Thesen zu revolutionärer Betriebs- und
Gewerkschaftsarbeit
Einleitung: Im deutschsprachigen Raum, stärker als in anderen Ländern der
Welt, ist die subjektiv revolutionäre Linke heute von der ArbeiterInnenklasse
weitgehend isoliert. Sie verfügt de facto über keine Verankerung in Betrieben
und stellt in der Folge in den Gewerkschaften keinen relevanten Faktor dar. Für
marxistische RevolutionärInnen stellt dieser Zustand eine dramatische Schwäche
dar. Er hat eine Reihe von bedeutenden objektiven Ursachen: Faschismus, Kalter
Krieg, „Wohlfahrtsstaat“, Sozialpartnerschaft etc. Dieser
gesamtgesellschaftliche Rahmen erschwert revolutionäre Betriebs- und
Gewerkschaftspolitik massiv muss bei Entscheidungen für oder gegen eine solche
Politik stets mitbedacht werden und kann nicht voluntaristisch überwunden
werden. Dennoch spielt auch die Politik der subjektiv revolutionären Linken
eine Rolle, wobei es in der gegebenen Situation schwierig ist, einen Weg
zwischen ultralinkem Abenteurertum und opportunistischer Handwerkelei zu finden.
Wir fassen im Folgenden unseren diesbezüglichen Diskussionsstand thesenartig
zusammen.
1) KommunistInnen sehen in einer revolutionären ArbeiterInnenklasse das einzig
mögliche Subjekt zur Zerschlagung des bürgerlichen Staates und zur Beseitigung
des kapitalistischen Ausbeutungssystems. Deshalb ist die Verankerung in dieser
Klasse (in den Betrieben, Wohnvierteln, Gewerkschaften, ArbeiterInnenkomitees
etc.) ein zentrales Ziel für jede revolutionäre Organisation. Die
wirtschaftlichen Kernbereiche und strategisch wichtigen Betriebe, in denen eine
große Zahl von Lohnabhängigen konzentriert ist, spielen dabei eine besondere
Rolle, denn dort kann das System in seinem Kern, der Profitmacherei der
KapitalistInnenklasse, getroffen werden, dort ist das kollektive Kampfpotential
der ArbeiterInnen am größten. Prinzipiell und längerfristig muss sich deshalb
jede revolutionäre Organisation speziell auf eine Verankerung in diesen
Bereichen, auf eine Betriebsarbeit in diesen Bereichen orientieren.
2) Gewerkschaften sind einerseits die elementarste Klassenorganisation des
Proletariats, ein oft breiter Zusammenschluss zur kollektiven Verteidigung
unmittelbarer Klasseninteressen gegen das Kapital, der Kämpfe führen und zur
Entwicklung von Klassenbewusstsein beitragen kann, eine „Kriegsschule der
Arbeiter“ (F. Engels). Eine nur-gewerkschaftliche ArbeiterInnenpolitik hat
aber andererseits auch die Tendenz, in der kapitalistischen Logik gefangen zu
bleiben, sich ihr unterzuordnen und sich auf „realistische“
Verteilungspolitik zu beschränken. Heute sind international die allermeisten
Gewerkschaften, im deutschsprachigen Raum besonders offenkundig, von
reformistischen bürokratischen Apparaten kontrolliert, die als „politische
Polizei“ des Kapitalismus (L. Trotzki) agieren und eine Selbsttätigkeit der
Klasse im Keim zu ersticken trachten. Gewerkschaften bleiben für KommunistInnen
dort dennoch Bezugspunkte, wo sie tatsächlich substantielle Gruppen von
ArbeiterInnen in Betrieben und Branchen als Klasse gegen das Kapital
organisieren egal ob es sich dabei um Einheitsgewerkschaften oder
Richtungsgewerkschaften handelt. In diesen Fällen orientieren sich RevolutionärInnen
grundsätzlich darauf, die Bürokratie zu entmachten, die Gewerkschaften
demokratisch und klassenkämpferisch zu machen und zu revolutionieren.
3) Eine solche Ausrichtung auf die Revolutionierung der Gewerkschaften muss aber
in der Luft hängen bleiben, wenn sie sich nicht auf eine eigene Verankerung
oder zumindest einen relevanten politischen Einfluss in Betrieben stützt. In
den gewerkschaftlichen Strukturen und Zirkeln findet sich heute im
deutschsprachigen Raum in der Regel nicht eine aktive Gewerkschaftsbasis,
sondern sie werden dominiert von PersonalvertreterInnen und
GewerkschaftsfunktionärInnen. Auch wenn etliche von ihnen kritisch und manche
ehemalige radikale Linke sind, so sind sie doch in einem handwerklerisch-ökonomistischen
Verständnis und in der Logik der gewerkschaftlichen Spielregeln gefangen. Wenn
man/frau ohne eigene Verankerung in Betrieben als RevolutionärIn in dieses
Milieu interveniert, kommt man/frau bestenfalls in eine RatgeberInnen- und
HelferInnenfunktion. Die Entscheidungsmöglichkeit darüber, was für eine
Politik gemacht wird, haben immer andere. Die RevolutionärInnen sind bei einer
solchen Intervention vom „good will“ von linksreformistischen
GewerkschaftsfunktionärInnen oder PersonalvertreterInnen abhängig. Auch die
Erfahrungen von vielen subjektiven RevolutionärInnen im deutschsprachigen Raum
in den letzten Jahrzehnten zeigen deutlich, dass revolutionäre Interventionen
in gewerkschaftliche Strukturen oder linke Gewerkschaftszirkel ohne eigene
Verankerung aller Wahrscheinlichkeit nach im bürokratischen Apparat ersticken
oder selbst zu linksgewerkschaftlicher Handwerkelei verkommen müssen. Um
Entwicklungen in diesem Milieu mitzuverfolgen und revolutionäre Propaganda zu
verbreiten, kann es natürlich sinnvoll sein, an Veranstaltungen solcher
Strukturen (wie an denen verschiedenster Strömungen der Linken) teilzunehmen;
eine kontinuierliche Intervention aber hat unter den angeführten
Voraussetzungen keine Perspektive.
4) Eine erfolgreiche revolutionäre Betriebsarbeit kann eventuell ziemlich
schnell um gewerkschaftliche Arbeit nicht herum kommen. Dennoch ist das
vorhergehende und zentralere Ziel einer revolutionären Politik die
Betriebsarbeit und die Verankerung selbst. Dieses Ziel ist unter den heutigen
Bedingungen im deutschsprachigen Raum (weitgehende Kontrolle der Gewerkschaften
durch die bürokratischen Apparate, weitgehendes Fehlen von selbsttätigen
Kampftraditionen in der Klasse) alles andere als leicht zu erreichen. Relativ
einfach ist es, sich durch (politisch unausgewiesenes) Engagement für die
KollegInnen zum/r Betriebsrat/rätin oder zum/r PersonalvertreterIn wählen zu
lassen. Dabei ist die Gefahr groß, als „beliebter“ Betriebsrat
handwerklerisch-linksgewerkschaftliche StellvertreterInnenpolitik zu betreiben
und sich in betrieblichem Kleinkram aufzureiben. Nicht zufällig haben subjektiv
revolutionäre Organisationen solche GenossInnen, die sie als BetriebsrätInnen
oder PersonalvertreterInnen kandidiert haben, oft verloren, da eine solche Art
von betriebsrätlicher Tätigkeit mit einem revolutionären Organisationsaufbau
kaum in Verbindung stand und da die Doppelbelastung durch diese beiden Tätigkeiten
(besonders für GenossInnen mit Kindern) oft nicht dauerhaft zu bewältigen war.
Bei den beschränkten Kräften der subjektiv revolutionären Gruppen ist der
Beginn einer Betriebsarbeit, und damit auch des Einlassens auf den betrieblichen
Kleinkrieg, sehr genau zu überlegen und vor allem in ein Verhältnis zu dem
heute zentralen Ziel des revolutionären Organisationsaufbaus zu setzen. Das
bedeutet, die Chancen sehr realistisch in ein Verhältnis zum Risiko zu setzen,
denn es ist der revolutionären Organisation nicht geholfen, wenn durch unüberlegte
innerbetriebliche Zuspitzungen GenossInnen ihre Jobs und Existenzgrundlagen
verlieren.
5) Wenn sich eine revolutionäre Organisation, nach Berücksichtigung objektiver
Kriterien, aufgrund ihrer Stärke und politischen Stabilität entschließt (und
das kann immer nur eine Entscheidung einer Organisation und nicht von Individuen
sein), revolutionäre Betriebsarbeit, den Aufbau einer politischen Verankerung
von innen, zu starten, ist mit weiteren Fragestellungen und Fallstricken zu
rechnen. Die erste Frage betrifft die Auswahl eines geeigneten Betriebes, in dem
einE oder mehrere GenossInnen arbeiten. Für Kleinbetriebe wird sich der Aufwand
in der Regel nicht lohnen. Ein weiteres Kriterium ist, ob in der Belegschaft für
revolutionäres oder zumindest klassenkämpferisches Agieren Ansatzpunkte
bestehen. Dann muss man/frau aufpassen, sich nicht zu früh bei
innerbetrieblichen Konflikten zu weit zu exponieren. Nur zu leicht können einen
die KollegInnen dann im Regen stehen lassen und mit einer frühzeitigen Kündigung
wäre das Projekt im Keim erstickt. Anfänglich heißt es defensiver vorgehen
und sich eine Rückendeckung in Form einer Betriebsgruppe aufzubauen, einer
Gruppe von KollegInnen mit Gemeinsamkeiten in zentralen Fragen. Wichtig dabei
ist eine klar antisozialpartnerschaftliche und klassenkämpferische Grundlinie
und eine Einigkeit über demokratische Entscheidungsprozesse in der Belegschaft
(Transparenz und Selbsttätigkeit statt Geheimverhandlungen). Auch wenn es
gelungen ist, eine solche Gruppe zu formieren, muss von einer frühzeitigen
innerbetrieblichen Zuspitzung Abstand genommen werden, da in einem solchen Fall
die Gefahr besteht, dass die Gruppe durch die Betriebsleitung und
Werkschutz/Sicherheitsdienst etc., eventuell in Kooperation mit Betriebsrats-
und Gewerkschaftsbürokratie, besonders bei großen Konzernen auch in
Kooperation mit Staatspolizei/Staatsschutz, in einer Phase attackiert wird, in
der sie sich noch nicht ausreichend schützen kann, und zerschlagen wird. Es ist
deshalb sinnvoll, sich nicht von jedem Ansatz einer Bewegung mitreißen und so
schnell abschießen zu lassen, sondern politisch gestützt auf die formierte
Betriebsgruppe Betriebsratsfunktionen (und damit einen relativen Kündigungsschutz)
anzustreben. Dabei ist es wichtig, dass - da nur der/die zum
BetriebsratsvorsitzedeN gewählteR ListenersteR reale Entscheidungsmacht hat -
die eigenen GenossInnen selbst die Listenführung übernehmen und so die
Betriebsleitung nicht eineN weniger politisch bewussteN ListenersteN einkaufen
kann. Die Betriebsratstätigkeit muss wie in der Kandidatur betriebsöffentlich
angekündigt StellvertreterInnenpolitik vermeiden und auf Selbsttätigkeit
setzen. Alle Betriebsratssitzungen müssen für alle ArbeiterInnen offen zugänglich
sein. Alle Entscheidungen bezüglich der Vorgangsweise gegenüber der
Betriebsleitung müssen von der Belegschaft in Betriebsversammlungen getroffen
werden, womit ein gezielter Bruch mit der bürokratischen und
paternalistischen Praxis in vielen Betrieben vollzogen wird. Freilich ist nicht
der Aufbau einer isolierten und deshalb meist kurzzeitigen betrieblichen
Gegenmacht heute das zentrale Ziel für KommunistInnen, sondern der revolutionäre
Organisationsaufbau. Diesem muss jede Betriebsarbeit untergeordnet sein. Das
bedeutet, dass revolutionäre Betriebsarbeit durch allgemeinpolitische
Propaganda unter der Belegschaft (von innen oder von außen) begleitet sein
muss, dass speziell die Situation von besonders unterdrückten Schichten der
ArbeiterInnenklasse (Frauen, MigrantInnen) regelmäßig thematisiert und dass
die Betriebsarbeit in der Linken und ArbeiterInnenbewegung als Beispiel benutzt
werden muss. Die Betriebsarbeit in einem Bereich muss auch immer eine Sache der
revolutionären Organisation sein (und nicht nur die der betroffenen GenossInnen),
d.h. sie erfordert regelmäßige Diskussion in der Organisation und
systematische Unterstützung durch weitere dafür verantwortliche GenossInnen.
6) Wenn eine revolutionäre Organisation zu schwach ist, um den massiven
Kraftaufwand einer Betriebsarbeit leisten zu können, und/oder keine GenossInnen
in für Betriebsarbeit geeigneten Bereichen hat, können Interventionen in ein
betriebliches/proletarisches Milieu unter dem Niveau einer Betriebsarbeit überlegt
werden. Ebenso wie Interventionen in linksgewerkschaftliche Zirkel ohne eigene
Verankerung eine Sackgasse darstellen, sind einmalige Flugblattaktionen im Fall
von spontan bekannt gewordenen betrieblichen Konflikten wenig
erfolgversprechend. Bei derartigen Aktionen werden zwar die Flugblätter linker
Gruppen von den ArbeiterInnen meist gern genommen, auch deshalb weil vor
Betrieben kaum jemals etwas verteilt wird und solche Flugblätter noch
dazu mit Bezug auf einen innerbetrieblichen Konflikt, der die Leute gegenwärtig
beschäftigt etwas exotisch-interessantes haben. Das ist zugleich auch das
Problem: die den Beschäftigten bisher unbekannte linke Kleingruppe und ihre
„radikalen“ Vorschläge sind letztlich zu fremd, um wirklich ernst genommen
zu werden. Auch wenn sich erst einmal viele über die Solidarität von außen
freuen und es positive Rückmeldungen von einem Teil der Belegschaft gibt, so
vertrauen die Beschäftigten dann doch auf die ihnen bekannten Betriebsräte.
Die linken Gruppen haben nicht die Möglichkeit nachzusetzen (wenn ein Konflikt
einmal begonnen hat, ist es zu spät eine Kontinuität aufzubauen) und
derartigen Interventionen mit all ihrem Kraftaufwand verpuffen in aller Regel.
Bei betrieblichen oder gewerkschaftlichen Konflikten, die gesellschaftlich
bedeutend sind und bei denen man/frau als revolutionäre Organisation einen
Zugang zur Basis hat, können Interventionen durchaus sinnvoll sein; allerdings
geht es dann vor allem um die eigene Erfahrung und man/frau sollte sich nicht
der Illusion hingeben, darüber einen Einfluss in die Klasse aufbauen zu können.
Das muss sich auch auf den Charakter der Intervention auswirken (nicht möglichst
viele Flugblätter, sondern Beobachtung, Gespräche, vertiefendes Material).
7) Bei Interventionen in einen proletarischen/betrieblichen Bereich ist
Kontinuität eine zentrale Sache, um ernst genommen zu werden und zu einem
politischen Faktor werden zu können. Wenn die Voraussetzungen für eine
Betriebsarbeit von innen für eine revolutionäre Organisation nicht vorhanden
sind, können kontinuierliche Interventionen von außen in Betriebe oder andere
Bereiche eines proletarischen Milieus einen brauchbaren Zwischenschritt
darstellen. Wenn man/frau über keine Kontakte in den betreffenden Betrieb und
damit über keine internen Informationen und kaum Möglichkeiten der Rückmeldung
verfügt, wird man/frau sich auch mit regelmäßigem Verteilen von Flugblättern
etc. mit großer Wahrscheinlichkeit den Schädel anrennen. Wenn die revolutionäre
Organisation über solche Kontakte verfügt, ist damit eine Voraussetzung für
eine kontinuierliche Betriebsintervention gegeben. Allerdings sind darüber
hinaus noch andere Fragen zu klären: Kann die Organisation aufgrund ihrer Stärke
und politischen Stabilität eine ernsthafte kontinuierliche Intervention
leisten? In welchem Verhältnis stehen der Kräfteaufwand (Produktion und
Verteilung von Materialien, regelmäßige Treffen mit den Kontakten in den
Betrieb etc.) mit dem Nutzen für den revolutionären Organisationsaufbau
(Erfahrungen im betrieblich-proletarischen Milieu, interessierte ArbeiterInnen
ins Umfeld der Organisation ziehen)? Bietet die politische Stimmung zumindest
bei Teilen der Belegschaft Ansatzpunkte für revolutionäre Propaganda? Gibt es
in diesem Betrieb (oder in einem anderen ausgewählten proletarischen Milieu) an
allgemein gesellschaftlichen Fragen interessierte ArbeiterInnen, die für einen
Kontakt zur radikalen Linken offen sind? Denn nur solche ArbeiterInnen und
nicht die weitgehend nur gewerkschaftlich und betrieblich orientierten
sind heute in eine revolutionäre Organisation integrierbar. Dementsprechend
muss eine revolutionäre Propaganda in ein betriebliches/proletarisches Milieu
neben den die Lohnabhängigen unmittelbar betreffenden Aspekten auch
gesamtgesellschaftliche und politische Fragen systematisch einbringen. Schließlich
muss jede solche Intervention dem Aufbau der revolutionären Organisation
untergeordnet sein.
beschlossen am 10. Mai 2004 (nach einem Entwurf von AGM-Betrieb/Wien)