx' Kapital festgehalten und versucht habe, diese durch das Aufzeigen einer absoluten ökonomischen Obergrenze für die weitere Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise zu unterstützen. Aber statt daß sie das Marxsche Reproduktionsschema im Kontext des Marxschen Gesamtsystems überprüft hätte, in besonderen im Lichte seiner Reproduktionstheorie, sei sie unbewußt dem Einfluß jener erlegen, die sie bekämpfen wollte. D.h. sie habe geglaubt, daß die Marxschen Schemata in der Tat eine schrankenlose Akkumulation zulassen würden - bis zum jüngsten Tag in einem Kreis, "wie in Tugan-Baranowskis Theorie". Und weil sie der Meinung war, daß die "Möglichkeit einer schrankenlosen Akkumulation" ad infinitum tatsächlich aus den Marxschen Schemata der Reproduktion gefolgert werden könnte und daß daher Tugan-Baranowski, Hilferding und später Otto Bauer korrekterweise diese Schlußfolgerung aus dem Schema gezogen hätten, habe sie schließlich diese Schemata verworfen, um die Zusammenbruchstheorie, welche auf den Band eins des Kapitals zurückgeführt werden könne, zu retten.

Und diese aus dem Band eins stammende Theorie, der Kapitalismus habe eine Tendenz zum ökonomischen Kollaps, war im Band drei des Kapitals noch beträchtlich weiterentwickelt worden. Daher der unvermeidliche Gedanke Luxemburgs, daß da ein grundlegender Widerspruch zwischen den historisch unbefriedigenden Abstraktionen des zweiten Bandes und der in den beiden anderen Bänden entwickelten Theorie enthalten sei. Es waren daher auch die Schemata, auf die sie sich bezog, als sie die theoretischen Epigonen, die "'sachverständigen' Hüter des Marxismus" (RLGW 5/438) attackierte, die sich an die Formeln des Meisters klammern, während sie den lebendigen Geist seiner Lehren verleugnen. Das alles sei ein "so krasser Fall des Epigonentums", daß er nur mit Vorkommnissen aus den "Kreisen des Zopfgelehrtentums" verglichen werden könne. Ihre Argumentation zum zweiten Band des Kapitals läuft anders:

Speziell die Analyse der Akkumulation des Gesamtkapitals sei, "als letztes Kapitel des Manuskripts, am schlechtesten weggekommen", und diese habe "nach dem Engelsschen Zeugnis Marx selbst 'einer Umarbeitung dringend bedürftig'" erschienen. Sie sei, wie Engels im Vorwort zum zweiten Band bemerkte, "nur eine vorläufige Behandlung des Gegenstandes" geblieben (MEW 24, S.12).

"Wie denn Marx im Verlaufe seiner Analyse das Problem der Realisierung des Mehrwerts bis zu Ende des Manuskripts immer wieder wälzte, seine Zweifel in immer neuer Form erhob und dadurch schon die Schwierigkeit des Problems selbst bezeugte.

Zwar ergeben sich zwischen den Voraussetzungen des kurzen Fragments am Schlusse des zweiten Bandes, wo Marx die Akkumulation behandelt, und den Darlegungen des dritten Bandes, wo er die 'Gesamtbewegung des Kapitals' schildert, sowie mehreren wichtigen Gesetzen des ersten Bandes klaffende Widersprüche, auf die ich in meinem Buche eingehend hinweise" (RLGW 5/434).

Aber auch Tugan-Baranowski sah einen Widerspruch zwischen den Reproduktionsschemata und seiner Konzeption der unterschiedlichen Krisentheorien, die im ersten und im dritten Band des Kapitals gefunden werden könnten. Natürlich, Luxemburg begann mit dem löblichen Ziel, die Marxsche Theorie der kapitalistischen Krisen und des ökonomischen Zusammenbruchs gegen Tugans theoretischen Revisionismus zu verteidigen. Und auf dieser Basis verteidigte sie in der Tat auch das marxistische Programm, den marxistischen Ansatz. Trotz dieses Ziels tendierte sie zu zweierlei, nämlich dazu,

1. die Bedeutung der Bewegungsgesetze der kapitalistischen Akkumulation, wie sie Marx im ersten Band des Kapitals präsentiert hatte, herunterzuspielen; und

2. schlußendlich dabei zu enden, das Gesetz der fallenden Profitraten, wie es im dritten Band des Kapitals entwickelt wurde, völlig im Geiste Tugan-Baranowskis zu revidieren.

Mit anderen Worten: Rosa Luxemburg bekundet eine deutliche Tendenz, alle drei Bände des Kapitals in Linie zu bringen mit ihrer Konzeption a la Tugan-Baranowski des Bandes zwei. Weil dies aber völlig ihren subjektiven Intentionen entgegen läuft, erfordert dies einige Erläuterungen.

Luxemburg beharrt eindringlich darauf, daß der Imperialismus eine bestimmte Stufe der weltweiten kapitalistischen Entwicklung, nämlich die "höchste" und "letzte" Stufe, darstellt, eine Stufe also, welche unweigerlich zum ökonomischen, sozialen und politischen Kollaps des Kapitalismus führt. Ihre ganze Methode und Theorie aber führt sie konsequenterweise der inneren Logik nach dazu, den Kern der Marxschen Theorie der Kapitalakkumulation - die Mehrwertproduktion, die kapitalistische Ausbeutung der Arbeiterklasse - in seiner Bedeutung herunterzuspielen und sich statt dessen auf die Frage der Realisierung des Mehrwerts am Markt, auf die Konsumtion, zu konzentrieren.

Diese Methode und diese Theorie bedingen ihre ganze Konzeption des Imperialismus und seines unausweichlichen Zusammenbruchs. Folgt man ihr, ist der Imperialismus jenes Stadium der kapitalistischen Entwicklung, in dem eine besonders energische, eine besonders nachdrückliche Ausdehnung hin zu neuen nicht-kapitalistischen Märkten feststellbar sei. Und diese weltweite Expansion beinhalte einen fatalen inneren Widerspruch: Diese Ausdehnung führe zur Entwicklung kapitalistischer Beziehungen auch in jenen Gebieten und Bereichen, die ursprünglich die unabdingbaren nicht-kapitalistischen Märkte bereitgestellt hätten. Daher bestehe die Notwendigkeit, immer von neuem nicht-kapitalistische Märkte zu finden. Und an diese Ausdehnung sei daher eine offensichtliche theoretische und praktische Schranke für den weltgeschichtlichen Prozeß geknüpft - nämlich die totale Beherrschung der Weltwirtschaft durch kapitalistische Produktionsbeziehungen. Die imperialistische Entwicklung führe daher, gerade durch ihre rasende Suche nach neuen nicht-kapitalistischen Märkten und ihre darauffolgende Zerstörung, nach Luxemburg zur tatsächlichen Verwirklichung von Marxens blutleerer theoretischer Fiktion, der totalen Weltherrschaft des Kapitalismus, und in der Folge zur Existenz von nur jenen beiden Klassen, der Kapitalisten und des Proletariats, die sich in den Reproduktionsschemata wiederfinden - und das auf weltweiter Ebene.

Ironischerweise ist gerade dies ein Argument, das nahegelegt, daß die Schemata wohl alles andere als Fiktion und blutleer wären:

"Das, was Marx als die Voraussetzung seines Schemas der Akkumulation angenommen hat, entspricht also nur der objektiven geschichtlichen Tendenz der Akkumulationsbewegung und ihrem theoretischen Endresultat. Der Akkumulationsprozeß hat die Bestrebung, überall an die Stelle der Naturalwirtschaft die einfache Warenwirtschaft, an Stelle der einfachen Warenwirtschaft die kapitalistische Wirtschaft zu setzen, die Kapitalproduktion als die einzige und ausschließliche Produktionsweise in sämtlichen Ländern und Zweigen zur absoluten Herrschaft zu bringen.

Hier beginnt die Sackgasse. Das Endresultat einmal erreicht - was jedoch nur theoretische Konstruktion bleibt -, wird die Akkumulation zur Unmöglichkeit: Die Realisierung und Kapitalisierung des Mehrwerts verwandelt sich in eine unlösbare Aufgabe. In dem Moment, wo das Marxsche Schema der erweiterten Reproduktion der Wirklichkeit entspricht, zeigt es den Ausgang, die historische Schranke der Akkumulationsbewegung an, also das Ende der kapitalistischen Produktion. Die Unmöglichkeit der Akkumulation bedeutet kapitalistisch die Unmöglichkeit der weiteren Entfaltung der Produktivkräfte und damit die objektive geschichtliche Notwendigkeit des Untergangs des Kapitalismus. Daraus ergibt sich die widerspruchsvolle Bewegung der letzten, imperialistischen Phase als der Schlußperiode in der geschichtlichen Laufbahn des Kapitals" (RLGW 5/364).

 

5. Luxemburgs Akkumulationstheorie

Die für uns wichtigste Frage in diesem Zusammenhang ist: Welche Beziehung zeigt Luxemburgs Theorie des Zusammenbruchs der kapitalistischen Reproduktion als Ergebnis der Unmöglichkeit, ausreichend Mehrwert zu realisieren, zu der Marxschen Theorie von Krisen und wirtschaftlichem Zusammenbruch als Folge einer unzureichenden Mehrwertproduktion, die sich im Gesetz der fallenden Profitraten ausdrückt, wie es im Detail im Band drei des Kapitals entwickelt wurde? Um diese Frage zu beantworten, muß zuerst die Beziehung von Luxemburgs Theorie zu den generellen Gesetzen der kapitalistischen Akkumulation, wie sie im Band 1 des Kapitals aufgestellt wurden, untersucht werden. Die Antwort auf genereller Ebene ist die, daß im gesamten wenig Beziehung besteht oder, um es moderner zu sagen, eine bloß äußerliche und oberflächliche.

Die ganze Frage der Konzentration und Zentralisierung des Kapitals - mit dem Ziel, Monopole zu bilden - als charakteristisches Phänomen des imperialistischen Stadiums des Kapitalismus im Gegensatz zur Stufe des freien Wettbewerbs spielt keine entscheidende Rolle in Luxemburgs Konzeption. Sie anerkennt zwar, daß Monopole spezifisch sind für das imperialistische Stadium, immerhin hat sie ihren Kautsky und Hilferding gelesen, aber sie erwähnt diese lediglich in einer kleinen Fußnote in ihrer Akkumulation des Kapitals:

"Die Behandlung der Kartelle und Trusts als einer spezifischen Erscheinung der imperialistischen Phase auf dem Boden des inneren Konkurrenzkampfes zwischen einzelnen Kapitalgruppen um die Monopolisierung der vorhandenen Akkumulationsgebiete und um die Verteilung des Profits liegt außerhalb des Rahmens dieser Arbeit" (RLGW 5/401).

Wird das Problem auf diese Art und Weise gestellt, bedeutet dies, daß der innere Konkurrenzkampf der kapitalistischen Monopole und der Kampf dieser selben Monopole um neue äußere nicht-kapitalistische Märkte, um die Provinz des Imperialismus, als etwas grundsätzlich Äußerliches für jedes einzelne dieser Monopole gesehen wird. Auf dieser Basis versagt Luxemburg unvermeidlich in der Analyse der ganzen inneren Struktur des modernen Kapitalismus, des Finanzkapitals.

Weiter: Ihr ganzer Nachdruck und ihre Konzentration auf den Warenexport spielt die Bedeutung des Kapitalexports herunter. Noch einmal: Sie verleugnet in keiner Weise, daß die Vorherrschaft des Kapitalexports ein spezifischer Grundzug der imperialistischen Phase sei, aber dieser besondere Charakterzug spielt keine integrale Rolle in ihrer Imperialismus-Theorie.

Völlig in Übereinstimmung mit dieser ganzen Herangehensweise und der Methode, welche ihr zugrundeliegt, macht Luxemburg genau dasselbe in der Akkumulation mit dem Gesetz des tendentiellen Falls der Profitrate. In ihrer einzigen wichtigen Bemerkung dazu behandelt sie dieses Gesetz wieder - als einen äußerlichen Reflex zum Problem des Marktes und der Realisierung des Mehrwerts:

"Im innern kapitalistischen Verkehr können im besten Fall nur bestimmte Wertteile des gesellschaftlichen Gesamtprodukts realisiert werden: das verbrauchte konstante Kapital, das variable Kapital und der konsumierte Teil des Mehrwerts; hingegen muß der zur Kapitalisierung bestimmte Teil des Mehrwerts 'auswärts' realisiert werden. Ist die Kapitalisierung des Mehrwerts der eigentliche Zweck und das treibende Motiv der Produktion, so ist andererseits die Erneuerung des konstanten und variablen Kapitals (sowie des konsumierten Teils des Mehrwerts) die breite Basis und die Vorbedingung jener. Und wird mit der internationalen Entwicklung des Kapitalismus die Kapitalisierung des Mehrwerts immer dringender und prekärer, so wird die breite Basis des konstanten und variablen Kapitals als Masse absolut und im Verhältnis zum Mehrwert immer gewaltiger. Daher die widerspruchsvolle Erscheinung, daß die alten kapitalistischen Länder füreinander immer größeren Absatzmarkt darstellen, füreinander immer unentbehrlicher werden und zugleich einander immer eifersüchtiger als Konkurrenten in Beziehungen mit nichtkapitalistischen Ländern bekämpfen. Die Bedingungen der Kapitalisierung des Mehrwerts und die Bedingungen der Erneuerung des Gesamtkapitals treten miteinander immer mehr in Widerspruch, der übrigens nur ein Reflex des widerspruchsvollen Gesetzes der fallenden Profitrate ist" (RLGW 5/316f).

Gerade Marx aber hatte niemals die äußerliche kapitalistische Expansion in neue Teile der Welt durch den Warenexport (oder in unserem Zusammenhang den Kapitalexport) und die darauffolgende Entwicklung des Kapitalismus in diesen Gebieten, welche den realen historischen Prozeß der Herausbildung einer kapitalistischen Weltwirtschaft bildet, als einen Reflex der inneren Widersprüche und der Bewegungsgesetze der Kapitalakkumulation in den kapitalistischen Nationen betrachtet. Vielmehr stellte er fest, daß die Expansion des Kapitalismus auf weltweiter Ebene ein notwendiges äußerliches Ergebnis der inneren Bewegungsgesetze der Kapitalakkumulation sei.

In Marx' Worten existiert hier ein innerer Zusammenhang zwischen der inneren Entwicklung und ihrer äußerlichen Bewegung. Die fallende Tendenz der Profitrate steht direkt am Beginn einer wahnwitzigen Suche nach neuen Märkten, bereits kapitalistischen oder auch nicht, um eine größere Masse und eine höhere Rate an Mehrwert zu realisieren, und sie führt zu einer wahnwitzigen Suche nach neuen Sphären für Kapitalinvestitionen mit höheren Profitraten. Daher konnte Marx auch die Feststellung machen, daß ausgedehnte Bereiche der Mehrwertrealisierung tatsächlich zumindest teilweise die Widersprüche der Kapitalakkumulation überwinden konnten - indem diese neuen fremden Märkte hier als ausgleichende Tendenz unter anderen zur Tendenz der fallenden Profitraten fungierten. Aber bei der beschleunigten Kapitalakkumulation auf weltweiter Ebene vertiefen in letzter Konsequenz all diese entgegenwirkenden Tendenzen die inneren Gesetze der kapitalistischen Entwicklung und vertiefen daher auch die fallende Tendenz der Profitraten. Dieser innere Zusammenhang ist im Detail im dritten Band des Kapitals analysiert.

Aber die Sache wird noch schlechter mit Luxemburg und der Tendenz der fallenden Profitrate. Wir wissen von ihrer Replik in der Antikritik, daß einer ihrer Kritiker der Akkumulation in einer Provinzzeitung der SPD das von Marx entdeckte Gesetz, wie es von ihm im Band 3 entwickelt wurde, gegen ihre Theorie wendete. Diese ihre Antwort - wieder in eine Fußnote verbannt - zeigt, wie ihre theoretische Scheidung von Krisen und ökonomischem Zusammenbruch von den Marxschen Gesetzen der Kapitalakkumulation notwendigerweise in die Richtung einer kompletten Verneinung dieser Gesetze führt:

"Oder aber bleibt der etwas nebelhafte Trost eines kleinen 'Sachverständigen' aus der 'Dresdner Volkszeitung' übrig, der nach gründlicher Vernichtung meines Buches erklärt, der Kapitalismus werde schließlich 'an dem Fall der Profitrate' zugrunde gehen. Wie sich der gute Mann eigentlich das Ding vorstellt, ob so, daß an einem gewissen Punkte die Kapitalistenklasse, vor Verzweiflung ob der Niedrigkeit der Profitrate, sich insgesamt aufhängt, oder ob sie etwa erklärt, bei solchen lumpigen Geschäften verlohne sich die Plackerei nicht mehr, worauf sie die Schlüssel selbst dem Proletariat abliefert? Wie dem sei, der Trost wird leider durch einen einzigen Satz von Marx in Dunst aufgelöst, nämlich durch den Hinweis, daß 'für große Kapitale der Fall der Profitrate durch Masse aufgewogen' werde. Es hat also mit dem Untergang des Kapitalismus am Fall der Profitrate noch gute Wege, so etwa bis zum Erlöschen der Sonne" (RLGW 5/446).

Dies ist, mit Verlaub gesagt, eine etwas befremdliche Argumentation. Sie besteht aus drei Teilen:

1. Diese Fußnote ist einer Passage angegliedert, in welcher Luxemburg die Revisionisten wegen ihres theoretischen Vorschlags attackierte, daß die kapitalistische wirtschaftliche Entwicklung potentiell grenzenlos sei - daß es also keinen unvermeidlichen wirtschaftlichen Zusammenbruch des Kapitalismus gebe. Ihr Kritiker von der Dresdner Volkszeitung aber argumentierte ja gerade für den Kollaps des Kapitalismus - allerdings nicht wegen des von Luxemburg herangezogenen Realisationsproblems, sondern wegen der fallenden Profitrate. Eigentlich hätte man denken sollen, daß diese Tatsache ein kritisches Willkommenheißen gegen die Optimisten verbürgt hätte!

2. Der nächste Schritt in ihrer Argumentation gegen den kleinen "Sachverständigen" ist im ganzen ihren eigenen Kritikern unter den Sachverständigen angemessen und ihrer wert, nicht aber Rosa Luxemburg. Das erzrevisionistische Argument wird aufgewärmt, das so oft gegen ihre eigene Theorie des wirtschaftlichen Zusammenbruchs gebraucht wurde, daß der Kapitalismus niemals wegen eines ökonomischen Kollaps verschwinden würde, sondern ausschließlich und einzig durch die bewußte politische Aktion der Arbeiterklasse!

3. Der letzte Teil des Arguments ist alles in allem der schlechteste und bedingt den Rest. In Übereinstimmung mit Luxemburg habe auch Marx argumentiert, der Kapitalismus könne durch die Massenproduktion die Tendenz der fallenden Profitrate auf unbeschränkte Zeiten ausgleichen - "so etwa bis zum Erlöschen der Sonne". In der Tat aber bewies Marx das genaue Gegenteil: daß sich mit der Entwicklung der Massenproduktion die Tendenz der fallenden Profitrate in der Grundrichtung vertieft und akut wird. Luxemburgs Argument hat seine historischen Vorläufer - es ist in allen seinen Bestandteilen ähnlich der Argumentation von - Tugan-Baranowski! Diese Tatsache erklärt zur Genüge den Rückfall in die revisionistischen Positionen von Argument 2.

In einigen zusammengedrängten Sätzen schafft es Rosa Luxemburg, alles Positive und all das, was auf revolutionäre politische Schlußfolgerungen in ihrer Theorie ausgerichtet war, komplett auf den Kopf zu stellen. Sie leugnet die Tendenz der fallenden Profitrate als ein wirksames historisches Gesetz. Genau so aber, wie auf dieser Tendenz die Tendenz zum unausweichlichen wirtschaftlichen Zusammenbruch beruht, genauso läßt sie die - zumindest theoretische - Möglichkeit einer schrankenlosen wirtschaftlichen Entwicklung des Kapitalismus zu, "so etwa bis zum Erlöschen der Sonne". Auf dieser Basis aber zieht sie ein wenig überzeugendes Argument aus der Tasche - es betrifft die Tatsache, daß die kapitalistische Klasse nicht einfach ihre Herrschaft passiv aufgeben wird und daß, als dessen Folge, ihr politisch von der Arbeiterklasse entgegengetreten werden muß. Das aber ist eine undialektische Gegenüberstellung von ökonomischem Zusammenbruch und Klassenkampf! Nichts davon ist zufällig, es widerspiegelt die gewaltigen Widersprüche in Luxemburgs Herangehensweise. Sie begann mit dem Ziel der Verteidigung der Theorie von Krisen und Zusammenbrüchen, in einer Linie mit den revolutionären Schlußfolgerungen, die daraus abgeleitet wurden. Und sie glaubte daran, ihre Argumente gegen Tugan-Baranowski und Konsorten im ersten und dritten Band des Kapitals gefunden zu haben. Aber ihre Basis blieb bei alledem die Anerkennung von Tugans revisionistischer Konzeption des zweiten Kapital-Bandes - und genau deshalb mußte sie bei einer Zurückweisung der Marxschen Tendenz zum Fall der Profitrate im Geiste Tugan-Baranowskis landen. In aller Kürze: Sie schafft es schließlich, die Gesamtheit des Kapitals in Linie zu bringen mit ihrer revisionistischen Konzeption der theoretischen Richtung des zweiten Bandes des Kapitals.

Wie aber war es möglich, daß Rosa Luxemburg, die ja doch wohl ihren Marx kannte, zu solchen grundlegenden Irrtümern in bezug auf das Fallen der Profitrate kommen konnte? Nur wegen der historischen Entwicklung der steigenden organischen Zusammensetzung des Kapitals, also nichts anderem als der kapitalistischen Entwicklung der Arbeitsproduktivität - also der Produktivkräfte, wie sie in der Wertzusammensetzung des Kapitals widerspiegelt wird. Denn diese führt nicht nur schlußendlich zu einem Fall der Profitrate und der Profitmasse, sie ist auch unmittelbar und auf kurze Sicht hauptverantwortlich für eine Steigerung von Profitrate und -masse. Genau wegen dieses widersprüchlichen Effekts der Produktivitätserhöhung der Arbeitskraft ist das Gesetz des Falles der Profitrate "nur" ein tendentiell wirkendes Gesetz, d.h. es handelt sich hier nicht um ein Gesetz, das in einer gleichförmigen Richtung unter allen spezifischen Bedingungen wirkt. Mit anderen Worten: Die Zunahme der Produktivität der Arbeitskraft, welche unter kapitalistischen Bedingungen eine Zunahme in der Ausbeutungsrate der Ware Arbeitskraft und daher eine Zunahme in der Rate und Masse des Mehrwerts bedeutet, ist der tieferliegende Grund des gesetzmäßigen Verfalls der Profitrate, gleichzeitig aber auch die wichtigste diesem Gesetz entgegenwirkende Tendenz. Marx jedoch bestand immer darauf, daß in letzter Konsequenz die Tendenz zum Fallen dominant sei, daß die steigende Mehrwertrate nicht auf Dauer den Fall der Profitrate aufheben könne und (was uns am meisten hier interessiert) auch nicht die zunehmende Mehrwertmasse sich in einer zunehmenden Profitmasse ausdrücken kann. Letzteres zeigt, daß für Marx die Massenproduktion letztendlich nicht in der Lage ist, die zurückgehende Profitrate zu kompensieren. Hier sein Argumentationsgang in den Grundrissen:

"Allgemein also ausgedrückt: Nimmt die Profitrate ab für das größre Kapital, aber nicht im Verhältnis seiner Größe, so wächst der gross profit, obgleich die Rate des Profits abnimmt. Nimmt die Profitrate ab im Verhältnis zu seiner Größe, so bleibt der gross profit derselbe wie der des kleinren Kapitals; bleibt stationär. Nimmt die Profitrate ab im größren Verhältnis, als seine Größe wächst, so nimmt der gross profit des größeren Kapitals, verglichen mit dem kleinren, ebensosehr ab, als die Profitrate abnimmt. Es ist dies in jeder Beziehung das wichtigste Gesetz der modernen politischen Ökonomie und das wesentlichste, um die schwierigen Verhältnisse zu verstehn. Es ist vom historischen Standpunkt aus das wichtigste Gesetz. Es ist ein Gesetz, das trotz seiner Einfachheit bisher nie begriffen und noch weniger bewußt ausgesprochen worden ist" (MEW 42/641).

Und genau dieses in jeder Beziehung wichtigste Gesetz der modernen politischen Ökonomie - der kapitalistischen Ökonomie - ist entscheidend für ein korrektes theoretisches Verständnis des Imperialismus, genau weil es vom historischen Standpunkt aus das wichtigste Gesetz ist. Und Luxemburg beginnt gerade damit, dieses Gesetz in seiner Bedeutung herunterzuspielen - und sie endet geradeheraus bei seiner Zurückweisung.

In diesem Zusammenhang müssen wir uns mit Luxemburgs Theorie der periodischen Krisen und ihrer Beziehung zu ihrem Konzept des unausweichlichen Zusammenbruchs der kapitalistischen Wirtschaft beschäftigen. Hier werden wir nämlich denselben fundamentalen politischen Widerspruch entdecken, den sie unbeabsichtigt eingeführt hatte als Voraussetzung ihrer ganzen Argumentation.

Sie kritisierte ihre Sachverständigen in der deutschen und österreichischen Sozialdemokratie, Tugan-Baranowskis Epigonen, nicht bloß wegen ihrer Zurückweisung der unvermeidlichen Tendenz in Richtung auf den wirtschaftlichen Zusammenbruch des Kapitalismus, sondern auch für ihre Unfähigkeit, eine angemessene theoretische Erklärung für die periodischen zyklischen Krisen zu geben, und zwar:

"Der Standpunkt der 'Sachverständigen' führt nun aber zu einer Reihe interessanter Konsequenzen, die weiter durchzudenken sie sich offenbar nicht die Mühe genommen haben.

Erste Konsequenz. Wenn die kapitalistische Produktion für sich selbst schrankenlose Abnehmerin, d.h. Produktion und Absatzmarkt identisch sind, dann werden Krisen als periodische Erscheinung völlig unerklärlich. Da die Produktion, 'wie die Schemata zeigen', beliebig akkumulieren kann, indem sie ihren eigenen Zuwachs wieder zur neuen Erweiterung verwendet, so ist rätselhaft, wie und warum Zustände entstehen können, wobei die kapitalistische Produktion keinen genügenden Absatz für ihre Waren findet. Braucht sie doch, nach dem Rezept der 'Sachverständigen', die überschüssigen Waren nur selbst zu schlucken, in die Produktion (teils als Produktionsmittel, teils als Lebensmittel für die Arbeiter) zu stecken, 'und ebenso in jedem folgenden Jahr', wie 'die Tabelle IV' Otto Bauers zeigt. Der unverdauliche Warenrest würde sich dann im Gegenteil in neuen Segen der Akkumulation und Profitmacherei verwandeln. Jedenfalls verwandelt sich die spezifische Marxsche Auffassung der Krise, wonach diese sich aus der Tendenz des Kapitals ergibt, über jede gegebene Marktschranke in immer kürzerer Zeit hinauszuwachsen, in eine Absurdität. Denn wie könnte in der Tat die Produktion über den Markt hinauswachsen, da sie ja selbst der Markt für sich ist, der Markt also stets von selbst, automatisch, ebensoschnell wächst wie die Produktion? Wie könnte, mit anderen Worten, die kapitalistische Produktion periodisch über sich selbst hinauswachsen? Sie könnte es so gut, wie jemand über den eigenen Schatten springen kann. Die kapitalistische Krise wird ein unerklärliches Phänomen. Oder es bleibt dann für sie nur eine Erklärung übrig: Die Krise ergibt sich nicht aus dem Mißverhältnis zwischen Ausdehnungsfähigkeit des Absatzmarktes, sondern lediglich aus Disproportionalität zwischen verschiedenen Zweigen der kapitalistischen Produktion" (RLGW 5/444f.).

Diese spezifisch marxistische Theorie der Periodizität der Krisen, gemäß der Krisen das Resultat der Tendenz des Kapitals seien, in immer kürzerer Zeit über jede Marktschranke hinauszuwachsen, ist nichts anderes als Kautskys Argument von 1902, welches, wie wir gesehen haben, Rosa zustimmend zitiert. Kautsky argumentiert wie folgt:

"Sobald die kapitalistische Produktion zur entwickelten Großindustrie geworden ist, wie dies in England schon im 19. Jahrhundert der Fall war, enthält sie die Möglichkeit derartiger sprunghafter Ausdehnung, daß sie jede Erweiterung des Marktes binnen kurzem überholt. So ist jede Periode der Prosperität, die einer erheblichen Erweiterung des Marktes folgt, von vornherein zur Kurzlebigkeit verurteilt, und die Krise wird ihr notwendiges Ende" (Kautsky, zitiert nach RLGW 5/449).

Genau auf diesem theoretischen Fundament entwickelte Kautsky nicht ohne Grund seine Konzeption einer verlängerten Periode chronischer Depression mit einer bestimmten Anzahl zyklischer Auf- und Abschwünge, welche sich in der Folge gegenseitig vertiefen. Wir haben auch bereits bemerkt, daß Rosa Luxemburgs Kritik an Kautsky mit dem Inhalt, er sehe nur das Krisenproblem, "ohne, wie es scheint, zu bemerken, daß die kapitalistische Akkumulation auch abgesehen von Konjunkturschwankungen ein Problem darstellt" (RLGW 5/449), ziemlich einseitig ist. Luxemburg meint hierbei nicht mehr und nicht weniger als die Frage des schließlichen ökonomischen Zusammenbruchs, ohne daß sie auf die Frage von langen Perioden chronischer Depression eingeht. Ja mehr noch: Dies ist keine konkrete Frage, die sie damit letztendlich anpackt, noch zeigt die Fragestellung irgendein besonderes Verständnis von den Problemen. Und das ist kein Zufall, wie wir noch sehen werden. Nichtsdestoweniger könnte möglicherweise Luxemburgs Konzeption benützt werden, wenn auch nicht völlig befriedigend, zur theoretischen Begründung des Phänomens verlängerter Perioden chronischer Depression genau wegen der Ähnlichkeit zwischen ihrer und Kautskys Formulierungen und ihres Ansatzes.

Gemäß Rosa Luxemburg führt die Entwicklung der kapitalistischen Großindustrie, der Massenproduktion, der kapitalistischen Entwicklung der Produktivkräfte nicht zu Krisen oder zu einem wirtschaftlichen Zusammenbruch des Kapitalismus in Folge der sinkenden Profitrate, sondern aus anderen Gründen - wegen seiner Tendenz, mit sich immer mehr beschleunigender Geschwindigkeit über jeden neuen nicht-kapitalistischen Markt hinauszuwachsen. In dieser Konzeption werden die zyklischen Krisen, verursacht durch die Unmöglichkeit einer Realisierung des gesamten produzierten Mehrwerts, zeitlich enger aufeinander folgen und vermutlich auch tiefer werden. Hier hätten wir unbestreitbar eine Theorie der langen Perioden chronischer Depression vor uns, die unweigerlich, früher oder später, im ökonomischen Zusammenbruch des Kapitalismus enden müßten. Was nicht klar ist, das ist genau die Frage, welche Beziehung nun herrscht zwischen diesem schließlichen Untergang des Kapitalismus und der totalen Dominanz der Weltwirtschaft unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen - in den Marxschen Reproduktionsschemata und in Luxemburgs theoretischen Grenzen der erweiterten kapitalistischen Reproduktion.

 

6. Pessimismus, Optimismus & ihre dialektische Aufhebung

Hier sollten wir dem Widerspruch entgegentreten, der im ganzen Gebäude dieser katastrophistischen oder pessimistischen Anschauung der Zukunft der kapitalistischen Wirtschaft auf Weltebene liegt. Sie geht unbewußt mit ihrem eigenen optimistischen Gegenstück schwanger. Wir wissen, daß Kautsky tatsächlich 1914 (!) eine optimistische Position von seiner falsch gestellten halb-katastrophistischen Position von 1902 aus entwickelte. Im Artikel über den Ultra-Imperialismus drückte er die Hoffnung aus, daß der Kapitalismus noch weit von seinen Grenzen am Weltmarkt entfernt sei. Luxemburg könnte auf der Basis ihrer gemeinsamen theoretischen Wurzeln mit Kautsky genausogut argumentiert haben, daß die Entwicklung von Großindustrie, Massenproduktion und Produktivität der Arbeitskraft unter dem Kapitalismus nicht nur zu einer riesigen Masse von Waren führt, sondern auch zu einer ungeheuren Masse immer billigerer Waren im Verhältnis zum Arbeitsaufwand und zu den Arbeitskosten. Dieses Faktum einmal vorausgesetzt, müßte theoretisch jeder Markt, der in einem Versuch geöffnet wurde, die kapitalistischen Krisen zu lindern, zur Aufnahme einer relativ größeren Masse dieser immer billigeren Waren fähig sein. Krisen müßten daher dazu tendieren, seichter zu werden und Aufschwünge länger und ausgeprägter in der Entwicklung des Kapitalismus; schlußendlich bis die theoretischen Grenzen der kapitalistischen Produktion in der völligen Zerstörung aller nicht-kapitalistischen Märkte tatsächlich immer näher rückt. Aber selbst heute noch, einmal ganz abgesehen von der Zeit, als Luxemburg ihre Werke geschrieben hat, ist der Kapitalismus noch immer weit davon entfernt, die völlige Eliminierung der nicht-kapitalistischen Märkte im Luxemburgschen Sinne, also die restlose Zerstörung der nichtkapitalistischen Warenproduktion, erreicht zu haben. Die Bauernschaft ist weltweit nach wie vor eine riesige Klasse. Selbst von diesem Blickwinkel betrachtet, möchte es scheinen, als habe der Kapitalismus ökonomisch noch eine überaus lange Strecke zu gehen...

Aber vielleicht könnten diese zwei gegensätzlichen Konzeptionen, abgeleitet auf der Basis von Luxemburgs Schriften, in ihrer Kombination beides theoretisch erklären - sowohl die langen Perioden der kapitalistischen chronischen Depression - 1873-1895 oder 1920-1948 -, aber auch die langen Perioden kapitalistischer Expansion - 1895-1920, die Jahrzehnte nach 1948 -, beides Erscheinungen auf einer weltweiten Ebene. Kein Zweifel, beide Konzeptionen beschreiben bestimmte Grundzüge dieser zwei Typen von verlängerten und periodischen Entwicklungen in der Geschichte des Imperialismus. Aber, abgesehen von allem anderen, würde solch eine Theorie völlig unfähig sein zur Analyse der tatsächlichen Dynamik dieses Gesamtprozesses. Denn sie umfaßt keine ökonomische Erklärung ihrer inneren Logik, warum es zu einem solchen übergeordneten Umschlag zwischen den längeren Perioden kommen kann, d.h. zu den Umschlagpunkten zwischen einer Periode chronischer Depression und einer solchen chronischer Expansion und umgekehrt. Nur die Marxsche Theorie der steigenden organischen Zusammensetzung des Kapitals, der Tendenz der fallenden Profitraten und als Ausdruck dieser fundamentalen Tendenzen, der periodischen Erneuerung und Ersetzung des fixen Kapitals kann ökonomisch diese größeren historischen Umschlagpunkte erklären.

Hier soll nicht nahegelegt werden, daß Luxemburgs Position in der Periode 1913 bis 1915 und danach einfach mit der vom Kautsky des Jahres 1902 identifiziert werden könne. 1902 erkannte Kautsky auf theoretischer Ebene, daß die ganze moderne Geschichte des Kapitalismus in Richtung hin auf die reizende Alliteration, Krisen, Konflikte und Katastrophen, tendiere - und damit unweigerlich hin auf deren revolutionäre Überwindung. Luxemburg hingegen argumentierte 1913/1915 und bis zum Ende ihres Lebens, daß der Imperialismus die höchste Stufe des Kapitalismus sei und unvermeidlich eine Epoche von Kriegen und Revolutionen mit allen Formen von Katastrophen für die gesamte Menschheit heraufbeschwören müsse. Darin liegt eine ganze Welt an Unterschieden zwischen Kautsky, der theoretisch die wirkliche Natur der Epoche 1902 mitten in einer langen Periode "friedlicher" kapitalistischer Entwicklung sah, nur um diese wahre Natur sowohl in der Theorie als auch in der Praxis genau in dem Moment zurückzuweisen, als seine theoretischen Prognosen verwirklicht wurden - und Rosa Luxemburg, die diese Natur in der Theorie anerkannte und einen unversöhnlichen praktischen Kampf gegen den Imperialismus inmitten des imperialistischen Krieges selbst führte.

In letzter Analyse war Rosa Luxemburgs größtes historisches Verdienst, die opportunistische Degeneration der Mehrheit des marxistischen Zentrums mit seinem Papst Kautsky an der Spitze in der Zweiten Internationale, lange bevor Lenin diese Degeneration gesehen oder bekämpft hatte, gesehen - und dagegen gekämpft zu haben. In diesem Kampf erkannte sie als Marxistin zurecht die Unerläßlichkeit der Verteidigung einer Theorie des unvermeidlichen ökonomischen Zusammenbruchs des Kapitalismus als theoretische Basis eines revolutionären Programms. Und in dieser theoretischen Verteidigung stellte sie sich vehement einerseits gegen die leere fatalistische Idee des unvermeidlichen wirtschaftlichen Kollaps des Kapitalismus, dem folglich der gleichermaßen unvermeidliche Sieg des Proletariats und der Aufbau des Sozialismus folgen müsse. Auf der anderen Seite aber auch gegen die ebenso leere Hülse des Voluntarismus der Revisionisten, die theoretisch für die Möglichkeit einer schrankenlosen ökonomischen Ausdehnung des Kapitalismus eintraten und daher die abgedroschene Schlußfolgerung zogen, daß der Sozialismus lediglich durch die aktive und bewußte Intervention des Proletariats, der dann aber keine ökonomische Notwendigkeit zugrundeliege, realisiert werden könne. Dem stellte Luxemburg die nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts völlig korrekte berühmte historische Alternative gegenüber, die sich durch die unvermeidlich dem Imperialismus innewohnende Tendenz zum ökonomischen Kollaps aufdrängte - entweder Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei:

"Das Kennzeichen des Imperialismus als des letzten Konkurrenzkampfes um die kapitalistische Weltherrschaft ist nicht bloß die besondere Energie und Allseitigkeit der Expansion, sondern - dies das spezifische Anzeichen, daß der Kreis der Entwicklung sich zu schließen beginnt - das Zurückschlagen des Entscheidungskampfes um die Expansion aus den Gebieten, die ihr Objekt darstellen, in ihre Ursprungsländer. Der Imperialismus führt damit die Katastrophe als Daseinsform aus der Peripherie der kapitalistischen Entwicklung nach ihrem Ausgangspunkt zurück. Nachdem die Expansion des Kapitals vier Jahrhunderte lang die Existenz und die Kultur aller nichtkapitalistischen Völker in Asien, Afrika, Amerika und Australien unaufhörlichen Konvulsionen und dem massenhaften Untergang preisgegeben hatte, stürzt sie jetzt die Kulturvölker Europas selbst in eine Serie von Katastrophen, deren Schlußergebnis nur der Untergang der Kultur oder der Übergang zur sozialistischen Produktionsweise sein kann. Im Lichte dieser Auffassung gesehen, gestaltet sich die Stellung des Proletariats gegenüber dem Imperialismus zur Generalauseinandersetzung mit der Kapitalsherrschaft. Die taktische Richtschnur seines Verhaltens ist gegeben durch jene geschichtliche Alternative" (RLGW 5/520f.).

Sie geht nun dazu über, herauszuarbeiten, daß die Sachverständigen des Zentrums nicht nur den Kapitalismus als ökonomisch schrankenlos betrachteten, sondern auch dachten, daß die ökonomische Entwicklung ausschließlich auf nationaler Grundlage Platz greife - also so etwas wie eine Theorie des Kapitalismus in einem Lande -, und ein dementsprechendes praktisches Programm verfochten. Die folgende Passage aus ihrer Antikritik charakterisiert und faßt das politische Programm des Reformismus in Bezug auf den Imperialismus bis herauf auf unsere Tage zusammen:

"Ganz anders verlaufen die Richtlinien vom Standpunkte des offiziellen 'sachverständigen' Marxismus. Der Glaube an die Möglichkeit der Akkumulation in einer 'isolierten kapitalistischen Gesellschaft', der Glaube, daß 'der Kapitalismus auch ohne Expansion denkbar' sei, ist die theoretische Formel einer ganz bestimmten taktischen Tendenz. Diese Auffassung zielt dahin, die Phase des Imperialismus nicht als historische Notwendigkeit, nicht als entscheidende Auseinandersetzung um den Sozialismus zu betrachten, sondern als boshafte Erfindung einer Handvoll Interessenten. Diese Auffassung geht dahin, der Bourgeoisie einzureden, daß der Imperialismus und Militarismus ihr selbst vom Standpunkt ihrer eigenen kapitalistischen Interessen schädlich sei, dadurch die angebliche Handvoll der Nutznießer dieses Imperialismus zu isolieren und so einen Block des Proletariats mit breiten Schichten des Bürgertums zu bilden, um den Imperialismus zu 'dämpfen', ihn durch 'teilweise Abrüstung' auszuhungern, ihm den 'Stachel zu nehmen'! Wie der Liberalismus in seiner Verfallzeit von der schlechtinformierten Monarchie an die besserzuinformierende appelliert, so will das 'marxistische Zentrum' von der schlechtberatenen Bourgeoisie an die zu belehrende, vom imperialistischen Katastrophenkurs an internationale Abrüstungsverträge, von dem Ringen der Großmächte um die Weltdiktatur des Säbels an die friedliche Föderation demokratischer Nationalstaaten appellieren. Die Generalauseinandersetzung zur Austragung des weltgeschichtlichen Gegensatzes zwischen Proletariat und Kapital verwandelt sich in die Utopie eines historischen Kompromisses zwischen Proletariat und Bourgeoisie zur 'Milderung' der imperialistischen Gegensätze zwischen kapitalistischen Staaten" (RLGW 5/521f.).

Der große Widerspruch in Rosa Luxemburgs individueller politischer Entwicklung liegt in der offensichtlich paradoxen Beziehung zwischen ihrem praktischen programmatischen Bruch mit dem Revisionismus und der theoretischen Basis ihrer Konzeption des Imperialismus. Bei Kautsky sahen wir, wie seine Unterkonsumtionstheorie von 1902 schlußendlich den theoretischen Ausgangspunkt hin zu einer kompletten theoretischen und praktischen Kapitulation vor Imperialismus und Revisionismus bildete. Andererseits sahen wir in der Geschichte, wie eine ähnlich unterkonsumtionistische Theorie den Ausgangspunkt für Lenins totalen programmatischen Bruch mit Imperialismus und Revisionismus abgab. Und nun konnten wir weiters verfolgen, wie Kautskys früher Ansatz den theoretischen Ausgangspunkt für Luxemburgs Bruch mit den Revisionisten, nicht zuletzt mit Kautsky selbst, abgab.

Aber, anders als Lenin, nahm Luxemburg die unterkonsumtionistische Seite von Kautskys Position, verallgemeinerte sie systematisch und baute sie aus auf Kosten jeder Beziehung zu den Disproportionalitätstheorien. In diesem Prozeß gab sie der Unterkonsumtionstheorie eine scheinbar linke radikale theoretische Wendung. Aber in der Tat war diese Wendung nichts anderes als ein Zugeständnis an das Gebäude der Disproportionalitätstheorien, genauer gesagt an den theoretischen Revisionismus. Solch ein wachsender Widerspruch zwischen Theorie und Praxis kann aber nicht auf Dauer gutgehen. Die Entscheidung hätte in der einen oder anderen Richtung fallen müssen, wäre sie nicht im Jänner 1919 ermordet worden.