Einige Bemerkungen zur
BAWAG – Krise
Die
österreichischen Konservativen der Schüssel-ÖVP sehen die Chance, dass sie
trotz all der asozialen Angriffe der letzten Jahre im Herbst noch einmal
stärkste Partei werden können. Die österreichischen Kapitalist/inn/en
frohlocken, weil sie vermutlich noch nie so billig zu einer Großbank gekommen
sind, wie sie demnächst die Gewerkschaftsbank BAWAG kassieren werden.
Die
Schadenfreude der Rechten ist nicht unbegründet. Mit gescheiterten
Finanzspekulationen hat die ÖGB-Führung die österreichische
Gewerkschaftsbewegung in eine tiefe Krise gestürzt. Mit dem Gesamtvermögen des
ÖGB (inklusive Streikfond) haben Ex-ÖGB-Präsident Verzetnitsch & Co. für
die Verlustgeschäfte der BAWAG gebürgt. Nun ist die Zeche zu begleichen; Gewerkschaftsgelder
in Milliardenhöhe gehen verloren.
Dass den
saturierten ÖGB-BürokratInnen Kapitalinteressen wichtiger sind als die
Interessen der Gewerkschaftsmitglieder, beweisen sie auch nachdem das
Finanzdebakel öffentlich wurde. Nationalbankanteile und BAWAG werden
verschleudert, gegenüber Nationalbank/Regierung der Streikfond offen gelegt.
Ein
Leitartikel in der ÖGB-Zeitschrift „Solidarität“ (Nr. 890) stellt die
Prioritäten klar: Der Verkauf der BAWAG sei „das beste für die Entwicklung der
Bank. (...) Ziel muss es sein, die Stärke der BAWAG P.S.K. auf den
Kapitalmärkten zu sichern und auszubauen. (...) Der ÖGB will damit einen
Beitrag leisten, dass der Finanzplatz Österreich aus den negativen Schlagzeilen
kommt und dem internationalen Ruf gerecht wird.“
Dieser
staatstragende Müll ist freilich keine Überraschung, sondern nur der aktuellste
Ausdruck der kapitalistischen Logik der ÖGB-Führung. Bereits vor 14 Monaten,
also lange vor Bekanntwerden der BAWAG-Machenschaften, haben wir in unseren
Thesen „Die politische Situation in Österreich“ die entsprechende Problematik
der österreichischen Gewerkschaften analysiert:
„15) Der
ÖGB ist eine bürokratisch beherrschte Struktur. Die Delegierten bei den
Kongressen werden von den Führungen bestimmt und wählen wieder die Führungen.
In den meisten Gewerkschaften gibt es keine Basisversammlungen. Durch
zahlreiche Posten (Sozialversicherungen, Aufsichtsräte, Parlament) sind die
Gewerkschaftsbürokrat/inn/en ein Teil des bürgerlichen Systems geworden und
sind es trotz Zurückdrängungen auch weiterhin. Die politische Logik der
Gewerkschaftsbürokratie ist die der Verwaltung des österreichischen
Kapitalismus und seines Staates.
16)
Darüber hinaus ist der ÖGB auch Teil der Kapitals selbst. Er besitzt zu 100%
die Banken BAWAG und PSK, zwei der größten Banken das Landes (und die
Verschlechterungen, gegen die die Beschäftigten von BA-CA jetzt kämpfen, haben
die bei der BAWAG schon längst) und einige kleinere Banken (Sparda-Bank,
Verkehrskreditbank, Kapital- und Wertbank). Fast alle Teilgewerkschaften
besitzen Immobiliengesellschaften, allein die Privatangestelltengewerkschaft
GPA verfügt über 6.000 Wohnungen, 2.800 Garagen und 100 Geschäftslokale (mit
einem Buchwert von 400 Millionen Euro) – und sie betreiben diese Gesellschaften
im wesentlichen auch wie normale kapitalistische Unternehmen. Der ÖGB ist
(inklusive den BAWAG-Anteilen) mit 20% nach der Republik der größte
Einzelaktionär an der Nationalbank. In seinem Eigentum ist die Privatstiftung
Solidarität (Druckerei, Medienbeteiligungen, Buchvertrieb,
Immobilienmanagement, Finanzverwaltung) ebenso wie Hotels, Ferienanlagen und
41% des Privatfernsehens ATV. Damit hat der ÖGB auch die Interessen einer
Kapitalgruppe und handelt im überwiegenden Teil auch danach. Das hat nur zu
deutliche Auswirkungen auf seine Politik.
17) Die
ÖGB-Bürokratie ist so ins System integriert, über so viele Kanäle mit der
Bourgeoisie verbunden, dass von ihr auch in Zukunft keine klassenkämpferische
Politik zu erwarten ist. Obwohl sie ein Interesse hat, ihre Basis (die
Beitragszahler/innen und den Einsatz bei sozialpartnerschaftlichen Deals) zu
halten, wird sie weiter bereit sein, diverse asoziale Angriffe „konstruktiv“
mitzuverwalten. Wichtig ist der ÖGB-Spitze vor allem, dass sie als
Verhandlungspartner an Bord bleibt, denn das ist ihre Existenzberechtigung.
Eine Revolutionierung solcher Gewerkschaften ist also ein langfristiges
Projekt.“ (die kompletten Thesen siehe: http://www.agmarxismus.net/stellungnahmen/oe_thesen.htm)
Zur
aktuellen Situation sind folgende grundsätzliche Dinge zu sagen: Von den jetzt
angekündigten „raschen Reformen“ („stärker, schneller, moderner, transparenter
und demokratischer“ soll der ÖGB laut „Solidarität“, Nr. 891, werden) der
sozialdemokratischen ÖGB-Bürokratie selbst sind keine substantiellen Änderungen
zu erwarten. Demokratische und kämpferische Gewerkschaften, die nicht einer
Kapitalgruppe oder dem „Finanzplatz Österreich“ verpflichtet sind, sondern den
Lohnabhängigen in Österreich und international, können nur von unten, durch die
Gewerkschaftsbasis, erreicht werden. Das wird nur als längerer Prozess in einer
Wechselwirkung aus Selbstorganisation, Klassenkämpfen und der Stärkung von
radikaleren politischen Kräfte in der ArbeiterInnenklasse möglich sein.
In jedem
Fall müssen sich klassenbewusste GewerkschafterInnen gegen jegliche Einmischung
der KapitalistInnenklasse und ihrer Medien und PolitikerInnen in die
Angelegenheiten der ArbeiterInnenbewegung aussprechen. Mit Verzetnitsch,
Hundsdorfer & Co., mit ihren Privilegien und ihrer kapitalhörigen Politik
müssen wir selbst aufräumen. Die bürgerlichen PolitikerInnen und
JournalistInnen geht das einen Dreck an und sollen sich zum Teufel scheren.
Zur
genaueren Einschätzung der BAWAG-ÖGB-Krise verweisen wir auf eine Stellungnahme
der „AL-Antifaschistische Linke“, einer befreundeten Organisation, mit der wir
eng zusammenarbeiten:
http://www.sozialismus.net/texte/innen/forderungen-oegb-neu.html
Für eine Einschätzung der politischen Situation
in Österreich mit einer Bilanz der Arbeitskämpfe der letzten Jahre siehe
unsere Stellungnahme von 2005.